Rieke und der Quacksalber

Kapitel 6


© by sunny768

Rieke sprang am nächsten Morgen viel zeitiger aus ihrem Bett als an anderen Tagen. Sie hatte sich vorgenommen, noch vor dem Morgenmahl mit ihrem Vater über Konrad Klausner zu sprechen. Das Mädchen wusch sich das Gesicht und machte sich zurecht. Gislind, die wie immer viel eher auf den Beinen war, half ihr, das Haar zu flechten und hochzustecken.

Als Rieke wenig später die Stiege nach unten ging, war in der Küche des Hauses längst Trubel. Sie hörte Else dort rumoren, die bereits das Essen vorbereitete. Das Mädchen nahm den Duft von kross gebratenem Speck wahr, den ihr Vater so gerne aß.

„Guten Morgen, Else“, grüßte Rieke die alte Magd, als sie in die Küche kam. „Ist mein Vater schon aufgestanden?“, wollte sie noch wissen.

„Ach, Fräulein Rieke, guten Morgen. Ihr seid ja schon auf“, grüßte Else zurück. „Euer Vater ist bereits im Kontor“, beantwortete sie Riekes Frage, „Herr Wolfhardt war heute sehr zeitig auf den Beinen. Er konnte bestimmt nicht mehr schlafen. Ist ja auch kein Wunder bei Vollmond.“

„Danke schön, Else“, erwiderte Rieke und hielt ihre Nase über den Ofen, auf dem der Speck in einer Pfanne brutzelte. „Hm, lecker“, sagte sie und wollte heimlich ein Stück mopsen, doch Else sah es und drohte ihr lachend mit erhobenem Finger. „Ich bin ja schon weg“, meinte Rieke, ebenfalls lachend und trollte sich aus Elses Reich, um ihren Vater im Kontor aufzusuchen. Sie fand ihn an seinem Schreibpult stehend, wo er die Summen der letzten Verkäufe auflistete und zusammenzählte.

„Vater, darf ich Euch stören“, fragte das Mädchen, als sie den Hausherrn bereits an der Arbeit sah. Auf seinem Pult stand eine Kerze, die den Raum nur wenig erhellte. Wolfhardt hatte Mühe, die Zahlen in seinem Buch richtig erkennen.

„Komm rein, meine Kleine“, erwiderte Wolfhardt, der von seinem Buch aufblickte und nun seine Tochter an der Tür stehen sah. „Was führt dich um diese Zeit zu mir und warum schläfst du nicht mehr. Es ist doch noch dunkel draußen“, fragte er noch und kontrollierte nochmals die Liste seiner Aufzeichnungen.

„Wir Ihr wisst, besuchte ich gestern Abend noch meinen Bräutigam an seinem Krankenbett“, begann Rieke gleich ohne große Umwege, ihr Anliegen vorzutragen. „Wir sprachen auch über seine Erkrankung. Dabei erzählte ich ihm, dass ich eventuell Hilfe für ihn hätte.“

Wolfhardt hörte gespannt zu. Er wusste, da er im Stadtrat tätig war, dass gegen diese heimtückische Seuche, die derzeit in Arnstadt ihr Unwesen trieb, noch kein Heilmittel gefunden wurde. „Komm auf den Punkt“, drängte der Vater.

„Ich begegnete gestern auf dem Weg zu meiner Freundin Margarethe einem Mann, einem Heilkundigen, der ein Arzneimittel gegen das Fieber hat“, Rieke plapperte so schnell, dass Wolfhardt ihr kaum folgen konnte. Sie war aufgeregt. Keinesfalls wollte sie ihren Vater argwöhnisch machen, ihm beichten müssen, dass ihr dieser Mann heimlich gefolgt war, um zu erfahren, in welchem Haus die Jungfer zu Hause war.

„Du meinst, was unser Stadtmedikus Doktor Melchior bisher nicht vollbracht hat, könnte dieser Fremdling vollbringen“, erkannte Riekes Vater richtig.

„Genau, Vater, Ihr habt richtig verstanden. Doch ob es ihm wirklich gelingt, das Fieber auszumerzen, kann nur Gott sagen. Ein Versuch wäre es wert, die Künste dieses Heilers zu erproben. Mein Bräutigam ist bereits einverstanden, dass er ihn untersucht und behandelt. Nun benötige ich noch Eure Zustimmung, damit ich ihn rufen lassen kann“, sprach das Mädchen weiter.

Wolfhardt überlegte nochmals. Sollte er, als Mitglied des Stadtrates von Arnstadt den Medikus einfach übergehen und jemand anderen als diesen, zur Heilung seines Schwiegersohnes heranziehen. Er wusste, Doktor Melchior hätte auch ohne seinen Eidam genug zu tun. Kranke und Dahinsiechende, die seine Hilfe benötigten, gab es in der Stadt genug. Dass von ihm meist nur gut betuchte Patienten behandelt wurden, ließ er erst einmal außen vor. Immerhin zählte seine Familie auch zu den gut Zahlenden. Um die weniger bemittelten Einwohner kümmerte sich der Bader und um die ganz Armen der Henker und dessen Gattin.

„Hat dieser Fremde dir auch gesagt, ob und wo er Heilkunde studiert hat?“, wollte Wolfhardt noch wissen.

„Das hat er nicht. Er versicherte mir aber, dass er kundig wäre und bereits viele Menschen von diesem heimtückischen Fieber geheilt hätte“, erwiderte Rieke. „Ein Problem wäre dann aber noch. Er hat in der Stadt keine Zulassung zum Behandeln von Kranken“, rückte sie noch mit einem weiteren Detail heraus.


Das gesamte Kapitel finden Sie bei

www.elpforum.de
www.elpforum.de