Sally

Fern von zu Hause

Auszug aus Kapitel 8


Nur sehr widerwillig folgte Sally den beiden leicht bekleideten Frauen, die sie in die Badestube führen sollten.

Als Lani die Tür zur Küche hinter sich schloss, drehte sie sich zu Sally um. „Ich weiß, am Anfang wird es schwer sein. Mir ging es auch nicht anders als dir", sagte sie zu ihr. Sie ergriff ihre Hand und drückte sie freundschaftlich. „Das wird schon werden, glaub mir. Du gewöhnst dich schneller daran als du denken magst“, versuchte sie Sally zu trösten. Dann wandte sie sich um und ging weiter den langen Flur entlang.

Während Sally Lani und Sabrin folgte, sah sie sich genau um und merkte sich jede Tür, die sie passierten. Sabrin erklärte ihr, die Räume hinter den Türen wären dazu gedacht, den Mädchen des Hauses einen Rückzugsort zu bieten, wenn sie die Freier bedienten. Das wäre das einzig Gute daran, unter der Obhut eines Hurenwirtes zu arbeiten. Andere Dirnen, die ihre Kunden auf der Straße oder in dunklen Ecken bedienen mussten, hätten ein viel schlimmeres Los. Da käme es schon mal vor, dass einer ohne zu bezahlen von dannen ging oder das Mädchen gleich in die ewigen Jagdgründe schickte. Sally bekam eine Gänsehaut, als sie das hörte. So hatte sie sich ihr weiteres Leben nicht vorgestellt. Sie nahm sich vor, so schnell wie möglich von diesem elendigen Ort zu fliehen.

Während Sabrin vor Sally in Richtung Badestube ging, erklärte sie ihr die weiteren örtlichen Begebenheiten des Hauses. In der oberen Etage allerdings wären die Unterkünfte der Mädchen, die hier arbeiteten. Dort wäre auch ihre Schlafstatt. Sie zeigte auf die erste Tür, gleich oben neben der Treppe. „Da gehen wir nachher hoch“, sagte sie zu Sally. „Aber erst einmal müssen wir dich wieder hübsch machen. Du brauchst unbedingt ein Bad und neue Kleidung. So können wir dich nicht die Freier empfangen lassen. Dein Haar ist auch verfilzt.“ Sabrin redete und redete ohne Unterlass.

Ab und an hörte Sally hinter den verschlossenen Türen leises Stöhnen. Im Haus schienen doch mehr Menschen zu sein, als sie angenommen hatte. Sie errötete schamhaft, wenn sie daran dachte, was dort gerade geschieht. Bald würde auch sie in solch einem Raum den Freiern ihre Dienste anbieten müssen. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich einem Mann hingeben zu müssen, den sie nicht liebt. Sehnsüchtig dachte sie an Sir Selwyn, der ihr so glühende Blicke zugeworfen hatte, dass es ihr ganz warm ums Herz wurde. Warum nur hatte sie nicht auf die warnenden Worte ihrer Freunde gehört? Was Selwyn jetzt wohl gerade tat? Schnell wischte sie die sehnsüchtigen Gedanken weg, zu schmerzhaft war die Erinnerung an ihn.

Sabrin, die nun stehen geblieben war und Sally entgegenblickte, lächelte leicht, als sie die aufziehende Röte der Neuen bemerkte. „Daran gewöhnst du dich schnell“, meinte sie lächelnd und öffnete eine Tür. „Komm jetzt, wir sind da“, sagte sie und zog den Neuankömmling in den dahinter befindlichen Raum. „Lani, du trödelst schon wieder. Mach endlich. Aelfric wird wieder böse, wenn wir uns nicht beeilen. Wir haben schon genügend gebummelt.“

Neugierig sah sich Sally um. Im Raum war es warm. Auf einer Feuerstelle standen einige Töpfe, in denen heißes Wasser brodelte. Der Dampf schwebte durch das ganze Zimmer und trübte ihnen die Sicht. Ein Badezuber stand bereits mitten in der Kammer. Auf Leinen, die von einer zu anderen Wand gespannt waren, hingen nasse Kleidungsstücke und Laken.

„Hilf mir, das heiße Wasser einzugießen“, bat Lani Sally, die sofort mit zufasste und den schweren Kessel in den Zuber ausschüttete. Wie aus heiterem Himmel freute sie sich auf das Bad. Sie fühlte sich schmutzig und besudelt. Es dauerte nicht lange und Sally konnte sich im heißen Wasser entspannen. Als sie ihr zerrissenes Nachthemd auszog, stießen ihre beiden Begleiterinnen entrüstete Schreie aus. Sallys Körper war mit blauen Flecken und Schrammen übersät.

Erschrocken sah Sally an sich herunter. Ihre Brüste zierten Flecken, die eindeutig harten Händen zuzuschreiben waren. Auch an den Oberarmen und den Oberschenkeln waren unzählige Kratzer zu erkennen.

„Oh weh, das sieht ja schlimm aus“, jammerte Sabrin herzerweichend. „Welch Grobian hat dich so zugerichtet. Das wird deinen Freiern nicht gefallen.“

„Halb so schlimm“, versuchte Sally sie zu beruhigen. „In ein paar Tagen wird davon nichts mehr zu sehen sein. Was denkst du, wie der Kerl nach der Schlägerei mit dem Hurenwirt aussah, der mich so zugerichtet hat.“ Dabei grinste sie verschmitzt, obwohl sie die Erinnerung an diese Szene keineswegs zum Lachen reizte.

„Unter deinem linken Auge hast du auch eine Schramme, die sich langsam blau verfärbt“, sagte Lani, die Sally ihr Nachthemd abnehmen wollte. Sanft streichelte sie wie zum Trost über Sallys Wange. „Edwina wird dir nachher bestimmt zeigen, wie du das fast unsichtbar machen kannst.“

„Rodney hat mich geschlagen, als ich am Hafen entwischen wollte“, erzählte Sally. „Mich stört es nicht, wie ich aussehe. Also mach dir nicht zu viele Gedanken darum.“

„Aber mich stört es, wenn du so zugerichtet wirst. Keine Frau hat es verdient, von einem Hurensohn fast zum Krüppel geschlagen zu werden“, erwiderte Lani mit sorgenvollem Gesichtsausdruck. „Vor Rodney musst du dich in Acht nehmen. Der Kerl ist ein Grobian. Er nimmt sich alles, ob du willst oder nicht. Vor allem, wenn Aelfric nicht im Hause ist. Da spielt er sich auf, als wäre er der Hausherr und tyrannisiert alle. Sogar Edwina hat so ihre Probleme mit ihm“, warnte Lani noch. „Sieh zu, dass du niemals allein mit ihm bist und wenn doch, behalte ihn im Auge und bleibe nah an der Tür.“

„Hat er dich auch geschlagen?“, wollte Sally wissen.

„Geschlagen sehr oft, wenn ich mich vor seinen Zugriffen gewehrt habe. Aber er hat auch noch sehr viel Schlimmeres mit mir getan“, erwiderte Lani. Sie hob ihr Kleid und zeigte eine lange Narbe, die sich von ihrem Knie bis zur Hüfte nach oben zog. „Daran wäre ich fast verreckt“, spie sie angewidert aus. „Mit dem Messer wollte er mich massakrieren, weil ich ihm nicht ranlassen wollte. Ich konnte zwar noch ausweichen. Doch er erwischte mich trotzdem mit seiner Klinge. Zum Glück nur hier am Oberschenkel.“

„Du machst mir wirklich große Angst“, murmelte Sally, die von Lanis Erzählung eine Gänsehaut bekam.

„Lass ihm deine Angst nicht spüren. Er kann das riechen wie ein geifernder Bluthund“, mischte sich nun Sabrin ein. „Wenn wir damals Edwina und ihre Heilkunst nicht gehabt hätten, hätten wir Lani auf dem Schindacker verscharren müssen. Doch nun genug geschwatzt, ab in den Zuber.“


Weiter geht es bei

www.elpforum.de
www.elpforum.de