Rieke und der Quacksalber

Kapitel 2


© by sunny768

„Rieke, Rieke, wo steckst du schon wieder“, rief Wigald, Riekes Bruder, so laut er konnte. Seine Schwester, die eben im Garten war und Unkraut vom Karottenbeet entfernte, richtete sich mit schmerzendem Rücken auf. Mit dem Handrücken wischte sie sich die verschwitzten Haare aus ihrem vor Anstrengung geröteten Gesicht.

„Was schreist du hier so rum. Komm lieber her und hilf mir“, antwortete sie ihrem Bruder, als dieser nun den Garten betrat, um seiner Schwester die Bitte ihres Vaters mitzuteilen.

„Geh rein, Vater verlangt nach dir“, erwiderte Wigald. „Mach dich vorher aber ein wenig zurecht, wenn Vater sieht, wie dreckig du herumläufst, wird er außer sich sein. Da ist auch noch jemand bei ihm, den er dir vorstellen möchte.“ Wigald grinste verschmitzt, als er an den jungen Mann dachte, den er bei seinem Vater im Kontor gesehen hatte. Irgendetwas war da im Busch, er wusste nur noch nicht, was.

„Warum sollte ich mich herausputzen wie ein Pfau“, sagte Rieke hochnäsig. „Wer mich sehen will und sich nicht ankündigt, muss damit rechnen, dass ich nicht in Samt und Seide gekleidet bin.“

„Du wirst schon sehen, Vater wird erbost sein, wenn du so unter seine Augen trittst“, meinte Wigald großkotzig und streckte seiner Schwester frech die Zunge raus.

„Wirst du das wohl lassen, du frecher Lümmel“, begann Rieke zu lachen und drohte dem Kleinen zur Strafe eine Tracht auf dem Hintern an.

„Machst du ja doch nicht“, erwiderte ihr Bruder, sich dabei vor Lachen den Bauch haltend.

„Wart nur ab, du Frechdachs. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Ich werde dich schon noch einfangen und dann kannst du drei Tage nicht auf deinem Hosenboden sitzen“, sagte Rieke noch im Weggehen. Dabei lachte sie über ihren Bruder, der wie immer ein Schelm war und sie liebend gerne foppte. Doch nun sollte sie sich lieber beeilen, dem Wunsch ihres Vaters nachzukommen.

Rieke ging in den Hausflur, wo unter der Stiege ins Obergeschoss immer ein Eimer mit Wasser stand und wusch sie sich Gesicht und Hände. Ihr Kleid glättend trat sie wenig später ins Kontor ihres Vaters ein. Sofort war sie umgeben vom ranzigen Geruch der Wolle, die im Lagerhaus neben dem Kontor aufgestapelt lagerte. Irritiert sah sie sich um. Doch ihr Vater war nicht an seinem gewohnten Platz. So ging sie weiter ins Lager.

Dort entdeckte sie endlich ihren Vater, der ins Gespräch mit einem ihr unbekannten jungen Mann vertieft war. Schüchtern trat sie zu den Männern. Sie wusste, das Familienoberhaupt mochte es gar nicht, wenn er während eines Gespräches mit einem Kunden gestört wurde.

„Vater, Ihr habt nach mir rufen lassen“, sagte Rieke. „Guten Tag, der Herr“, wandte sie sich dann noch höflich grüßend an den Fremden.

„Ach, mein Töchterlein. Endlich!“, erwiderte Wolfhardt ein wenig tadelnd. „Wo warst du so lange und wie siehst du heute wieder aus. Wie eine Bauernmagd. Dass du dich nicht schämst.“

Betreten sah Rieke zu Boden. Dabei schaute sie aus dem Augenwinkel heraus den jungen Gast an, der sie interessiert zu betrachten schien. „Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein, mich wie ein Stück Vieh zu begutachten“, dachte sie empört, als sie die Blicke des Unbekannten bemerkte.

„Ich war im Garten und habe im Möhrenbeet Unkraut gejätet“, erwiderte Rieke ein wenig trotzig.

„Du sollst das doch nicht tun“, tadelte sie Wolfhardt, „das ist Lisbeths Arbeit. Du gehörst zu deiner Mutter. Sticke, nähe und häkle lieber mit ihr an deiner Aussteuer. Dein Verlobungskleid muss außerdem fertig werden. Das ist wichtiger als Gartenarbeit.“ Wolfhardt redete sich in Rage über den Starrsinn seines ältesten Kindes. So sehr er Rieke auch liebte, so hart war er zu ihr. Sie als älteste Tochter eines angesehenen Ratsmitglieds der Stadt Arnstadt hatte sich die Zeit mit der Arbeit einer Herrin zu vertreiben und nicht mit Arbeiten, die nur einer Magd zustanden.

„Lisbeth hat auch so genug Arbeit im Haus. Da kann ich ihr ruhig mal zur Hand gehen“, sagte Rieke trotzig und zog eine Schnute.

„Genug jetzt, keine Widerrede mehr“, wetterte der Vater. „Ich habe dir jemanden vorzustellen. Was soll der junge Herr von so einer widerspenstigen Tochter halten.“ Er drehte sich zu dem Besucher um, der amüsiert auf seinen Gastgeber blickte. „Tochter, darf ich dir deinen Bräutigam vorstellen. Andres van der Aar.“

Rieke rutschte vor Schreck das Herz in tiefer gelegene Regionen. Obwohl sie sonst sehr redegewandt war, wusste sie plötzlich nicht, welche Worte sie wählen sollte, ohne sich in Grund und Boden zu schämen. Sie wusste zwar, ihr Vater würde sie bald verheiraten, doch dass es so schnell sein sollte, überraschte sie sehr.


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