Rieke und der Quacksalber

Kapitel 12


© by sunny768

Unruhig wälzte sich Rieke auf ihrem Bett hin und her. Sie kam an diesen Abend nicht zur Ruhe. Immer wieder sah sie Konrad vor sich, wie sie auf seinem Schoß saß und er sie so himmlisch küsste, dass ihr jetzt noch die Röte ins Gesicht schoss, wenn sie nur daran dachte. Auch die herrlichen Gefühle, die er in ihr ausgelöst hatte, ließen sie nicht mehr los. Ja, sie war verliebt, bis über beide Ohren unsterblich verliebt. Sie würde alles dafür tun, nur um ihn wieder zu sehen und wenn sie dafür von zu Hause ausreißen müsste. Das Mädchen sehnte sich danach, in seinen Armen zu liegen.

Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass Friedbert ihr heimlich zu dem Stelldichein mit Konrad gefolgt war und dies dann auch noch ihrem Vater brühwarm erzählt hatte. Bisher nahm sie an, der Knecht sei ihr wohlgesinnt. Doch da hatte sie wohl falsch gedacht. So wütend hatte sie ihren Vater noch nie erlebt. Und noch etwas konnte sie in seinem Gesicht ablesen: Enttäuschung über sie, seine Tochter.

Einerseits konnte das Mädchen seinen Groll verstehen. Immerhin hatte sie ihn zum wiederholten Male hintergangen und sich seinen Anweisungen widersetzt. Anderseits sah sie es nicht ein, warum sie ihm stets bedingungslos zu gehorchen hatte.

„Da ist mein Vater selbst dran schuld“, dachte die junge Frau trotzig. Sie stand auf und lief aufgeregt hin und her. „Warum verlangt er auch von mir, dieses Ekel Andres zu ehelichen. Er muss doch sehen, dass ich damit nicht glücklich bin. Wurde nicht auch er ohne seine Zustimmung einfach mit meiner Mutter verheiratet? Gerade sie müssten wissen, wie es ist, einfach verheiratet zu werden.“ Dass ihre Eltern im Laufe der Jahre zu einem sich liebenden Paar wurden, daran dachte sie in ihrer Situation gar nicht.

Rieke hielt es in ihrer Kammer nicht mehr aus. Sie musste unbedingt an die frische Luft, sonst drohte sie zu ersticken. Leise stand sie auf und horchte an ihrer Tür. Im Flur war es mucksmäuschenstill. Vorsichtig öffnete sie ihre Tür und schlüpfte hinaus. Sie horchte nochmals. Nur aus der elterlichen Kammer war das leise Schnarchen ihres Vaters zu hören, ansonsten war es ruhig im Haus.

Am liebsten hätte sie die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich aus dem Haus geschlichen. Nur weg von hier, so schnell es ging. Doch nie und nimmer würde sie an der Stube des wachsamen Knechtes vorbeikommen, deren Tür sich direkt unten am Fuße der Stiege befand. Sollte sie es trotzdem wagen? Gerade wollte sie zurück in ihre Kammer, als unten eine Tür geöffnet wurde. Eine verschlafene Else mit einer Laterne in der Hand trat auf den Flur.

Schnell trat Rieke von der Treppe zurück, denn Else hielt ihr Licht hoch und leuchtete nach oben. „Friedbert, du hörst mal wieder einmal die Flöhe husten, da ist nichts“, sagte Else zu ihrem Gatten, der hinter ihr im Türrahmen stand.

„Ich bin mir aber sicher, oben Schritte gehört zu haben“, erwiderte Friedbert grimmig und sah in jede Ecke. „Du weißt doch, was der Herr befohlen hat, ich soll Augen und Ohren offen halten. Er will über jeden Schritt seiner Tochter Bescheid wissen.“

„Du glaubst doch wohl nicht, das Fräulein Rieke geht mitten in der Nacht aus dem Haus, wo es ihr Vater ihr strengstens verboten hat“, knurrte die Magd ihren Mann an.

„Sie war oft genug ungehorsam, dass wir auch damit rechnen müssen. Dieser Quacksalber hat ihr so den Kopf verdreht, dass sie völlig verrückt nach ihm ist und alles tut, um ihn wiederzusehen. Dabei ist dieser Andres, dessen Gattin sie werden soll, so ein lieber Kerl“, meinte Friedbert, womit er mit seiner Vermutung teilweise recht hatte.

„Wenn du wüsstest“, dachte Rieke und schlich zurück in ihre Kammer. Sie blieb noch an der Tür stehen, um nach unten zu horchen. Auch da wurde eine Tür geschlossen und wenig später war wieder Ruhe im Haus. Ihren Ausflug musste sie wohl oder übel auf später verschieben. An Friedbert kam sie keinesfalls vorbei, ohne von ihm bemerkt zu werden.


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