Rieke und der Quacksalber

Kapitel 3


© by sunny768

Wie ein gehetztes, waidwundes Tier rannte Rieke die Stiege hinauf ins Obergeschoss, wo ihre Kammer war. Nur schnell weg von diesem Monster mit der schönen Fassade, mit dem ihr Vater sie verheiraten wollte. Mit lautem Knall schlug sie die Tür hinter sich zu und warf sich schluchzend auf ihr Bett. Heftig schüttelte es sie. Die Tränen rannen über ihr Gesicht, obwohl sie sich geschworen hatte, nie wegen einem Mann zu weinen. Und nun tat sie es doch, obwohl sie diesen Mann noch gar nicht richtig kannte.

Rieke konnte es immer noch nicht fassen, was sie eben unten im Lagerhaus gehört hatte. Sollte sie wirklich nur als treudoofe Gebärmaschine, die zu allem ja und amen sagte, fungieren? Wo blieb da die Liebe, das Verlangen und die Lust, dem Gatten beizuwohnen? Waren die drei Dinge nur ein Traum? Sollte sie sich Andres nur hingeben, um ihm Erben zu gebären? Was würde sein, wenn statt eines Knaben ein Mädchen das Licht der Welt erblickt? Würde sie geschlagen, oder was noch schlimmer wäre, verstoßen werden? Fragen über Fragen, auf die sie keine Antworten wusste. Sie hätte es akzeptieren können, wenn die Verbindung zustande gekommen wäre, um die beiden reichen und bekannten Familien zu vereinen. Es widerstrebte ihr, nur heiraten zu müssen, um der Familie des Ehemanns einen Erben zu gebären. Ansonsten hatte sie nur zu funktionieren und zu gehorchen. Nie die eigene Meinung äußern, immer nur unterdrückt zu werden, an diesen Gedanken konnte und wollte sich das Mädchen nicht gewöhnen. Dasselbe könnte jede gewöhnliche Dirne an ihrer Stelle auch tun. Doch eine Metze wäre wohl nicht gut genug für die edle Familie van der Aar. Nein, da musste die Tochter eines angesehenen Ratsherrn ran.

Am liebsten hätte Rieke laut geschrien, ihren Frust und die Ungerechtigkeit in die Welt hinausposaunt. Ob sie wollte oder nicht, sie musste ihrem Vater gehorchen, wie es sich für eine fügsame und gut erzogene Tochter eines hochgestellten Ratsherrn geziemte. Tat sie dies nicht, würde sie die Ehre ihrer Familie verletzen und sie in unrechtes Licht rücken.

Mühsam erhob sich Rieke von ihrem Bett. Sie ging zum Waschtisch, auf dem Lisbeth für sie wie immer einen Krug mit frischem Wasser bereitgestellt hatte. Rieke schaute in den kleinen Spiegel, der über dem Tisch an der Wand hing. Traurige, vom Weinen gerötete und verquollene Augen blickten ihr entgegen.

„Rieke, Rieke, komm bitte zu Tisch“, hörte sie ihre Mutter von unten rufen.

Das Mädchen erschrak. Sie ging zur Tür und antwortete: „Ich bin gleich da.“

Hastig wusch sie sich das Gesicht mit dem kalten Wasser und rieb sich die Wangen, bis sie rosig waren und gesund aussahen. Schnell schlüpfte sie noch in ein sauberes Kleid und flocht ihre Haare, die sie am liebsten offen trug, zu einem Zopf. Bald würde sie ihre Haarpracht verstecken müssen, denn einer verheirateten Frau geziemte es sich nicht, ihr Haar offen zu tragen. Ihre inzwischen verheirateten Freundinnen hatten sich auch daran gewöhnt, da würde sie es ebenfalls tun.

Als Rieke nach unten kam, saß schon die ganze Familie mit ihrem Gast Andres am Esstisch. Else hatte bereits aufgetragen, alle warteten nur noch darauf, dass sich die Tochter des Hauses zu ihnen setzte.

Andres erhob sich und rückte seiner Braut den Stuhl zurecht. Dabei grinste er sie unverfroren an. Rieke schaute zurück und ließ sich von seinem Blick nicht beeinflussen. „Vielen Dank“, sagte sie nur leise zu ihm. Jedes Wort, das sie an Andres richten musste, war für sie ein vergeudetes Wort. Daher wollte sie so wenig wie möglich mit ihrem Bräutigam sprechen.

Als alle ihre Plätze eingenommen hatten, eröffnete Wolfhardt die Tafel. Anfangs war jeder mit dem Essen beschäftigt. Keiner sprach ein Wort, bis Andres die Stille brach: „Wann gedenkt Ihr, dass Ulrikes und meine Vermählung stattfinden kann“, richtete er das Wort an Wolfhardt, der am Kopfteil des Tisches saß.


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