Leseprobe Kapitel 1


„Elizabeth, sitz gerade wie eine Dame! Du hockst am Tisch wie ein tumbes Bauernmädchen!“

Die schrille Stimme ihrer Mutter riss Sally aus ihren Gedanken und ließ sie zusammenzucken. Genervt schaute sie über den Tisch hinweg genau in die eiskalten blauen Augen der ihr gegenübersitzenden Frau. Liliths Blicke schienen sie zu durchstoßen wie ein Dolch.

„Ja, Mutter“, erwiderte sie gehorsam, streckte den Rücken und setzte sich so zurecht, als hätte sie einen Stock im Kreuz. Wie sie es hasste, sich von ihrer Mutter gängeln zu lassen als wäre sie noch ein windeltragendes Gör. Immerhin war sie mit ihren zwanzig Jahren alt genug, um zu wissen, was gut für sie war und was nicht.

„So wirst du nie einen Ehemann finden, wenn du dich weiterhin so undamenhaft benimmst“, keifte Lilith weiter.

„Nun lass doch endlich das Kind in Ruhe“, mischte sich nun auch noch Sallys Vater Adrian Montgomery ein.

„Dass du dich schon wieder für Sally einsetzt, war ja klar. Sie ist längst kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau“, erwiderte Adrians Gattin trotzig. „Sie sollte wirklich daran denken, sich endlich zu vermählen. Wie lange will sie uns noch auf der Tasche liegen? Ein Ehemann wird ihr schon einer Lady ziemliches Verhalten beibringen.“

„Mutter!“ Sally sprang gar nicht damenhaft von ihrem Stuhl auf, so dass er nach hinten kippte und mit einem lauten Knall auf dem Boden landete. „Sagt mir, was soll ich mit einem Ehemann? Mich von ihm gängeln lassen, wie Ihr es ständig tut? Niemals!“ Trotzig streckte sie das Kinn vor und funkelte ihre Mutter böse an.

Empört über so viel Ungehorsam stieß Lilith die Luft aus ihren Lungen. „Kind, so geht das mit dir nicht weiter“, mokierte sie sich über das Verhalten ihrer Tochter. „Wenn du in einem Jahr nicht verheiratet bist oder wenigstens eine Vermählung in Aussicht ist, werden wir dich ins Kloster schicken.“ Lilith war sich sicher, wie so viele Male vorher, auch hier ihren Willen durchzusetzen.

„Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, versuchte Adrian seine Frau zu beruhigen. Er erinnerte sich daran, wie es ihm erging, als Lilith ihm vor vielen Jahren sozusagen vor die Nase gesetzt wurde und sie sich genötigt sahen, eine Ehe einzugehen. Dabei kannten sie sich bisher nur vom Sehen, denn Lilith war eine Freundin Susans, seiner großen Liebe. Wenn er damals gewusst hätte, welch Xanthippe Lilith ist, hätte er sich geweigert, sie zur Frau zu nehmen. Sehnsüchtig dachte er an die junge, zärtliche Susan aus der Nachbarschaft, bei der er sein Herz und nicht nur das, verloren hatte. Nur waren sie nicht füreinander bestimmt. Susans Eltern hatten anderes mit ihr vor.

Die Verbindung mit Lilith bescherte seiner Familie noch mehr Reichtum und Einfluss als sie bereits hatten. Er hatte seinem Vater, der kurz nach der Hochzeit verstarb, nur einen Gefallen getan, damals Lilith zu ehelichen.

„Dass du unsere aufmüpfige Tochter immer verteidigen musst!“, keifte die Frau weiter. Ihr Gesicht hatte bereits eine heftige Röte angenommen und hektische Flecken verbreiteten sich auf ihrem Dekolleté. Sie schnappte nach Luft und fächelte sich aufgeregt frische Luft zu. „Für mich ist das letzte Wort gesprochen! Entweder du heiratest, oder du gehst ins Kloster! Mit dieser Schmach, dich unverheiratet zu lassen, kann und will ich nicht leben. Du wirst noch eine alte, vertrocknete Jungfer werden, die von allen belächelt wird.“

Sally wollte sich weiter verteidigen, ihrer Mutter ihren ganzen Frust entgegen schleudern, doch Lilith unterbrach sie mit einer schroffen Handbewegung. „Geh auf dein Zimmer, sofort!“, schrie sie die junge Frau an.

„Wie Ihr wünscht, Mutter“, erwiderte Sally ungewohnt ruhig und gefasst. Mit hoch erhobenem Kopf schritt sie zur Tür. Ihrer Mutter nicht doch noch Hassworte entgegen zu schleudern, kostete sie sehr viel mehr Überwindung, als sie zugeben würde. Lieber biss sie sich auf die Zunge, als sich solch eine Blöße zu geben. „Wie kann sie nur?“, fragte sich Sally, als sie die Tür des Esszimmers hinter sich zugeworfen hatte. Mit wehenden Röcken lief sie schneller als es sich für eine junge Dame ihres Standes geziemte, den langen Flur entlang zur Treppe, die ins Obergeschoss führte. Der Diener, der ihr eben mit einem Tablett entgegenkam, schaute ihr kopfschüttelnd nach.

„Hast du nichts anderes zu tun, als mich mit großen Augen anzuglotzen wie ein Frosch“, fuhr Sally ihn erbost an.

„Verzeihen Sie, Miss“, katzbuckelte er vor ihr und verschwand so schnell es ging aus ihrer Sichtweite.

Sally lief die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Vom zu schnellen Rennen und der ungewollten Aufregung erhitzt, schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Am liebsten wäre sie sofort wieder nach unten zu ihrer Mutter ins Esszimmer gegangen, um dieser ihren Frust ins Gesicht zu schreien. Lilith war in ihren Augen eine Tyrannin, die über Leichen ging, wenn sie Widerworte bekam. Sallys Vater dagegen war ein gutmütiger Mann, der seine Tochter, sein einziges Kind, über alles liebte. Er war wie Wachs in ihren Händen und nicht nur einmal hatte Sally die Gutmütigkeit ihres Vaters schamlos ausgenutzt. Sie schämte sich dafür. Ihr Vater hatte diese unmögliche Behandlung nicht verdient.

Doch wenn sie an ihre kaltherzige Mutter dachte, rieselten eisige Schauer über ihren Rücken. Sally wollte es sich nicht nehmen lassen, ihre Mutter spüren zu lassen, was sie von ihrem Vorhaben hielt. Eigentlich war sie eine wohlerzogene junge Frau. Doch es gab Dinge, da wollte sie sich nicht dreinreden lassen. Dazu gehörte auch die Wahl eines Ehemannes. Dass eine Ehe noch nicht in Aussicht war, störte sie nicht. Ein Mann passte noch nicht in ihr Leben. Auch wenn dies bedeutete, von ihrer Mutter in ein Kloster geschickt zu werden. Sally wollte es erst gar nicht so weit kommen lassen. Sie wusste nur noch nicht, wie.

 

Auch Stunden später fand Sally keine Ruhe. Nachdem die Mutter ihre Zofe Amalia geschickt hatte, um ihr auszurichten, sie wünsche ihre Anwesenheit beim Dinner nicht, hatte Sally ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Nachdenklich stand die junge Frau am offenen Fenster und blickte in den Sonnenuntergang, der eigenartigerweise an diesem Tag besonders schön war. Die Wolken leuchteten in einem strahlenden Rot. Soweit das Auge blicken konnte, strahlte der Himmel wie die Glut eines Kaminfeuers. Den See, der an das Anwesen der Montgomerys angrenzte, konnte man nur erahnen.

„Miss, möchtet Ihr heute nicht zu Abend essen?“, hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Zofe Adelaide hinter sich.

Erschrocken drehte sie sich um und erblickte das Kammermädchen an der Tür stehend mit einem schweren Tablett in den Händen, von dem es verführerisch duftete.

„Mein Gott, Adelaide, musst du mich so erschrecken!“, fuhr sie das Mädchen ungewollt schroff an, das sogleich ängstlich den Kopf einzog.

„Entschuldigt, das wollte ich nicht. Nachdem Ihr auf mein Klopfen nicht geantwortet habt, habe ich einfach Euer Zimmer betreten. Ich nahm an, Ihr schlaft oder seid nicht da“, erwiderte Adelaide und trat unaufgefordert näher. Sie stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch ab, um den ein paar zierliche Sitzgelegenheiten drapiert waren. „Ich bemerkte, dass Ihr heute nicht beim Dinner anwesend wart und dachte mir, Ihr seid bestimmt hungrig“, plapperte das sonst so stille Mädchen ohne Punkt und Komma. „Ich hörte auch vom Streit mit Eurer Mutter und wie sie Euch auf Euer Zimmer schickte.“

„Adelaide, du plapperst wie ein Wasserfall“, unterbrach Sally den Redefluss der Zofe.

„Aber…“, Adelaides Wangen färbten sich so rot wie der Himmel, den Sally eben bestaunt hatte.

„Nun sei still und zeige mir, was du Köstliches mitgebracht hast“, wehrte Sally ab, der plötzlich der Magen knurrte.

Schnell räumte Adelaide die Speisen auf den Tisch, damit Sally essen konnte. Die ließ es sich schmecken. Erst jetzt bemerkte sie, wie hungrig sie war.

Während Sally sich gütlich tat, machte sich Adelaide im Badezimmer nützlich, um ihre Herrin nicht beim Essen zu stören.

„Adelaide, komm her und leiste mir Gesellschaft“, rief Sally ihre Zofe zu sich. „Setz dich und greif zu. Es ist genügend für uns beide da“, forderte sie das Mädchen auf.

Wieder errötete Adelaide, griff dann aber nach nochmaliger Aufforderung beherzt zu.

„Meine Mutter will mich unbedingt verheiraten“, begann Sally nach einer Weile ihr Herz auszuschütten.

Adelaide war nicht nur ihre Zofe, sondern auch ihre eng verbundene Freundin. Das Mädchen war nur zwei Jahre jünger als sie und hatte sich schon oft als gute und liebe vertraute Freundin für sie eingesetzt. Sie war froh, dass ihre Eltern ihr erlaubt hatten, sich auf die Stelle als Zofe bei den Montgomerys zu bewerben. So war sie nicht darauf angewiesen, einen Mann zu ehelichen, den sie womöglich gar nicht mochte und nicht liebte. Im Grunde genommen, hatte sie es besser als ihre Herrin. Sie hatte ein Auskommen und war von niemanden abhängig.

Adelaide blickte sie mitfühlend an. „Es war nicht zu überhören“, erwiderte sie. „Eure Mutter hat laut genug gesprochen, dass es die ganze Dienerschaft hören konnte.“

„Hast du gelauscht?“, tat Sally empört, blinzelte dem Mädchen aber verschmitzt zu. Sie wusste, Adelaide war immer in ihrer Nähe. Nichts entging ihr. Jederzeit war sie sofort zur Stelle, sobald Sally etwas benötigte oder auch nur Gesellschaft brauchte. So auch heute.

„Ich will aber nicht heiraten“, sagte Sally nach einer Weile. „Was soll ich mit einem Mann? So wie ich meine Mutter kenne, wird es einer sein, der ihr zu Kreuze kriecht oder genau ein derartiges Ekel ist wie sie selbst.“

„Euer Vater wird es bestimmt zu verhindern wissen“, lenkte Adelaide ein.

„Ach, mein Vater“, meinte Sally seufzend, „er ist ein herzensguter und liebenswürdiger Mann, aber gegen meine Mutter kann er sich nicht behaupten. Ich verstehe nicht, warum er sich von ihr so viel gefallen lässt.“

„Da habt Ihr recht“, sagte Adelaide. „Die Hauptsache ist jedoch, dass er Euch liebt. Das zu wissen, beruhigt ungemein. Glaubt fest daran, dass alles gut wird.“ Beruhigend sprach sie auf Sally ein.

„Adelaide, du versuchst immer, mich mit deinen Worten nicht einlullen. Ich weiß, du meinst es gut mit mir. Aber glaube mir, ich muss einen Ausweg finden, um nicht im Kloster zu landen und dort bis ans Ende meiner Tage zu verdorren. Da kann ich mich gleich lebendig einmauern lassen.“

Seufzend gab sich das Mädchen geschlagen. Sie kannte Sally gut genug, um zu wissen, gute Worte drangen in ihrer derzeitigen Verfassung nicht zu ihr durch. Ihre Herrin war eine praktisch denkende Person, die auch recht spontan auf Dinge reagierte und sich damit nicht nur einmal in eine prekäre Lage katapultierte. Sie musste von einer Sache überzeugt sein, um sie zu tun. Sich zu vermählen und einem Mann zu unterwerfen gehörte definitiv nicht dazu.

Nachdem die beiden jungen Frauen ausgiebig gespeist hatten, räumte Adelaide das Geschirr zusammen, um es zurück in die Küche zu bringen.

„Ich danke dir für deine aufmunternden Worte. Du bist eine gute Freundin“, hielt Sally die Zofe zurück, als diese das Zimmer verlassen wollte. „Du kannst dich dann zurückziehen. Ich brauche dich heute nicht mehr.“

„Das tue ich doch gern für Euch“, erwiderte das Mädchen und schlüpfte nach einem „Gute Nacht, Miss Sally“ flugs nach draußen, ehe ihre Herrin sehen konnte, dass sie schon wieder errötete.

 

Als Sally wieder allein war, erfasste sie erneut die Unruhe, die sie vor Adelaides willkommener Ablenkung überrollt hatte. „Ich muss unbedingt etwas tun, ehe meine Mutter ihre Drohung wahr macht“, redete sie mit sich selbst. Dabei lief sie unruhig auf und ab. Inzwischen brach die Dämmerung herein. Sally nahm einen Holzspan und hielt ihn ins Feuer. Als der Splitter brannte, zündete sie damit die Kerzen auf dem Leuchter an. Dann nahm sie das Buch, das auf ihrem Nachttisch lag und setzte sich damit in ihren Sessel. Sie schlug die Seite auf, die sie zuletzt gelesen hatte. Doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.

Jetzt, wo sie wieder allein war, traten ihr die Worte ihrer Mutter wieder in Erinnerung. Schniefend versuchte sie, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Doch es gelang ihr nicht. Der ganze Frust, der sich in ihr aufgestaut hatte, drängte nun hinaus. Sie legte ihr Buch beiseite und warf sich bäuchlings auf das Bett. Sally presste ihr Gesicht fest in ihr Kissen und dämpfte so die Schreie, die sie ausstieß. Am liebsten hätte sie ihren Kopf so lange in das Kissen gedrückt, bis sie keine Luft mehr bekäme und erstickte. Das wäre die Lösung ihres Problems, dessen Ursprung eindeutig ihre Mutter war und das ihr Vater nicht lösen konnte oder wollte.

Keuchend schoss Sally hoch. Japsend rang sie nach Atem. „Vater“, stieß sie heulend hervor, „hilf mir doch, bitte hilf mir!“ Wie ein Stück jammerndes Elend rollte sie sich zusammen wie ein Embryo, ihr Kopfkissen dabei fest umklammernd.

 

Unruhig wälzte sich Sally im Schlaf auf ihrem Bett von einer auf die andere Seite. Sie musste eingeschlafen sein, während sie sich ihrem Elend hingab und über Gott und die Welt klagte. Nicht einmal ihr Nachtgewand hatte sie angezogen. Ein Alptraum quälte sie. Ihr Vater führte sie zum Altar, vor dem bereits ihre Mutter wartete und sie hämisch angrinste. „Siehst du, nur noch ein winzig kleiner Schritt und das Kloster bleibt dir erspart. Braves Mädchen“, sagte sie zu ihr, dabei funkelten ihre Augen vor Stolz, Sallys Willen gebrochen zu haben.

Neben ihrer Mutter stand der hässlichste Mann, den sie je gesehen hatte. Breit grinsend blickte er ihr entgegen und entblößte dabei eine Reihe schwarzer Zahnstummel. Eklig stinkender Atem schlug ihr entgegen, als er sich über ihre Hand beugte, um sie zu küssen. Dabei tropfte ihm Speichel aus dem Mundwinkel. Angewidert wollte sich Sally abwenden. Doch ihre Mutter hielt sie fest und zwang sie, den Unbekannten auf den Mund zu küssen. Würgend erbrach Sally ihr Frühstück. Der Mann stand nur daneben und grinste sie gierig an. Sein Blick glitt über ihren bebenden Körper, der sich vor Schmerzen gepeinigt krümmte. Ihr Magen rebellierte immer schlimmer, doch je mehr sie sich wehrte, desto zudringlicher wurde der Fremde.

„Bald bist du mein und hast mir zu gehorchen“, flüsterte er ihr ins Ohr. Dabei schlängelte sich seine schleimige Zunge an ihrer Halsbeuge entlang und hinterließ seine stinkende Spucke, die an ihr herunterlief und das weiße Seidenkleid verunreinigte. 

„Nein, nein“, schrie Sally immer wieder und versuchte, zu entkommen. Die anwesenden in der Kirche aber bildeten einen immer enger werdenden Ring um sie. Klatschend lachten sie dem Brautpaar entgegen und verlangten noch mehr Küsse.

„Nein, Vater, hilf!“, schrie Sally panisch. Sie riss sich los und rannte gegen die Wand aus Menschen. Hart prallte sie ab und fiel…

 

Schreiend schoss Sally hoch. Ihr Haar klebte wirr und nass an ihrem Kopf. Sie strampelte mit den Beinen, die sich in den Unterröcken ihres Kleides verheddert hatten. Als jemand versuchte, se festzuhalten und beruhigend auf sie einredete, schlug sie wild um sich.

„Pst, ruhig. Es ist alles gut“, hörte sie eine Stimme. Fest wurde sie von Armen umfasst und festgehalten.

„Nein, lass mich los“, schrie Sally immer wieder und schlug weiter um sich. „Du bekommst mich nicht! Niemals!“

„Sally! Wach auf!“, sprach die Stimme beruhigend auf sie ein. „Es ist alles gut.“

Die Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor und als sie erneut sanft gewiegt wurde, konnte sie das vertraute Gemisch von Tabakrauch und Aftershave ihres Vaters riechen. Er war so nah, als wäre er Wirklichkeit.

Sally riss die Augen auf und blickte direkt in das verängstigt aussehende Gesicht ihres Vaters, der auf ihrem Bett saß und sie immer noch festhielt.

„Es ist alles gut. Du hattest nur einen bösen Traum“, sagte er erneut und strich ihr zärtlich die verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Vater, was tut Ihr hier?“, fragte Sally verwirrt. Sie verstand nicht, was ihr Vater in ihrem Zimmer tat und sie auch noch im Arm hielt. Er liebte sie abgöttisch, doch seit aus dem Mädchen Elizabeth eine hübsche junge Frau geworden war, hielten sich seine Liebesbezeugungen in Grenzen, geschweige denn, dass er sie berührt hatte.

„Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Aber ich hörte deine Schreie, als ich auf dem Weg ins Bett war“, versuchte sich Adrian zu erklären. „Ich nahm an, du wärst in Gefahr. Aber als ich sah, dass du schläfst, vermutete ich, du hast einen bösen Traum.“ Lächelnd strich er ihr über die erhitzte Wange. „Doch nun ist alles wieder gut, mein Liebling.“

Beruhigt ließ sich Sally zurück in ihre Kissen sinken. Adrian sah sie sehnsüchtig an. Sein Herz tat ihm weh, wenn er daran dachte, seine Tochter einem Mann geben zu müssen, den sie nicht wollte. Als er Sally genauer betrachtete, fiel ihm zum wiederholten Male eine unheimliche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter auf. Schon als kleines Mädchen ähnelte sie ihr. Doch jetzt, als junge Frau, glich sie ihr wie ein Ei dem anderen.

„Du hast die gleichen Augen wie deine Mutter und den gleichen Mund“, sagte Adrian auf einmal, ohne dass er es wollte. Er erschrak, aber dann dachte er sich, es wäre an der Zeit, seiner Tochter die Wahrheit zu sagen. Auch wenn er nicht wusste, wie sie darauf reagiert, irgendwann müsste sie es erfahren. Warum also nicht jetzt.

Erbost blickend fuhr Sally hoch. „Was sagt Ihr da?“, fragte sie verwirrt. Sie verstand seine Worte nicht. „Mutter hat doch blaue Augen und Lippen wie Striche. Das kann nicht sein, dass ich ihr ähnele.“

„Doch mein Kind, du bist wie sie. Du hast sogar die Farbe ihrer Haare und ihr Temperament.“ Adrian erkannte, dass nun wirklich der Zeitpunkt der Wahrheit gekommen war. Sally musste wissen, wer ihre wirkliche Mutter war. Er setzte an, weiter zu sprechen.

Sally sprang empört auf. Mit Lililth verglichen zu werden, gefiel ihr ganz und gar nicht.

„Ich will nichts von dieser impertinenten Person, die meine Mutter ist, hören. Ich hasse sie!“, fiel sie Adrian ins Wort.

„Bitte, Sally, hör mir zu. Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen“, versuchte Adrian seine Tochter auf das Kommende vorzubereiten. „Es geht um deine Mutter, die dich sehr geliebt hat.“  Sehnsüchtig dachte er bereits zum zweiten Mal an diesem Tag an Susan, seine große Liebe.

„Meine Mutter soll mich geliebt haben? Das kann nicht sein“, wehrte Sally ab. „Diese Frau“, sie zeigte mit dem Finger in die Richtung, in der Liliths Zimmer lag, „diese Frau liebt mich nicht! Sie hasst mich und will mich lieber heute als morgen im Kloster wissen!“

„Sally! Hör mir endlich zu!“, wurde Adrian ein wenig ungeduldig. Er ging zu seiner Tochter und sah ihr in die Augen, die genauso rehbraun waren wie die ihrer Mutter. „Bitte“, flüsterte er kaum hörbar. Der Schmerz, den er die vielen Jahre über den Verlust seiner geliebten Susan in sich begraben hatte, brach nun mit immenser Macht über ihm zusammen. Tränen der Trauer liefen dem sonst so beherrschten Mann über die Wangen.

„Bitte, du musst es endlich wissen“, flüsterte Adrian erneut. Er ergriff Sallys Hand und führte die Tochter zur Sitzgruppe. Er ließ sie sich setzen und nahm neben ihr Platz.

Fragend blickte Sally ihn an. „Nun erzählt“, forderte sie ihren Vater auf, als sie bemerkte, er wartet nur auf ein Zeichen von ihr.

 

Adrian holte tief Luft und nahm seinen ganzen Mut zusammen. Einerseits freute er sich, dass Sally ihm zuhören wollte, andererseits hatte er Angst, wie sie auf die Wahrheit reagiert, die er ihr die ganzen Jahre verschwiegen hatte.

 

„Sally, meine Tochter“, begann er schließlich, nachdem er nochmals seinen ganzen Mut zusammengenommen hatte. „Egal, was du am Ende meiner Erzählung über mich denken wirst, ich bin dein Vater und werde dich, was auch immer geschehen mag, bis ans Ende meiner Tage lieben. Du wirst jetzt erfahren, warum Lilith so streng zu dir ist und wieso ich meist nicht gegen sie ankomme. Bitte höre mir erst bis zum Ende zu, ehe du deine aufkommenden Fragen stellst. Es fällt mir sehr schwer, über die Vergangenheit zu sprechen, in der deine Mutter einmal eine sehr große Rolle spielte.“

Sally nickte daraufhin nur und biss aufgeregt auf ihrer Unterlippe herum.

Adrian deutete dies als Zustimmung und begann mit seiner Geschichte.

 

Es war lange vor deiner Geburt, als ich deine Mutter kennenlernte. Wir waren jung, unbedarft und bis über beide Ohren ineinander verliebt. Heimlich trafen wir uns, denn niemand durfte etwas über unsere Verbindung wissen. Oft gab ich an, auszureiten, nur um deine Mutter sehen zu können. Sie hatte es nicht leicht, ohne Begleitung das Haus zu verlassen, geschweige denn in der weitläufigen Parkanlage, die zu ihrem Elternhaus gehörte, spazieren gehen zu können, ohne beobachtet zu werden. Daher benutzte sie eine List. Ihre beste Freundin hatte ebenfalls eine Liebschaft, die sie nur schwer sehen konnte, ohne dass es auffiel. So wurden die beiden Mädchen Verschworene. Gemeinsam im Park zu flanieren wurde ihnen erlaubt, denn die eine könne auf die andere aufpassen und umgedreht. Der Anstand war somit gewahrt. Doch kaum waren sie außer Sichtweite des Herrenhauses, trennten sich ihre Wege. Lilith ging in die eine Richtung, Susan in die andere. Dass dies meiner Herzensdame und mir irgendwann einmal zum Verhängnis werden sollte, ahnten wir damals noch nicht.

 

Als Sally den Namen Lilith hörte, wollte sie schon nachfragen. Doch Adrian hielt sie davon ab. „Später kannst du fragen“, sagte er nur. Sally gehorchte.

 

Susan, meine Herzensdame, hatte wundervolle rehbraune Augen, in die ich mich sofort verliebte, als ich sie zum ersten Mal sah. Ihre Freundin Lilith bemerkte mein Schmachten und wurde eifersüchtig. Sie versuchte, mein Herz zu erobern. Doch es war vergebene Liebesmüh. Ich hatte nur Augen für Susan. Lilith beachtete ich gar nicht.  Als sie erkannte, dass ich mich nicht umgarnen ließ, wandte sie sich einem anderen Mann zu. So hatten Susan und ich endlich Ruhe vor ihr. Wir genossen die wenige gemeinsame Zeit, die wir miteinander hatten. Anfangs hielten wir nur Händchen oder küssten uns züchtig auf die Wange. Im Laufe der Zeit wurde mehr daraus und wir neugieriger. Eines Tages überfiel uns eine ungemeine Wollust und wir taten das, was vor Gott nur Verheiratete zur Zeugung von Kindern zugestanden wurde. Wir erlebten den Himmel auf Erden. Verliebt wie wir waren, gedachten wir nicht der Folgen unseres Tuns. Wir lebten nur im Hier und Jetzt und dachten nicht an die Zukunft. 

 

Sally errötete bei der Erzählung ihres Vaters. Obwohl sie selbst noch unberührt war, wusste sie, was Mann und Frau miteinander taten, wenn sie allein und verheiratet waren. Dass ihr Vater ihr nun seine intimsten Geheimnisse verriet, war unglaublich.

Adrian übersah die hektische Röte, die sich auf den Wangen seiner Tochter gebildet hatte und erzählte einfach weiter.

 

Eines Tages kam Susan völlig aufgelöst zu unserem heimlichen Treffen. Schluchzend warf sie sich mir an den Hals und stammelte unzusammenhängende Sätze. Ich hatte Mühe, sie zu beruhigen.

„Liebste, was ist denn geschehen?“, wollte ich den Grund ihres Zustandes wissen. Es irritierte mich, sie so zu sehen und wusste nicht, was ich tun sollte.

„Adrian, wir waren unvorsichtig und nun ist etwas ganz Schlimmes geschehen“, offenbarte sie sich schniefend.

Ich schaute sie an. Mit keiner Silbe verstand ich, was sie mir mitteilen wollte. „Nun sag schon, was ist so schlimm an dem, was wir taten?“, drängte ich sie, deutlicher zu werden.

Sie nahm wohl ihren ganzen Mut zusammen, um mir ihre Ängste zu gestehen. „Adrian, ich trage ein Kind unter dem Herzen, dein Kind“, sagte sie endlich offen heraus. Zitternd stand sie vor mir und erwartete meine Reaktion.

Ich wurde bleich, mein Herz schlug vor Aufregung Purzelbäume. Ich sollte Vater werden? Susan war schwanger von mir?

„Ist das wahr?“, fragte ich nochmals nach.

„Ja, das ist es. Ich bin mir ganz sicher“, stieß Susan verunsichert hervor.

Ich spürte ihr Zittern, ihre Angst, ihren bebenden Körper. Dann nahm ich sie in meine Arme und küsste sie voller Freude, wie ich sie noch nie geküsst hatte.

„Susan, liebste Susan“, keuchte ich aufgeregt. „Es ist so herrlich! Wir werden Eltern!“ Vor Glück hätte ich am liebsten die ganze Welt umarmt. „Nun müssen deine Eltern mir deine Hand geben, wenn sie einen Skandal verhindern wollen.“

„Du meinst, du willst...?“

„Aber ja doch! Bitte werde meine Frau. Susan, ich liebe dich und das kleine Wesen, das in dir heranwächst.“

 

Mit klopfendem Herzen hörte Sally ihrem Vater zu. Langsam ahnte sie, was er ihr weiter eröffnen wollte. Könnte es sein, dass Lilith mit den eiskalten blauen Augen in Wirklichkeit nur ihre Stiefmutter war? Sally dachte lieber nicht weiter darüber nach, sondern hörte der weiteren Erzählung ihres Vaters zu.

 

Susan und ich besprachen unser weiteres Vorgehen. Ich beschwor sie, sich nichts anmerken zu lassen und versprach ihr, am nächsten Abend bei ihrem Vater vorzusprechen und um ihre Hand anzuhalten. Jetzt, wo Susan von mir schwanger war, was ihre Eltern auch an diesem besagten Abend erfahren sollten, mussten sie ihre Zustimmung zu einer Vermählung geben. Mit meinen Eltern wollte ich noch am selben Tag sprechen, wenn wir das gemeinsame Abendessen einnahmen. Ich wusste zwar, meine Eltern würden mein Tun nicht gutheißen, doch würden sie mir die Zustimmung zu einer Liebesheirat nicht verweigern. Sie selbst hatten durchgesetzt, sich in Liebe zu vereinen und keinen ungeliebten Partner zu ehelichen. Das alles erklärte ich Susan, die daraufhin ein wenig beruhigter dem nächsten Tag entgegensah.

Dem bevorstehenden Gespräch mit meinen Eltern sah ich bang entgegen. Doch sie reagierten zum Glück so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich waren sie anfangs erbost, dass ich eine Tochter aus angesehenem Hause geschwängert hatte. Aber als sie hörten, dass ich Verantwortung übernehmen wollte, stimmten sie einer Vermählung mit Susan zu.

Wie vereinbart traf ich am folgenden Abend auf dem Anwesen von Susans Vater ein. Doch leider wurde ich nicht vorgelassen, sondern kurzerhand ohne Kommentar abgewiesen. Man drohte mir sogar, sollte ich nochmals auf dem Anwesen der Fitzgeralds auftauchen, mich von ihrer Meute Jagdhunde zerfleischen zu lassen. Geknickt und zu Tode betrübt wurde ich von einer Eskorte zum Tor begleitet und hinausgeworfen. Was war nur geschehen? Ging es Susan gut? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Als ich nach Hause kam, saßen meine Eltern noch mit einem Glas Wein vor dem Kamin. Als sie hörten, dass ich bereits zurück war, wollten sie natürlich wissen, wie es ausgegangen war. Schockiert hörten sie meinen Bericht an. Genau wie ich verstanden sie die Welt nicht mehr. Sie versprachen mir, persönlich bei Susans Eltern vorzusprechen und in meinem Namen um ihre Hand anzuhalten. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen.

Am nächsten Tag meldete unser Portier völlig unverhofft die Ankunft von Susans Zofe an. Das Mädchen war gänzlich durcheinander und in Tränen aufgelöst.

„Sir, ich muss Ihnen etwas ganz Schlimmes überbringen“, begann das Mädchen, kaum dass es vorgelassen wurde. „Miss Susan ist verschwunden“, brach es aus ihr heraus.

Aufgeregt lief ich in der Bibliothek hin und her. Auch mein Vater war sehr besorgt über das plötzliche Verschwinden einer angehenden Schwiegertochter.

„Niemand weiß, wo Susan ist“, berichtete die Kleine. „Es wurde bereits überall gesucht, doch sie ist unauffindbar.“

„Wie kann das nur sein? Ein Mensch verschwindet doch nicht einfach, ohne eine Spur zu hinterlassen!“, fragte ich gänzlich außer mir vor Sorge.

„Das können wir uns auch nicht erklären“, entgegnete das Mädchen. „Da geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Gerade ich müsste doch bemerkt haben, wenn etwas mit meiner Herrin nicht in Ordnung ist. Mein Zimmer liegt gleich neben dem ihrigen und ich habe einen sehr leichten Schlaf. Meistens jedenfalls…“, sie stockte und blickte nachdenklich zu Fenster hinaus. „Da fällt mir ein, ich wurde gestern Abend plötzlich so unheimlich müde, dass ich beinahe im Stehen eingeschlafen wäre.“

„Das eine hat vielleicht mit dem anderen etwas zu tun. Du solltest nicht bemerken, dass da etwas im Argen ist“, erkannte ich den Zusammenhang.

„Kannst du uns über den Verlauf der Suche unterrichten?“, wollte mein Vater wissen, was die Zofe bejahte. „Wir werden von den Fitzgeralds unbemerkt eigene Erkundigungen starten. Falls wir Susan vor den Fitzgeralds finden sollten, nehmen wir sie zu uns. Adrian steht zu ihr und übernimmt die Verantwortung für das Kind, das Susan von ihm unter dem Herzen trägt. Natürlich wirst dann auch du in unserem Hause willkommen sein.“

„Miss Susan ist schwanger?“, fragte das Mädchen erstaunt. „Das erklärt das eigenartige Verhalten der Herrschaften.“ Dann erzählte sie von den Vorkommnissen im Hause Fitzgerald am letzten Nachmittag und dass ihr am Abend befohlen wurde, die Nacht im Hause ihrer Eltern im Dorf zu verbringen und sie, nachdem sie den freien Abend und die Nacht ablehnte, nach dem Abendessen plötzlich ungewöhnlich schläfrig wurde.

Die Suche nach Susan lief ins Leere. Jedem noch so kleinsten Hinweis gingen wir nach. Doch nichts führte zu einem Erfolg. Im Laufe der Zeit wurde der Schmerz über Susans Verlust geringer, die Sehnsucht nach ihr und die Liebe zu ihr aber blieb. Mein Vater, der Susan zwar schon als kleines Mädchen kannte, ihr aber seid sie in einer strengen Mädchenschule erzogen worden war, nicht wieder begegnet war, wurde etwa ein Jahr später schwer krank. Die Ärzte sagten, das neue Jahr würde er nicht erleben. Er ahnte dies ebenfalls und hatte einen letzten Wunsch an mich. Er wünschte sich eine Schwiegertochter und Enkelkinder.

„Halte um Liliths Hand an“, bat er mich eines Tages. „Ich weiß, du liebst und vermisst Susan immer noch. Aber sieh es doch mal so. Sie kommt nicht wieder. Das Leben aber geht trotzdem weiter. Lilith kann ihr zwar bei weitem nicht das Wasser reichen, aber sie wird eine gute Mutter für deine Kinder und meine Enkelkinder sein.“

Schweren Herzens versprach ich meinem Vater, seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Sechs Wochen später stand ich mit Lilith vor dem Traualtar und weitere zwei Wochen später schloss mein Vater für uns vollkommen unverhofft seine Augen für immer.

 

Sally hatte immer noch wie gebannt zugehört. Inzwischen konnte sie sich denken, dass Lilith nicht ihre leibliche Mutter ist, sondern die verschwundene Susan, die große Liebe ihres Vaters. Gespannt schaute sie ihn an und wartete darauf, dass er weitererzählte.

 

Die Zeit verging und ich gewöhnte mich daran, anstatt mit Susan nun mit Lilith verheiratet zu sein. Ich liebte Lilith nicht, ich hasste sie aber auch nicht. Sie war mir einfach nur einerlei. Wäre sie ohne ein Wort verschwunden, wäre mir das nicht einmal aufgefallen. Sie gab sich zwar größte Mühe, mir eine gute Ehefrau zu sein, doch im Laufe der Zeit kam ihr wahrer Charakter immer mehr ans Tageslicht. Sie war ein intrigantes, vergnügungssüchtiges und herrschsüchtiges Biest. Sie betrog mich, wo und wann sie es nur konnte. Die Männer wechselte sie wie manche das Hemd. Mich interessierte das nicht, so lange ich Ruhe vor ihr hatte und sie mich aus ihren Intrigen heraushielt. Die Leute lachten schon über mich, doch das war mir egal.

Eines Tages aber, knapp zwei Jahre nach Susans mysteriösem Verschwinden, geschah etwas völlig Unerwartetes. Vor unserer Tür stand eine junge Frau mit einem etwa einjährigen Mädchen und begehrte, mich zu sprechen. Ich ließ sie ein und bat sie, mir in die Bibliothek zu folgen. Dann fragte ich an ihrem Anliegen.

Anfangs stockend, aber dann immer flüssiger berichtete sie von einer jungen Frau namens Susan, die von ihren Eltern wegen ihrer jungfräulichen Schwangerschaft in ein Kloster verbannt wurde. Die barmherzigen Schwestern hatten Mitleid mit der jungen Frau und ließen sie bei sich im Kloster. Normalerweise hätten sie die Schwangere abweisen müssen, ihr seelischer Zustand beängstigte sie aber. Sie ängstigten sich sehr, dass die junge Frau einen schweren Fehler begehen würde. Je weiter die Schwangerschaft voranschritt, desto mehr blühte Susan auf. Sie begann sogar von einem Adrian Montgomery zu erzählen, dessen Kind sie unter dem Herzen trug und für die Konsequenzen für ihr schamloses Tun einstehen wollte. Sie jedoch sei von ihren Eltern herzlos seinen Armen entrissen und hierher verschleppt worden. Vier Monate später kam sie mit einem Mädchen nieder, das sie auf den Namen Elizabeth Susan Montgomery taufen ließ. Die nannte die Kleine aber immer nur Sally.

 

Sally wurde bleich, als sie ihren Namen aus dem Mund ihres Vaters hörte. Elizabeth war der Vorname ihrer Großmutter väterlicherseits, doch woher der Name Susan stammte, wollte ihr nie jemand erklären. Auch Lilith, die ihr darauf hätte eine Antwort geben können, schwieg sich aus.

 

„Vater…“, stammelte Sally, „soll das heißen?“

„Kind, lass mich weitererzählen“, unterbrach Adrian sie.

 

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, so schockiert war ich. Als ich jedoch endlich Worte fand, hielt mich die Fremde davon ab, sie auszusprechen.

„Lasst mich die Geschichte weiterführen“, sagte sie zu mir und hob an.

 

Susan und der kleinen Sally ging es prächtig. Sally wuchs und gedieh. Susan liebte das Muttersein und das kleine Mädchen. Ein Hauch von Traurigkeit war trotzdem in ihren Augen, wenn sie ihr Kind ansah. Ich sprach sie darauf an, bekam aber keine Antwort. Susan meinte, das ginge mich nichts an und sie würde nicht darüber sprechen wollen. Ich respektierte ihren Wunsch.

Die Zeit verging und eines Tages brach eine ansteckende Krankheit unter den Schwestern des Klosters aus. Susan, die sich wie jede Nonne an der Pflege der Erkrankten beteiligte, als wäre es das natürlichste auf der Welt, steckte sich an. Die Krankheit wütete bei ihr so schlimm, dass sie an dieser verstarb. Als wir ihre Zelle ausräumten und säuberten, fanden wir in einer Ritze ihres Bettes dieses Schreiben.

Die junge Frau reichte es mir, damit ich es lesen konnte. Darin stand, dass du meine Tochter bist und Susan mich bis zum Schluss vermisst und geliebt hat. Die Schwestern sollten ihr Kind nie ihren Eltern übergeben, um es vor ihnen zu schützen. Sie sollten sagen, es wäre an der gleichen Krankheit, die Susan dahingerafft hatte, verstorben. Sie schrieb, sie sollten dich mir übergeben, damit ich dich aufziehen kann. Sie wisse, ich wäre dir ein guter Vater und in diesem Wissen würde sie in Frieden von dieser Welt scheiden. So erfuhr ich auch, mit welcher Intrige ihre Eltern über die Schwangerschaft erfuhren und dass Lilith einen großen Anteil daran hatte, dass sie gegen ihren Willen in dieses Kloster verschleppt wurde.

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, Lilith, diese intrigante Schlange, war daran schuld, dass ich meine große Liebe verloren hatte. Sie wollte schon immer mich als Gatten haben, wandte sich aber nur des Scheins halber von mir ab, als ich sie abwies. Doch nun gabst mir einen Teil meiner geliebten Susan zurück. Dein Lachen, deine Augen, dein Mund, dein Gang, ja sogar dein sanftmütiges und liebevolles Wesen hast du von deiner Mutter geerbt. Du hast nur wenig von mir, aber das ist nicht wichtig für mich. Du bist Susans und meine Tochter, nur das zählt.

 

Sally konnte es nicht fassen. Sollte Lilith wahrhaftig nicht ihre leibliche Mutter sein? War das auch der Grund dafür, dass sie stets so garstig zu ihr war.

„Darf ich Euch etwas fragen?“, wollte Sally von ihrem Vater wissen, worauf er nur nickte. Er konnte es sich schon denken, welche Frage nun folgte. „Wie reagierte Lilith, als sie erfuhr, wer ich bin und dass ich von nun ab hier leben sollte? Soll ich sie immer noch Mutter nennen? Mir dreht sich der Magen um, wenn ich sie so ansprechen muss.“

Adrian schaute sie an. Traurigkeit sprach aus seinem Blick. „Zuerst zu deiner letzten Frage: Wie du Lilith nun nennst, Mutter oder nicht, entscheidest nur du. Egal wie du dich entscheiden wirst, ich werde es akzeptieren.“

Erfreut aufatmend harrte Sally nun auf die Beantwortung ihrer ersten Frage.

 

Es war nicht einfach, Lilith meine Entscheidung, dich bei mir zu lassen, klar zu machen. Sie sah Susan immer als ihre Konkurrentin, die sie erfolgreich aus dem Weg geräumt hatte und nun kamst du und machtest ihr meine Liebe streitig. Für mich war vom ersten Moment klar, als ich erfuhr, wer du bist, wo du aufwächst. Immerhin warst du mein Kind, das Zeugnis meiner Liebe zu Susan. Dass ich sie nun für immer verloren hatte, tat mir unheimlich weh. Dich in meiner Nähe zu wissen, linderte meinen großen Schmerz ein wenig. Ab jetzt warst du Liliths Konkurrentin. Sie sträubte sich dagegen, dich als ihr Kind anzuerkennen. Das hast du erst heute wieder bemerkt. Sie wollte dir das Gleiche antun, was Susans Eltern ihrem einzigen Kind einst antaten, dich ins Kloster stecken, wenn du ihr nicht zu Willen bist. Das werde ich zu verhindern wissen, auch wenn dies heißen sollte, Lilith als meine Gattin zu verstoßen. Immerhin hat sie sich mir in den ganzen Jahren verweigert, nur um kein Kind von mir zu empfangen. Ob sie noch unberührt ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube aber nicht, bei den vielen Liebschaften, die sie in unserer Ehe hatte. Wie sie dabei kein Kind empfangen konnte, ist mir heute noch ein Rätsel. Wenn sie doch noch unberührt sein sollte, ist es ein Leichtes, sie nach so langer Zeit zu ihren Eltern zurück zu schicken. Du bist mir wichtiger als sie. Sie hat mein Leben zur Hölle gemacht, genau wie deines.“

 

Die Worte ihres Vaters beruhigten Sally immens. Endlich fühlte sie sich angekommen, geliebt und hatte einen Vater, der ihr zur Seite stand. Instinktiv wusste sie, ihr Leben würde sich ab sofort ändern.

Still und in sich gekehrt saßen die beiden Menschen nebeneinander. Jeder hing seinen Gedanken nach, doch keiner sagte ein Wort. Sally hatte noch so viele Fragen, die nur ihr Vater ihr beantworten konnte. Als sie ihn ansah, bemerkte sie zum ersten Mal die Falten, die sich in sein Gesicht gegraben hatten und die ersten grauen Strähnen in seinem Haar. Er war alt geworden in der letzten Zeit und sah erschöpft aus.

„Du siehst müde aus“, sagte Sally zu ihm und strich ihm über die stoppelig gewordene Wange. „Geh zu Bett und ruh dich aus.“

„Was ist mit dir?“, wollte Adrian wissen.

„Ich komme schon zurecht“, erwiderte seine Tochter. Sie beugte sich zu ihm hinüber und gab ihm einen Gutenachtkuss, den ersten seit vielen Jahren.

Adrian gab sich geschlagen. „Schlaf gut, Liebes“, sagte er noch, ehe er das Zimmer seiner Tochter verließ.

 

Im Flur begegnete ihm Lilith, die ebenfalls auf dem Weg in ihr Schlafzimmer war. Ihre Wangen waren gerötet, ihr Blick glasig, als hätte sie zu viel von dem Wein getrunken, den es zum Dinner gab.

 

„Wo kommst du her? Ich habe dich gesucht“, keifte Lilith mit ihrer schrillen Stimme.

„Wo soll ich schon gewesen sein? Bei Sally natürlich. Ein paar klärende Worte waren vonnöten. Sie weiß nun Bescheid, über alles!“  Von oben herab sah Adrian seine Gattin an. Endlich fühlte er sich stark genug, ihr gegenüber zu treten und sie in ihre Schranken zu weisen.

„Du hast was?“ Liliths Stimme überschlug sich beinahe.

„Ich habe ihr alles erzählt, über dich, über mich, über Susan, ihre Mutter.“ Adrian fühlte sich gut.

Lilith wurde bleich. „Das wirst du bereuen, und Sally auch! Meine Meinung bleibt. Ist sie innerhalb eines Jahres nicht verheiratet oder steht keine Vermählung an, geht sie ins Kloster!“

„Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen! Sally ist meine Tochter, nicht deine. Ich bestimme über sie, ich bin ihr Vormund!“

„Aber ich habe sie großgezogen, als wäre sie mein eigenes Kind“, konterte Lilith. „Ich tröstete sie, wenn sie krank war, saß an ihrem Bett. Ich liebe sie wie mein eigenes Kind.“

„Eigenes Kind. Ein guter Übergang“, Adrian grinste über das ganze Gesicht. „Wo sind denn die Kinder, die wir gemeinsam haben? Bestehen die nur in deiner Fantasie? Ich sehe hier keine fröhliche, herumtobende Kinderschar! Du hast dich mir die ganzen Jahre verweigert. Wie sollten da Kinder entstehen? Es sei denn, du hast dich von einem anderen Mann schwängern lassen.“ Siegessicher wollte Adrian davon gehen. Doch Lilith hielt ihn zurück.

„Ich bin nicht mehr unberührt“, offenbarte sie ihm. „Wer von uns ist da besser dran? Du oder ich?“ Nun war es Lilith, die siegessicher griente.

„Das werden wir noch sehen“, konterte Adrian. „Ich bin Sallys Vater. Susan hat es mir schriftlich bestätigt.“

„Ach, das kann doch jeder sagen, nur um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Wer weiß, mit wem deine allzu göttlich geliebte Susan noch alles herumgehurt und wer ihr das Balg aufgehalst hat. Aber wenigstens ist sie nun keine Konkurrenz mehr für mich. Sie ist längst in ihrem finsteren Grab verwest und von den Maden zerfressen. Geschieht ihr recht, dieser Hure.“ Bösartig glänzten Liliths Augen.

Adrian griff nach ihren Schultern. Sein Gesicht kam dem ihrigen gefährlich nahe. „Wage es nie wieder, so über Susan zu sprechen. Sonst wirst du dies dein restliches Leben lang bereuen“, drohte ihr Adrian.

Lilith riss sich los. „Das werden wir noch sehen, wer hier was bereut“, entgegnete sie schnippisch und wandte sich ab, um sich endlich zur Nachtruhe zu begeben.