Rieke und der Quacksalber

Kapitel 16

letztes Kapitel


© by sunny768

Antwerpen im Sommer des Jahres 1525


Rieke schlenderte mit Gislind kurz vor dem Mittag über den Wochenmarkt. Im Schlepptau hatten sie den kleinen dreijährigen Sohn Leon der jungen Frau, der nach seinem Großvater Leon van der Aar genannt wurde. Gislind plapperte aufgeregt auf ihre Herrin ein, die hier und da stehenblieb, um die Auslagen der Händler zu begutachten. Dass sie dabei beobachtet wurden, bemerkten die beiden Frauen nicht.

„Herrin, Ihr solltet Euch nicht zu sehr strapazieren“, wurde Rieke von ihrer Magd zur Vorsicht gemahnt. „Denkt an das Kind, das Ihr unter Eurem Herzen tragt.“ Gislind fürchtete nichts mehr als dass die junge Frau sich zu sehr anstrengen würde.

„Gislind, übertreibe es doch nicht immer so maßlos“, erwiderte Rieke lachend. Dabei musste sie ihren Bauch festhalten, der durch die weit fortgeschrittene Schwangerschaft stark angeschwollen war. Noch ein paar Tage und das heiß ersehnte nächste Kind der Familie van der Aar würde das Licht der Welt erblicken. Ob es wieder ein Knabe werden würde? Oder doch ein Mädchen, wie sie es sich diesmal wünschte?

„Ihr wisst doch, was die Hebamme Euch geraten hat. Ihr sollt Euch ausruhen und Euch nicht zu sehr anstrengen“, widerholte die Magd die Worte der Hebamme.

Wieder lachte Rieke auf. „Ich soll mich aber auch ein wenig bewegen. Das hat noch niemanden geschadet, auch keiner Schwangeren“, sagte sie, nachdem sie wieder Luft bekam. „Außerdem tut es Leon auch gut, mal unter Menschen zu kommen.“

„Ja, aber Ihr solltet auch keinen Gewaltmarsch machen und um Leon kann ich mich doch kümmern. Es ist heute viel zu heiß für Euch“, ließ sich Gislind nicht von ihrer Meinung abbringen.

„Ich werde mich wohl oder übel geschlagen geben müssen. Vorher wirst du keine Ruhe geben“, erwiderte die Hochschwangere. „Gehen wir zum Brunnen und setzen uns da ein wenig in den Schatten.“ Zielstrebig lief Rieke durch die Gassen, die die Händler zwischen ihren Ständen gelassen hatten, damit die Kunden die Waren begutachten konnten.

Während sie in Richtung Brunnen gingen, verspürte Rieke einen stechenden Schmerz, der sich vom Rücken zum Bauch hinzog. Heftig atmend blieb sie stehen. Die junge Frau kannte diese Vorzeichen nur zu gut. Die Wartezeit auf ihr zweites Kind würde heute wohl ein Ende finden.

Gislind bemerkte das schmerzverzerrte Gesicht ihrer Herrin. Aufmerksam beobachtete sie diese. Noch ließ sie sich ihre Beobachtung nicht anmerken. Sie kannte Rieke gut genug. Nie würde sie zugeben, welche Pein sie erlitt.

Aufatmend setzten sich die Frauen auf den Brunnenrand. Rieke zog ein Tuch aus ihrem Kleid und tauchte es in das kühle Nass des Brunnens. Dann wischte sie sich damit über das Gesicht, um sich ein wenig abzukühlen. Das Gleiche tat sie bei Leon, dessen Gesicht bereits gerötet war. Die Sonne prallte unbarmherzig vom Firmament. Leider stand sie um die Mittagszeit so hoch, dass die große Skulptur keinen Schatten spendete. Gislind beobachtete Rieke weiter, ohne dass diese es bemerkte, genauso wie den Bettler, der auf der Kirchentreppe saß und in ihre Richtung starrte.

Wieder durchfuhr die Schwangere ein stechender Schmerz, der sie diesmal gequält aufstöhnen ließ. Plötzlich bemerkte sie, wie es ihr nass die Beine hinunterlief. Schon bildete sich eine große Pfütze zu ihren Füßen. Erschrocken schaute Rieke auf. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte.

„Ich glaube, wir sollten so schnell wie möglich nach Hause gehen“, bemerkte Gislind wie nebenbei, worauf Rieke ohne Worte zustimmte. Noch am selben Abend brachte sie ohne Mühen ein kleines Mädchen zur Welt, das auf den Namen Augusta getauft wurde. Der frisch gebackene Vater kümmerte sich rührend um das kleine Mädchen und seine Frau. Am liebsten hätte er die Nacht in der Kammer der Wöchnerin verbracht. Doch diese brauchte Ruhe, um sich von der Geburt zu erholen.


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