Leseprobe aus Kapitel 1


Arnstadt, im Spätsommer des Jahres 1520

 

Wie ein junges Rehkitz hüpfte Rieke aufgeregt neben ihrer Mutter die Gasse, die zum Markt führte, entlang. Heute war Markttag in Arnstadt. Ihre Mutter wollte dort nach Stoffen für neue Kleider schauen. Diesmal sollte Rieke auch neue bekommen. Zeit wurde es dazu. Ihre alten Kleider sahen längst nicht mehr so schön aus, viele waren auch zu kurz oder auch aus der Mode gekommen. Obwohl sie sehr sorgsam damit umging, sah man ihnen den langen Gebrauch längst an. Außerdem sah sie einer baldigen Hochzeit entgegen. Ihre Eltern hatten ihr angekündigt, sie in absehbarer Zeit zu verheiraten. Das Alter dazu hatte sie mit ihren 16 Jahren. Wer der Bräutigam sein sollte, hatten sie ihr noch nicht verraten. Bald sollte sie ihn kennenlernen.

Rieke wollte eigentlich noch nicht heiraten, doch als wohlerzogene und folgsame Tochter eines angesehenen Ratsherrn der Stadt Arnstadt beugte sie sich natürlich dem Wunsch ihrer Eltern. Bis jetzt konnte sie es sich nicht vorstellen, einen Mann zum Gatten zu haben, den sie bis zur Verlobung noch nicht einmal kannte. Eine Liebeshochzeit konnte sie sich aus dem Kopf schlagen. Das gab es in ihren Kreisen nicht. Da heiratete Geld das Geld. Auch ihre Eltern wurden einfach miteinander verheiratet. Doch mit der Zeit lernten sie sich lieben und führten eine gute Ehe, um die sie von vielen beneidet wurden. Rieke wünschte sich das selbe Glück wie ihre Eltern. So in Gedanken sprang sie weiter hinter ihrer Mutter her.

„Ulrike, benimm dich endlich! Eine junge Dame hüpft nicht, sondern schreitet grazil dahin. Was sollen die Leute von uns denken“, schimpfte Augusta, Riekes Mutter. Entrüstet sah sie ihre Tochter an.

„Aber Mutter, freut Ihr Euch nicht über die neuen Kleider, die wir uns nähen lassen wollen?“, erwiderte Rieke lachend vor Freude und Übermut. Am liebsten hätte sie die ganze Welt umarmt, so sehr freute sie sich. Den Nebeneffekt mit der Verheiratung verdrängte sie lieber erst einmal.

„Doch, sehr. Aber eine vornehme Dame zeigt in der Öffentlichkeit ihre Freude nicht in dieser Art“, erklärte sie ihrer Tochter bestimmt schon zum tausendsten Male die Benimmregeln einer edlen Dame.

„Ich werde mich, wie Ihr es Euch wünscht, vorzüglich benehmen“, sagte Rieke und zog eine Schnute. Sie wusste, mit ihren Grimassen konnte sie ihre Mutter immer zum Lachen bringen.

„Nun komm, wir halten hier den ganzen Verkehr auf“, drängte Augusta die Tochter zum Weitergehen, ohne auf Riekes Possen zu achten. Es war schon Vormittag. Um noch gute Stoffe ergattern zu können, mussten sie sich beeilen. Auch wenn die Händler ihre Waren noch bis zum Abend feilboten, die besten Stücke gab es immer am Morgen. Wer später kam, erhielt meist nur noch Ware von geringerer Qualität. Normalerweise reisten sie zum Einkaufen solcher Dinge ins nahe Erfurt. Doch ihr Gatte Wolfhardt war zur Zeit unabkömmlich im Stadtrat.

 

Auf dem Markt herrschte ein reges Treiben. Die Leute drängelten sich um die eng nebeneinander stehenden Stände, an denen die Händler ihre Waren anpriesen, als wäre es reines Gold. Es war ein Schubsen und Drängeln, dass Rieke zusehen musste, nicht den Anschluss an ihre Mutter zu verlieren. Dabei musste sie auch noch aufpassen, nicht von einem Beutelschneider um ihre Geldkatze erleichtert zu werden.

Hier in Arnstadt gab es nur wenige Leute, die reich genug waren, sich die beste Qualität an Waren leisten zu können. Die Familie Wollhaupt gehörte zu den Glücklichen. So wandte sich Riekes Mutter den Tuchhändlern zu, die Textilien aus fernen Ländern anboten.

Rieke konnte sich gar nicht satt sehen an den Mengen von Stoffen, Bändern, Schleifen, Knöpfen und Perlen zur Verzierung. Am liebsten hätte sie alles genommen, doch das war natürlich nicht möglich.

Ihre Mutter ging weiter zum nächsten Stand. Dort bot ein Händler edle Stoffe aus Venedig an. Es gab Seide, Damast, auch Samt. Den obligatorischen Zierrat pries er gleich mit an.

 „Rieke, schau mal hier“, forderte sie ihre Tochter auf, die trödelnd zwischen den Ständen umherlief und hier und da Ware anschaute. Rieke kam sogleich herbeigeeilt.

„Mutter, wie wäre es mit diesem Tuch?“, fragte sie nach einer Weile und zeigte auf edle Seide in grün. „Eine Farbe wie das saftige Grün der Wiesen im Frühling.“

„Edles Fräulein, die Farbe passt sehr gut zu Euren Augen und Haaren“, mischte sich der Händler nun ein und katzbuckelte vor den Frauen. Rieke errötete und blickte beschämt zu Boden. „Nicht so schüchtern, greift zu und schaut, befühlt die Ware. Stellt Euch vor, wie die Seide sich an Eure Haut schmiegt, wie sie raschelt, wenn ihr Euch bewegt. Die Qualität ist die beste, die Ihr hier in der Gegend erhalten könnt.“

Wieder errötete Rieke. Ihre Mutter indes räusperte sich hörbar.

„Wir wollen Stoffe kaufen und nicht um herum zu scharwenzeln oder Süßholz zu raspeln“, mokierte sie sich, worauf sich der Händler tief vor ihr verbeugte.

„Sehr wohl, edle Dame. Wie wäre es damit? Diesmal für Euch“, pries er weiter einen seine Waren an. Rieke war froh, der Aufmerksamkeit des Händlers entkommen zu sein und befühlte die grüne Seide, die ihr immer mehr gefiel. Sie konnte sich schon in einem Traum von Grün sehen, mit einer Schleppe und weiten Ärmeln, den Ausschnitt mit einer Reihe Perlen bestickt.

„Hast du dich entschieden?“, sprach Augusta sie an. Rieke erschrak. Vor lauter Bestaunen hatte sie gar nicht bemerkt, dass ihre Mutter für sich bereits Damast ausgesucht hatte.

„Ja, Mutter, diesen hier bitte“, antwortete Rieke und zeigte auf die grüne Seide, die sie in den Händen hielt.

„Eine sehr gute Wahl, wertes Fräulein. Ihr werdet viel Freude damit haben“, mischte sich der Händler ein.

„Dann kommen wir jetzt zum Geschäftlichen“, wandte sich August an ihn.

„Ich mache euch einen sehr guten Preis“, sagte er und nannte ihr eine Summe, die sogar für Rieke zu hoch erschien.

Augusta schüttelte nur mit dem Kopf. „Das soll ein sehr guter Preis sein, guter Mann? Dass ich nicht lache. Zu teuer, viel zu teuer. Davon bekomme ich in Erfurt doppelt so viel wie bei euch“, konterte Augusta und nannte die Summe, die sie zu zahlen bereit war.

„Edle Dame, ich habe eine Familie zu versorgen“, erwiderte der Händler. „Zwei Gulden mehr und wir kommen ins Geschäft.“

„Und ich habe nichts zu verschenken“, beharrte Augusta auf ihrer Meinung. Rieke stand nur daneben und staunte. So kannte sie ihre Mutter noch gar nicht. Sie hatte sie zwar schon oft zu Einkäufen auf den Markt begleitet, aber sich nicht für Preise und Verhandlungen interessiert.  Doch nun verfolgte sie den Disput aufmerksam, von ihr konnte sie nur lernen. Vielleicht war sie selbst auch irgendwann in der Situation, über einen Preis verhandeln zu müssen.

„Einen und einen halben Gulden mehr“, bot der Händler nun an.

„Einen Gulden mehr als Euer erstes Angebot“, kam von Augusta. „Da macht Ihr immer noch gut.“

„Meine Dame, Ihr wirklich seid ein harter Brocken“, versuchte der Händler zu scherzen. „Weil Ihr es seid, nehme ich Euer Angebot an.“

Augusta lächelte gnädig und schlug ein. Sie bekam immer, was sie wollte, auch wenn es um Preise ging.

 

„Vater, Vater, schaut doch, welch herrliche Dinge wir für mein neues Kleid gefunden haben.“ Rieke stürzte aufgeregt ins Kontor ihres Vaters und hielt ihm das Bündel mit dem grünen Seidenstoff, den Bändern und Perlen entgegen, das sie, seit sie den Markt verlassen hatten, nicht aus der Hand gegeben hatte. Nicht einmal Lisbeth, ihrer Magd, die sie immer zu Einkäufen begleitete, wollte sie ihn zum Tragen aushändigen.

„Sehr schön, mein Kind“, erwiderte der Vater. „Hat Mutter ebenfalls für sich gekauft?“, wollte er wissen.

„Aber natürlich, genau so schön wie dieser hier“, brach es aus Rieke heraus wie aus einem Wasserfall.  „Samt in Bordeaux-Rot. Mutter wird darin bestimmt wie eine Prinzessin aussehen“, schwärmte sie. So kannte Wolfhardt seine Tochter, sie war für alles Schöne zu begeistern. Schon als kleines Kind war sie ein Wirbelwind. Er hoffte sehr, das ändere sich im Laufe der Zeit. Doch leider war es nicht an dem, sie war und blieb ein Wirbelwind. Dann komplimentierte er Rieke wieder hinaus. Er hätte noch wichtige Geschäfte zu erledigen, ehe er zur Ratssitzung musste.

„Wie erwachsen sie geworden ist“, dachte sich Wolfhardt liebevoll lächelnd, als er sich wieder seinen Büchern zuwandte, um die Preise für die Wollballen zu berechnen, die erst gestern angekommen waren.