A rainy Night in Paris


Von einer verlorenen Liebe

Leise plätscherten die Regentropfen gegen das Fenster im Wohnzimmer, vor dem Mary stand und schweigend in die Nacht hinaus schaute. Im Hintergrund klang leise Musik aus der Stereoanlage - „A rainy Night in Paris“. Es war Edwards und ihr Song, nach dem sie so oft eng umschlungen getanzt hatten. Doch die Musik machte sie heute noch melancholischer als sie schon war. Seit vielen Tagen lebte sie wie in Trance, alles um sie herum schien sie wie durch einen Schleier zu sehen. Sie kam sich fast vor als wäre sie nur Zuschauer eines Theaterstücks, das auf einer Bühne gespielt wurde. Doch war diese Bühne, kein Spiel, es war Realität und sie war der Hauptakteur.

Es regnete, genau wie vor einigen Jahren im Juli in Paris. Damals, als sie so glücklich war mit ihm und sie sich ewige Liebe schworen. Sie liefen durchnässt über die Champs-Élysée und erfreuten sich des Lebens, tauschten Küsse, lachten. Bis sie an ein Blumengeschäft kamen und dort Halt machten. Edward kaufte alle Rosen, die es im Laden gab und legte ihr diese zu Füßen. Er hielt in aller Öffentlichkeit um ihre Hand an. Die vielen Menschen um sie herum konnten es hören, Applaus erscholl und Glückwunsch-Rufe der Passenten prasselten auf sie ein. Ja, sie war die glücklichste Frau der Welt. Und sie liebte ihn, Edward, den Mann ihres Herzens, der ihr die Welt zusammen mit seiner Liebe zu Füßen legte. Sie fühlte sich wie eine Prinzessin. Aus dem Geschäft erscholl „A rainy Night in Paris“, wie passend zu einer regnerischen Nacht wie dieser. Später dann, als sie sich endgültig das Ja-Wort gaben, waren sie endlich auch vor dem Gesetz ein Paar.

***

Mary war traurig, sehr traurig. Je länger sie aus dem Fenster schaute, desto trauriger wurde sie. Ihre Gedanken schweiften zurück zu Edward, der sie vor einigen Wochen verlassen hatte, für immer. Und daran war sie schuld, sie ganz allein. Was war geschehen?

Viel zu schnell waren sie unterwegs auf der Straße oben in den Bergen. Es war regnerisch, genau wie jetzt auch. Es war dunkel, der Mond versteckte sich hinter den Wolken, als wäre es auch ihm zu kalt, die Erde zu beleuchten und den Menschen, die noch unterwegs waren, den Weg zu erhellen.

Edward steuerte gekonnt den großen Wagen, den sie sich gemietet hatten, der sie zu ihrem Ziel bringen sollte. Doch es sollte nicht sein, dass sie dort ankamen.

Wie aus heiterem Himmel stürzte es auf sie ein, als Edward ihr gestand, eine andere Frau zu lieben, für die er sie, Mary, nun verlassen wollte. Das Wochenende hoch oben in den Bergen sollte das Letzte sein, das er mit ihr verbringen wollte. Dort wollte er ihr gestehen wie es dazu kam und sie dann verlassen.

Mary spürte, es lag etwas in der Luft. Sie drängte Edward, ihr zu gestehen, was war.

Doch Edward wollte noch nichts sagen, wusste er wohl, wie sie reagieren würde. Ja, er kannte sie zu genau. Das wusste sie. Doch Mary ließ nicht locker, bis er nachgab.

Erst rollten Tränen über ihre Wangen. Ohne ein Wort zu sagen, starrte sie aus dem Wagenfenster, sah die Bäume, die die Straße säumten an sich vorbeiziehen. Sollte das schon alles gewesen sein, kam ihr in den Sinn. Wollte er sie wirklich verlassen und eine andere Frau lieben, nicht mehr sie, der er vor Jahren auf dem Champs-Élysée die Liebe geschworen hatte.

Dann kam Wut in ihr hoch, unbändige Wut auf die Frau, die ihr den Mann nehmen wollte und wegen der er sie verlassen wollte.

Für Mary war es selbst nach Wochen Düsterheit immer noch nicht verständlich, warum sie so reagierte. War es verletzter Stolz? War es die Liebe, die sie nun für immer verloren hatte? Sie wusste es nicht. Alles in ihr schmerzte, so schlimm, dass sie dachte, sie würde daran zerbrechen. Sie fühlte sich so leer, so unnütz ohne ihn. Doch wusste sie, daran würde sie niemals etwas ändern können.

„Sag das noch einmal!“, schrie sie ihn an und schlug voller Verzweiflung auf ihn ein.

„Ich verlasse dich“, sagte er nochmals ohne eine Regung im Gesicht. Edward war die Ruhe in Person.

„Aber warum? Liebst du mich nicht mehr? Sollten all die Jahre einfach so vergessen sein?“, stürmten ihre Fragen auf ihn ein.

„Ich liebe dich nicht mehr“, war immer wieder Edwards Antwort auf ihre Fragen. „Und ich habe eine andere“, gab er dann nochmals zu.

Nun schien die Welt gänzlich über Mary zusammenzustürzen. Hastig kramte sie in ihrer Handtasche, in der sie immer die CD mit ihrem Song mit sich herumtrug. Sie nestelte am Stereoradio, das CD-Fach fuhr heraus, sie legte die Platte ein und startete. Leise klang aus den Lautsprechern „A rainy Night in Paris“. Mary drehte die Lautstärke höher auf.

„Das ist unser Lied“, sagte sie wie in Trance zu Edward. „Erinnerst du dich nicht? Es lief damals in dem Blumenladen, vor dem du mir den Antrag machtest.“

Doch Edward verzog keine Miene, wie stur sah er gerade aus auf die Straße.

Immer wieder schrie sie ihn an, doch er ließ sich nicht beirren, sondern fuhr immer weiter höher in die Berge. Dass er zu schnell war, schien er nicht zu bemerken - oder wollte er es nicht?

Mary griff ihm ins Lenkrad, gerade als er eine enge und gefährliche Kurve nehmen wollte. Der Abgrund kam nahe, Edward konnte den Wagen gerade noch herumreißen, ehe er abstürzte. Er war ein guter Fahrer, der sich der Gefahr der engen Serpentinen nachts sehr wohl bewusst war.

„Tu das nie wieder!“, fuhr er Mary zornig an und stieß sie beiseite.

Erschrocken schrie sie auf, als sie gegen die Wagentür geschleudert wurde.

Leise vor sich hin weinend kauerte sich danach Mary in die Ecke ihres Sitzes. Die Tränen wollten nicht enden. Immer wieder versuchte sie, auf Edward einzureden und ihn umzustimmen. Doch es war aussichtslos. Er blieb dabei, sie zu verlassen.

„Wenn ich dich nicht bekommen kann, dann soll dich auch keine andere bekommen“, schrie sie Edward wieder voller Zorn an. Heftig stieß sie ihn in die Seite, dass er ins Straucheln kam und der Wagen gefährlich schlingerte.

Wieder konnte Edward im letzten Moment gerade noch den Wagen davon abhalten, in den Abgrund zu stürzen. Doch den riesigen Hirsch, der plötzlich auf der Straße stand, bemerkte er deswegen nicht. Wie ein Pfeil schoss er auf ihn zu. Das Tier wurde immer größer, die Bremsen des Wagens quietschten. Vergeblich. Ein Aufprall, Blut spitzte, außen und auch innen. Mary schrie, Edward ächzte, als sein Kopf gegen das Lenkrad knallte und sein Blut wie eine Fontäne durch das Auto schoss. Dann war Dunkelheit um Mary.

Stille um Mary. Blinzelnd versuchte sie die Augen zu öffnen. Endlich gelang es ihr. Sie blickte neben sich. Edward hing leblos im Gurt, den Kopf gegen das Lenkrad gelehnt. Langsam sickerte Blut aus einer Wunde am Kopf, auch aus seinem Mund tropfte welches.

Mary blickte sich um. Vor ihr die Windschutzscheibe und der Airbag, der sich bei dem Aufprall geöffnet hatte. Etwas neben ihnen am Straßenrand der Hirsch, auch er bewegte sich nicht mehr. Wieder blickte sie hinüber zu Edward. Doch was war das? Kein Airbag? Er schien versagt zu haben.

„Edward! Edward!“, schrie Mary verzweifelt. Doch Edward antwortete nicht. Mary versuchte, sich aus ihrem Gurt zu befreien. Endlich gelang es ihr. Sie tastete nach Edward, suchte am Hals die Schlagader. Nichts war zu spüren, nur Stille um sie herum. Der Mond schien nun, es hatte aufgehört zu regnen, die Wolken hatten sich verzogen und das Licht des Mondes erhellte die Straße.

Hastig versuchte sie, nun auch Edwards Gurt zu lösen. Als es ihr gelungen war, lehnte sie Edward nach hinten gegen die Lehne seines Sitzes. Kraftlos kippte sein Kopf zur Seite und blicklose Augen sahen sie an. Mary schrie, wie sie noch nie geschrien hatte. Dann versank sie in eine erlösende Ohnmacht.

„Hallo, aufwachen!“, hörte Mary wie durch eine Nebelwand. Endlich war es ihr möglich, die Stimme zu orten. Sie schlug die Augen auf. Doch es war nicht Edward, der sie anblickte und versuchte, sie auf die Welt zurückzuholen. Ein ihr unbekannter Mann schaute sie besorgt an und fühlte dabei ihren Puls.

„Wo bin ich?“, stammelte sie und wollte sich aufrichten.

„Bleiben sie liegen“, hielt der Fremde sie zurück.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Sie blickte sich weiter um. Sie lag auf einer Trage, die neben einem Krankenwagen stand. Ein junger Mann versorgte ihre Schrammen.

„Wo ist Edward?“, fragte sie mit krächzender Stimme.

„Es tut mir leid, er hat den Unfall nicht überlebt“, sagte der Fremde und zeigte auf einen Rollwagen, der etwas abseits neben einem schwarzen Leichenwagen stand. Darauf stand ein Sarg, der schon verschlossen war.

„Edward!“, schrie Mary und wollte wieder aufspringen. Doch sie wurde zurückgehalten.

„Er hört sie nicht mehr“, sagte traurig der junge Mann neben ihr. „Wir konnten ihm nicht mehr helfen.“

Weinend fiel sie zurück auf die Trage. Erst Wochen später wurde sie wieder richtig wach und konnte am Leben teilnehmen, das doch eigentlich so schön sein sollte. Doch für Mary war es nicht mehr schön, es war traurig, hatte sie doch das verloren, das sie am meisten liebte. Edwards Beerdigung erlebte sie wie in Trance. Es schien ihr, als würde sie nicht dazu gehören. Doch sie gehörte dazu, zu den vielen Trauernden, die gekommen waren, um Abschied für immer zu nehmen.

Immer, wenn es nun nachts draußen regnete und sie aus dem Fenster schauen musste, erinnerte sie sich an die Nacht in Paris, als alles begann. Dann schaltete sie die Stereoanlage an und spielte ihren Song ab. „A rainy Night in Paris“, Edwards und ihr Lied, mit dem alles begann und alles endete.