Rieke und der Quacksalber

Kapitel 04


© by sunny768

Die Tage vergingen für Riekes Empfinden viel zu schnell. Inzwischen weilte ihr Bräutigam Andres bereits zwei Wochen im Haus ihres Vaters. Der junge Mann ging ihm im Kontor zur Hand und bewies nicht nur einmal, dass er bei seinem eigenen Vater in den Niederlanden in Sachen Wollhandel und Verhandlung mit anderen Händlern und Kunden bereits viel gelernt hatte. Riekes Vater war der Meinung, dass sein Eidam längst in der Lage war, ein Geschäft in eigener Regie führen zu können.

Rieke indes verbrachte die meiste Zeit mit ihrer Mutter in deren Kammer. Die Frauen stickten, häkelten und nähten. Riekes Kleid war inzwischen fertig geworden und auch Augustas Robe stand kurz vor der Vollendung.

Immer noch wusste das Mädchen keinen Weg, um die Vermählung mit Andres zu verhindern. Je mehr Zeit verging und der Tag näherkam, desto trauriger wurde sie. Inzwischen sah sie ihre Lage als aussichtslos an. In sich gekehrt saß sie meist an ihren Näharbeiten. Nicht einmal ihre Mutter konnte sie aus ihrem Tief herausholen. Auch Gislind, Elses Tochter und Magd im Hause Wollhaupt, mit der sie als Kind so manchen Streich ausheckte, kam nicht an sie heran.

Etwa eine Woche vor dem Hochzeitstermin fehlte Andres am Frühstückstisch. Rieke nahm an, dass ihn ihr Vater losgeschickt hatte, um die Wolllieferung, die an diesem Tag erwartet wurde, zu kontrollieren. So machte sie sich keine weiteren Gedanken um Andres Abwesenheit und fragte auch nicht nach dessen Verbleib. Erst als gegen Mittag der Stadtmedikus Doktor Melchior ins Haus kam und nach seinem Patienten fragte, wurde sie hellhörig.

„Seit wann haben wir einen Kranken im Haus?“, erkundigte sie sich bei Else, der sie in der Küche bei der Zubereitung des Mittagsessens zur Hand ging.

„Ach, das wisst Ihr noch gar nicht. Euer Bräutigam leidet an Fieber. Daher hat Euer Vater den Medikus zu ihm gerufen“, erklärte ihr die Frau.

„Woher sollte ich das wissen“, entgegnete Rieke. „Heute Morgen machte ich mir über sein Fehlen keine Gedanken. Ich nahm an, Vater hat ihn zum großen Lagerhaus geschickt, um die Wolllieferung in Empfang zu nehmen und zu kontrollieren.“

„Aber nein, dorthin ist er wahrlich nicht gegangen. Er liegt oben in seiner Kammer. Hohes Fieber quält ihn“, sagte Else zu ihr. „Bereits heute Nacht rief er nach mir, damit ich ihm kaltes Wasser und ein anderes Laken bringe. Da war sein Fieber schon sehr hoch und er glühte am ganzen Leib. Ich machte mir da schon Sorgen und wollte nach Euch rufen, doch er hielt mich davon ab. Ich solle Euch nicht beunruhigen.“

Obwohl die Nachricht, die ihr Else überbracht hatte, keine gute war, sah Rieke darin eine Möglichkeit, das Unausbleibliche auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Gott schien doch Nachsicht mit ihr zu haben. Frohgestimmt lief Rieke hinaus in den Garten, wo sie ihre Mutter im Gespräch mit dem Medikus antraf.


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