Rieke und der Quacksalber

Kapitel 10


© by sunny768

Während im Rathaus die außerordentliche Sitzung tagte, ging es im Hause Wollhaupt drunter und drüber. Rieke hätte sich am liebsten irgendwohin verkrochen, so sehr nervte sie der Trubel um ihren Bräutigam. Da ihre Kammer gleich neben seiner lag, war es unausbleiblich, dass sie jede noch so kleine Regung mitbekam. Dabei wollte sie lieber allein sein und dem Treffen mit Konrad am Abend entgegen fiebern.

Leider blieb ihr nichts anderes übrig, als sich an der Pflege des Kranken zu beteiligen. Ständig wurde sie von ihrer Mutter, die inzwischen wie eine Glucke an Andres Bett wachte, hin und her gescheucht. Rieke hol dies, Rieke hol das, Rieke beeile dich. Wofür hatten sie eigentlich Dienstboten? Die junge Frau verstand die Welt nicht mehr. Sie war heilfroh, als endlich ihr Vater aus dem Rathaus zurückkehrte und zu Abend gegessen werden konnte.

„Du siehst ermüdet aus“, sprach Augusta ihren Gatten während des Essens an. Die Sitzung heute dauerte ungewöhnlich lang, was bei der Lage in der Stadt recht verständlich war.

„Oh ja, da hast du recht“, erwiderte Wolfhardt, nachdem er seinen Bissen Brot hinunter geschluckt und den Bierschaum vom Bart gewischt hatte. „Die Ratsherren waren sehr in Aufruhr und nur schwer im Zaum zu halten.“

„Wie ich dich kenne, wirst du auch dies gemeistert haben“, meine Augusta daraufhin, ihn dabei liebevoll anlächelnd. Sie kannte ihren Mann nur zu gut. Er konnte sich durchsetzen, nicht nur in seinem Kontor oder bei Geschäftspartnern, sondern auch unter den Ratsherren von Arnstadt.

„Wir konnten uns sogar darauf einigen, wie wir weiter verfahren“, erklärte Wolfhardt mit vor Stolz geschwollener Brust. Dann erzählte er seiner Frau, was die Ratsherren beschlossen hatten. Eigentlich war die Angelegenheit keine, die eine Frau interessieren sollte, doch seine Gemahlin interessierte sich für alles, was ihren Gatten betraf. Dazu gehörten auch seine Ämter, die er in der Stadt inne hatte. Nicht nur einmal konnte sie ihm mit einem Rat beiseite stehen, was Wolfhardt seiner Frau hoch anrechnete.

Rieke, die so tat, als wäre sie mit dem Essen beschäftigt, hörte genau zu. Erfreut erfuhr sie somit, dass ihr heimlicher Galan die Zulassung erhielt, seine Heilkunst im Spital anwenden zu dürfen. Dies war zwar nicht das, was sie sich für ihn wünschte, doch noch war nicht aller Tage Abend. Die Ratsherren würden sich überzeugen können, welch Wissen Konrad besaß und dass er in der Lage war, das Fieber zu bekämpfen.

Nach dem Abendmahl saß die Familie noch einige Zeit in der Wohnstube. Die Mutter stickte an seinem Tuch, während Rieke an einem Schal arbeitete, den sie ihrem Bräutigam schenken wollte.

Roman, der jüngste der Wollhaupt-Brüder war bereits auf der Ofenbank eingeschlafen. Zusammengerollt lag er an die Seite seiner Mutter gekuschelt und sprach im Schlaf. Die beiden älteren Brüder spielten mit Holzfiguren. Sie hätten zwar noch gerne eine Weile mit den Nachbarskindern in der Gasse herumgetobt, doch ihre Mutter erlaubte dies nicht. Einige ihrer Nachbarn waren ebenfalls am Fieber erkrankt. Daher hatte sie Sorge, ihre Söhne könnten sich anstecken. Rieke hatte seit einiger Zeit ebenfalls Ausgehverbot. Doch die Tochter hielt sich nur ungern daran und entwischte immer wieder der aufmerksamen Mutter, um sich mit ihren Freundinnen zu treffen.

„Ihr solltet nun zu Bett gehen“, sagte Augusta zu ihren Söhnen, die ohne zu murren gehorchten. Sie räumten noch ihr Spielzeug in die Kiste unter der Ofenbank und wünschten den Eltern und ihrer Schwester eine gute Nacht. „Ich komme gleich noch einmal zu euch“, verabschiedete die Mutter die Jungen. Sie legte ihre Arbeit beiseite, um auch ihren Jüngsten ins Bett zu bringen. Der Knabe wurde nicht einmal wach, als seine Mutter ihn in ihre Arme nahm.

„Ich gehe dann auch zu Bett“, kündigte Rieke an und räumte ihre Nähsachen in das Körbchen, in dem sie neben Nadeln und Garn auch noch andere Kleinigkeiten, wie Knöpfe und Schleifen aufbewahrte. „Ihr erlaubt, dass ich noch eine Weile in den Garten gehe, ehe ich mich zur Nachtruhe begebe?“, fragte das Mädchen ihre Eltern. „Die frische Luft wird mir beim Einschlafen helfen.“

„Aber natürlich, mein Kind“, erwiderte der Vater.

„Danke sehr“, entgegnete Rieke, „ich wünsche Euch dann eine gute Nacht“, sagte sie noch und ging nach draußen. Sie durchquerte den Flur und ging durch die Hintertür hinaus in den Garten. Die Blumen, die ihre Mutter gepflanzt hatte, verströmten ihren betörenden Duft und ließen sie den Gestank vergessen, der die meiste Zeit in der Gasse vor dem Haus herrschte. Rieke wohnte mit ihren Eltern in einer eigentlich wohlhabenden Gegend der Stadt. Hier hielt sich in den Gassen keinerlei Getier auf wie in den Armenvierteln. Es war aber auch hier Gang und Gäbe, dass die Anwohner ihre Notdurft und das Abwasser einfach auf die Straße gossen.

Langsam schlenderte sie durch den Garten, zupfte dabei hier und da ein Unkraut zwischen den Pflanzen heraus und warf es den Hühnern vor, die bereits in ihrem Verschlag hockten und leise gackerten. Während sie so durch den Garten flanierte, kam sie dem kleinen Tor in der Mauer am hinteren Ende des Grundstückes immer näher.

Als sie das Tor zu Gesicht bekam, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie musste das Haus gar nicht durch den Vordereingang verlassen. Wenn sie das Gartentor benutzte, musste sie zwar einen Umweg machen, aber sie könnte ungesehen der elterlichen Macht entfliehen. Sie brauchte die Tür nicht fest verschließen, sondern nur den Riegel, der auch von außen bedienbar war, vorschieben. Daher wäre es ein Leichtes, genauso unbemerkt nach Hause zurückzukehren. Meistens war nachts auch der Hintereingang zum Haus offen.


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