Rieke und der Quacksalber

Kapitel 14


© by sunny768

„Ich muss mich zusammenreißen. Es muss sein“, dachte Rieke und wandte sich energisch ab. Auch wenn ihr das Herz schmerzte, musste sie ihr Elternhaus verlassen, in dem ihr Bräutigam auf die Hochzeit mit ihr wartete. Außerdem musste Konrad gewarnt werden. Sie könnte es sich nie verzeihen, wenn ihm etwas zustoßen sollte.

Der Mann hatte sie verzaubert mit seinem Lächeln, das er ihr schenkte. Andres, ihr Bräutigam hatte sie noch nie so verliebt angeschaut wie Konrad. Dafür hatte er sie auf übelste Art und Weise beschämt. Für ihn war sie nur ein Weib, das ihm zu gehorchen hatte und ihm Erben gebären sollte. Mit diesem Mann konnte und wollte sie nie und nimmer ihr Leben verbringen. Da war der Heilkundige von ganz anderer Natur.

Eiligen Schrittes ging Rieke weiter und verbot sich, weiterhin an ihre Eltern und Geschwister zu denken. Auch wenn es heute das letzte Mal gewesen sein sollte, dass sie die geliebten Menschen sah, in ihrem Herzen würden sie weiter bleiben.

Die Straßen und Gassen der Stadt waren dunkel und verwinkelt. Hinter jeder Ecke konnte Gefahr lauern, der Rieke auf ihrem Weg zu Konrad ohne Schutz ausgeliefert sein würde. Doch das Risiko nahm sie gerne auf sich, bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit.

Endlich näherte sich die junge Frau dem „Bären“, in dem Konrad und die Gauklertruppe Quartier bezogen hatte. Sie schaute sich um, ob jemand in der Nähe war und schlüpfte durch die Tür ins Innere. Qualm und Gestank nach kaltem, verdorbenem Braten schlug ihr entgegen. Rieke schaute sich um. Doch unter den anwesenden Gästen konnte sie ihren Galan nicht entdecken.

Schüchtern trat sie an den Tresen, hinter dem ein Mann stand, der Bier in Krüge abzapfte. Seine Kleidung sah nicht danach aus, als hätte sie in der letzten Zeit Wasser und Seife gesehen. Auch der Mann selbst sah dreckig aus. Sein Haar klebte ihm verschwitzt am Kopf, der Schweiß lief regelrecht in Strömen seinen Hals herunter und nässte das schmierige Hemd, das er trug.

„Na meine Schöne“, sagte der Kerl zu Rieke. Dabei entblößte er eine Reihe schwarz verfärbter Zähne. „Was willst du?“, fragte er sie.

Rieke nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Ich möchte zu Konrad Klausner“, erwiderte sie.

„Du meinst den Heiler?“, wollte der Wirt wissen.

„Genau, den meine ich“, sagte Rieke. „Wo ist er? Ich muss ihn dringend sprechen.“

„Wenn du es ganz nötig hast, kannst du auch zu mir kommen“, meinte der Wirt grinsend und machte eine obszöne Bewegung mit den Hüften.

Rieke erkannte, was er meinte. Sie wurde rot. „Das will ich nicht!“, erwiderte sie barsch. „Ich will nur zu Konrad Klausner. Es ist wirklich dringend!“

„Na dann eben nicht“, tat der Mann etwas beleidigt. „Sigurd, weißt du, wo der Klausner ist?“, fragte er eine Schankmagd, die eben mit ein paar leeren Krügen zum Tresen kam und sie krachend darauf abstellte.

„Wer will das wissen?“, fragte sie, genauso barsch wie der Mann hinter dem Schanktisch.

„Ich, es ist dringend, bitte sagt mir, wo der Klausner ist“, widerholte Rieke und schaute zu der Magd, die auch nicht viel sauberer war als der Wirt.

„Na dann komm mal mit“, sagte die Magd und ging zur Treppe, die nach oben führte. Sie stieg hinauf und rief Rieke zu, sie solle ihr endlich folgen.

Rieke folgte der Schankmagd endlich die Treppe hinauf. Die obszönen Sprüche, die einige der Gäste hinter ihr herriefen, ließen sie noch mehr erröten. In welche Spelunke war sie nur geraten. Hurenmädchen gehörten hierher, aber keine ehrbare Bürgertochter wie sie eine war.


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