Leseprobe aus Kapitel 1

"Streitende Paare sollte man streiten lassen"


„Schon wieder aufstehen“, seufzte Anke und streckte sich wohlig in ihrem gemütlichen Bett. Gerade eben war sie aufgewacht, zu einer eigentlich ungewohnt frühen Zeit, ohne dass ein Wecker sie aus dem Schlaf rütteln musste. Doch dann fiel ihr ein, dass sie heute ja gar nicht zur Arbeit musste, denn heute begann endlich der lang ersehnte Urlaub.

„Hey Schatz, wach auf“, flüsterte sie ins Ohr ihres Mannes Christian, der immer noch tief schlummernd in den Federn lag. Dabei rüttelte sie ihn leicht an der Schulter.

„Hmm“, kam von dem Schlafenden nur. Er drehte sich um und zog sich die Decke wieder über den Kopf.

„Komm, aufstehen. Wir wollen heute doch in Urlaub fahren“, ließ Anke sich nicht davon abbringen, ihren Mann wach zu bekommen. Wieder kam von ihm nur ein Grummeln.

„Ich bin aber noch müde“, motzte Christian, nun halbwegs wach. Mit verschlafen blickenden Augen sah er sie an. Doch er dachte noch nicht daran, aufzustehen. So richtig Lust auf diesen Urlaub hatte er auch nicht. Allerdings hatte sich seine Frau mit ihrer Idee, dieses Jahr Ferien auf einem Bauernhof zu machen, durchgesetzt. Er wäre viel lieber in ein schönes Luxushotel gefahren und hätte sich dort von früh bis spät angenehm bedienen lassen. Doch dieses mal musste er in den sauren Apfel beißen und auf Ankes Wunsch eingehen. Irgendwie hatte er das im Gespür.

„Nix da, raus aus den Federn“, stichelte Anke weiter, „komm schon.“

„Hmm“, kam es noch einmal schlaftrunken von Christian. Doch Anke ließ nicht locker, bis er endlich aufstand. „Du kannst einen heute ganz schön nerven“, grummelte er auf dem Weg ins Bad weiter. Er wusste, heute muss er zuerst dorthin. Anke brauchte morgens immer viel zu lange und er war meist zu ungeduldig, um warten zu können.

Doch heute war es irgendwie anders. Anke huschte ihm gleich hinterher. Drängelnd versuchte sie, vor ihm ins Bad zu gelangen. Wahrscheinlich hatte sie es eilig.

„Da hätte ich auch weiter schlafen können, wenn du zuerst rein willst“, murrte er wieder und ließ seiner Frau den Vorrang.

„Wir müssen nachher gleich losfahren, wenn wir rechtzeitig bei den Hubers ankommen wollen. Sie erwarten uns nach dem Mittag“, rief Anke ihrem Mann noch zu bevor sie mit ihrer Morgentoilette begann. Ihrem Mann zuliebe beeilte sie sich sogar damit. Wusste sie doch, er mochte es nicht, wenn sie morgens zu lange im Bad verbrachte. Allerdings war es heute nicht unbedingt notwendig, sich aufwendig zu schminken und zurecht zu machen. So trug sie nur die obligatorische Gesichtspflege auf und kämmte sich die Haare, die sie dann zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammenband.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und nachdem sie den Abwasch erledigt hatte, ging es los. Ihr Gepäck hatten sie schon am Abend im Auto verstaut. So mussten sie nur noch ihre Wegzehrung mitnehmen.

Die Fahrt ging von München aus immer in Richtung Passau. Schnell war die Grenze nach Österreich erreicht. Weiter ging die Fahrt in Richtung Alpen, die sich wie Riesen vor ihnen aufbauten.

Leise vor sich hin singend, genoss Anke die Fahrt. Christian konnte über so viel Lebensfreude seiner Frau nur staunen. Okay, er freute sich nun doch auf den gemeinsamen Jahresurlaub. Nur, dass sie den diesmal unbedingt auf einem Bauernhof verbringen und dabei sogar noch dem Bauern bei der Arbeit helfen wollte, das verstand Christian ganz und gar nicht. Er selbst war mitten in München groß geworden. Wenn er nicht von der Allgemeinbildung her wüsste, dass Kühe schwarz-weiß, braun oder ganz schwarz sind, würde er glauben, sie wären immer lila wie die Milka-Kuh und würden Schokomilch geben. Werbefernsehen bildet halt. Doch Anke war in einem ländlichen Gebiet aufgewachsen und sehnte sich immer wieder nach einem beschaulich, ruhigen Dorfleben.

Inzwischen näherten sich die beiden ihrem Ziel. Anke schaute interessiert aus dem Fenster. Ab und an entfuhren ihr begeisterte Rufe, wie schön doch die Landschaft wäre. Kurz vor dem Ziel wollte sie sogar noch anhalten und den Ausblick bestaunen. Sich streckend und die Arme ausbreitend, stand sie dabei auf dem Parkplatz und sog die würzige Landluft tief ein.

„Wie früher zu Hause“, rief sie und hüpfte wie ein junges Reh über den Platz.

Etwa eine Stunde später rollte ihr Auto auf den Hof des Bauern Huber . Ein hübscher Vorgarten war von einem kleinen Zaun umrandet, an dem gepflegte Rosensträucher standen. Sogar ein Beet mit Küchenkräutern gab es, in dem eine ältere Frau Unkraut jätete. Die schaute fragend auf, als ein fremder Wagen auf das Grundstück fuhr. Dennoch kam sie den beiden Insassen freundlich lächelnd entgegen, um sie zu begrüßen.

„Werden sie erwartet?“, fragte Hulda, nachdem sie sich als Magd vorgestellt hatte.

„Ach, der Bauer ist noch oben auf der Alm“, antwortete sie, als Anke nach dem Hausherrn fragte. „Ich kann ihn holen lassen. Aber seine Frau, die Martha Huber, die ist im Haus. Sie kümmert sich im Allgemeinen um die Gäste des Hauses.“

„Ja, wenn die Bäuerin da ist, genügt das“, erwiderte Anke. „Wenn sie nichts dagegen haben, gehen wir nun zu ihr und melden uns an.“

„Ich begleite sie gerne“, sagte Hulda und lief neugierig neben den Neuankömmlingen her. „Bäuerin, die Gäste sind angekommen“, rief sie in die Küche hinein, als sie ins Haus traten.

„Was schreist du so?“, kam die Hausherrin ungehalten den Kochlöffel schwingend aus der Küche. „Ach, die Gäste, ja. Aber deshalb musst du nicht so laut schreien. Man könnte ja denken, ich wäre schwerhörig. Ich bin zwar alt, aber nicht an so etwas leidend.“

Nachdem Anke und Christian einige Erläuterungen zum Urlaub auf dem Bauernhof von der Bäuerin bekommen hatten, konnten sie ihr Quartier beziehen. Als Christian bemerkte, wo sie schlafen sollten, wollte er protestieren, doch Anke hielt ihn zurück. Sie fand die kleine Stube, die als Gästezimmer hergerichtet war, recht bequem. Sofort fühlte sie sich wie zu Hause.

„Sind noch weitere Gäste da?“, fragte sie die Bäuerin.

„Morgen kommt noch ein Pärchen an und nächste Woche ebenfalls“, gab die redselig Auskunft. „Ich hoffe, sie vertragen sich mit denen, das sind nämlich alles Leute, die jünger sind als sie.“

„Ach, das wird schon gehen“, lachte Anke, „nicht wahr, Christian?“, stupste sie ihren Mann an.

„Wie, was?“, fragte der erschrocken. Er hatte wie immer, wenn ihm etwas nicht passte, nicht zugehört. Währenddessen sehnte er sich nach einem Urlaub in Luxus mit allen Drum und Dran und nicht in so einer alten Hütte wie hier.

„Ich lasse sie dann mal alleine, damit sie sich ein wenig einrichten können“, meinte die Huber-Bäuerin. „In einer Stunde gibt es Vesper. Ach ja, das Gepäck bringt nachher Alfons hinauf.“ Damit verließ sie leicht schlurfend den Raum.

Kaum war die Gastgeberin aus dem Zimmer, baute sich Anke vor Christian auf, entrüstet die Hände in den Hüften abstützend.

„Sag mal, du alter Griesgram. Das ist ja einfach fürchterlich mit dir. Du ziehst hier ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter“, polterte sie aufgebracht los. „Wenn das nicht besser wird mit dir, kann das ja ein schöner Urlaub werden!“

„Aber…“, begann Christian sich zu verteidigen. Weiter kam er nicht, denn seine Frau schnitt ihm einfach das Wort ab.

„Nichts aber. Schau dich mal selbst an. Du benimmst dich wie ein kleiner Junge, dem man das Spielzeug weggenommen hat. Die ganzen letzten Jahre bin ich ohne zu murren in deine langweiligen Spießerurlaube in Luxushotels mitgefahren. Da kannst du dich auch einmal zusammenreißen und mir diesen einen Urlaub hier gönnen. Eines kannst du wissen! Das hier wird auf alle Fälle interessanter werden, als diese Scheißurlaube, die du bisher immer geplant hast.“ Anke ließ jetzt ihre ganze Wut hinaus. Hätte sie das nicht getan, wäre sie bestimmt geplatzt.

„Ich wusste ja gar nicht, dass dir die Urlaube in den Hotels nicht zusagen. Ich hätte doch schon ganz woanders hin gebucht, wenn ich das gewusst hätte.“

„Nun weißt du es! Du hast mich ja auch nie gefragt, wo ich gerne mal hin will, sondern hast immer einfach nur gebucht und ich musste zu allem Ja und Amen sagen. Ich bin froh, diesmal meinen Willen durchgesetzt zu haben“, meckerte Anke immer noch erbost. „Dieser Urlaub hier wird der schönste werden, den ich je hatte. Damit ist für mich die Diskussion beendet“, bestimmte sie einfach.

Nach einem Blick auf die Uhr erkannte sie jedoch, Schimpfen war jetzt unpraktisch; die Vesperzeit war heran. Sie mussten nach unten in die große Gemeinschaftsküche, wo garantiert schon auf sie gewartet wurde. Auspacken konnten sie eh noch nicht, da Alfons ihre Koffer noch nicht gebracht hatte. Sich häuslich einrichten konnten sie später auch noch.