Das erste Date

 

geschrieben für den 2. kreativen Mittwoch am 12.09.2018 

in der Facebook-Gruppe "Sweek Deutschland Fangruppe"


Auf das erste Date mit Anthony freute ich mich schon lange. Ich hatte ihn in einem Chatroom kennengelernt. Frau musste sich irgendwie behelfen, wenn sie nicht jede Woche die Möglichkeit hatte, auszugehen. Anfangs schrieben wir nur so hin und her. Belanglose Dinge waren die Themen, die nach und nach ein wenig langweilig wurden. Also machte ich einfach Nägel mit Köpfen und schlug vor, uns doch einfach mal persönlich kennenzulernen. Eigentlich kein Problem, wenn man in derselben Stadt wohnt. Gesagt, getan. Heute war es soweit. In zwei Stunden sollte ich den Schwarm meiner Träume treffen.

 

„Hallo Anthony“, rief ich durch die kleine Kneipe, die wir uns als ersten Treffpunkt auserkoren hatten. Ich hatte ihn sofort erkannt. Er war ein Traum von einem Mann. Ich geriet sogleich ins Schwärmen.  

 

Mit weit ausladenden Schritten strebte er meinem Tisch zu. Galant küsste er mir die Hand. Ich kam mir vor wie im Film.

 

„Setz dich doch“, bot ich ihm an. Gelassen nahm er mir gegenüber Platz und orderte sich einen Drink. Nachdem seine Bestellung vor ihm stand, schaute er mich interessiert an. Ich kam mir schon vor wie auf einem Basar, auf dem Frauen zum Verkauf angeboten wurden. Meinen Unmut darüber ließ ich mir jedoch nicht anmerken. Außerdem kam mir Anthony etwas eigenartig vor. So beschloss ich, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

 

„Schön, dass du da bist“, sülzte ich.

 

Lässig lehnte sich Anthony zurück und griente mich an. „Einer schönen Frau kann ein Mann doch keinen Wunsch abschlagen.“

 

Woher er wusste, wie ich aussah, entzog sich hier leider meiner Kenntnis. Ein Profilfoto hatte ich in diesem Chatraum nicht und von mir geschickt hatte ich ihm auch keines. Ich überlegte, wie ich weiter verfahren sollte.

 

„Süßholz raspeln musst du aber nicht“, wehrte ich ab. „Aber sag mal, kennst du dich hier in der Gegend aus?“, fragte ich interessehalber. Ich wusste, er lebte am anderen Ende der Stadt und kam sehr selten hierher.

 

„Ach, ich habe Freunde hier, gleich in der Nebenstraße. Daher war es kein Problem, diese kleine Kneipe zu finden. Überdies war ich schon einmal hier. Es ist zwar etwas länger her, aber ich vergesse so schnell nichts.“ Er zeigte ein Blendamed-Lächeln, wohl um mich zu bezirzen.

 

„Das hast du mir noch gar nicht erzählt“, tat ich interessiert. „In welcher Straße wohnen deine Freunde denn? Weißt du, ich bin hier aufwachsen und kenne so gut wie jeden in den umliegenden Straßen.“

 

Anthony schien es ein wenig mulmig zu werden. „Das ist die Wendlandstraße“, sagte er dann.

 

„Ach, die kenne ich gar nicht“, erwiderte ich erstaunt tuend. „Wendlandstraße? Ich wüsste nicht, dass es die hier geben soll.“

 

„Vielleicht habe ich mich auch vertan“, warf er ein.  „Kann sein, dass ich die mit der Wielandstraße verwechselt habe. In der Wendlandstraße wohnen nämlich noch andere Freunde von mir. Ich dachte, die wäre hier.“ Er redete sich in eine Sackgasse und ich genoss es, ihn auffahren zu lassen.

 

„Die Wielandstraße gibt es hier auch nicht“, sagte ich. Nun war ich mir sicher, er belog mich nach Strich und Faden. „Kann es sein, dass du dich hier gar nicht auskennst. In der Stadt gibt es weder eine Wendland- noch eine Wielandstraße.“

 

„Wie komme ich denn dazu, dich zu belügen?“ Ich bemerkte, am liebsten wäre er wutentbrannt aufgesprungen.

 

„Weißt du, ich merke sofort, wenn mich jemand anlügen will“, entgegnete ich ganz ruhig.

 

„Nein, nein, ich lüge nicht“, wehrte er ab. „Du kannst mir glauben, meine Freunde wohnen wirklich hier in der Nähe und ich auch in dieser Stadt.“

 

Ich stellte ihm noch einige Fragen, die die Stadt betrafen. Alle beantwortete er falsch. Für mich ein Indiz, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

 

„Ich bin traurig“, sagte ich nach einer Weile. „Schade, dass du mich anlügst und dann auch noch behauptest, du sprichst die Wahrheit. Solche Menschen kann ich nämlich gar nicht leiden.“ Ganz sicher war ich mir nicht, dass er mich belog oder auch nur teilweise belog. Daher wollte ich Anthony noch ein wenig herauslocken.

 

„Erinnerst du dich an unser Stadtfest letztes Jahr?“, fragte ich ihn, um vom Thema abzulenken. „Das war echt der Renner. Die Band, die am Samstagabend gespielt hat, die war echt super.“ Ich tat so, als würde ich überlegen. „Wie hieß die nur?“

 

Auch Anthony tat als würde er überlegen. „Ach, mir fällt es ein“, sagte er nach einer Weile. „Das waren doch die Millivanillis. Eigentlich eine No-Name-Band, aber gut.“

 

Jetzt hatte ich ihn. Die Band hieß keinesfalls so. „Weißt du was! Verarschen kannst du dich selber“, motzte ich.

 

„Wie meinst du das?“, fragte er.

 

„Du warst gar nicht auf dem Stadtfest letztes Jahr!“, platzte mir nun der Kragen. 

 

„Aber…“, begann er zu stottern, ganz bleich um die Nase.

 

„Letztes Jahr gab es hier kein Stadtfest. Also können die Millivanillis auch nicht gespielt haben. Du lügst mich nach Strich und Faden an. Das ist mir zuwider. Das auch noch beim ersten Date. Ich bin arg enttäuscht von dir.“

 

Anthony wurde noch bleicher.

 

„Weißt du, was ich glaube?“

 

„Was denn?“, kam anstatt einer Antwort eine Gegenfrage.

 

„Du wohnst weder hier in der Stadt, noch hast du hier Freunde. Du bist nur auf Dummfang, um wieder einmal eine dumme Alte abzuschleppen.“

 

„Das ist doch…“, Anthony wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er sprang auf. „Du blödes Weib“, schimpfte er mit mir. Er riss seine Geldbörse aus der Hosentasche und nahm einen kleinen Schein heraus. „Hier, für meine Zeche. Ich will mir nicht nachsagen lassen, ich nähme harmlose Frauen aus.“ Er warf mir den Geldschein auf den Tisch. „Auf Nimmerwiedersehen“, zischte er mich an, drehte sich um und verschwand durch die Tür nach draußen.

 

„Getroffene Hunde bellen und beißen“, dachte ich mir und schaute hinaus. Ich sah gerade noch, wie er in einen alten rostigen Wagen mit Berliner Kennzeichen stieg und mit quietschenden Reifen davonbrauste. Ich war mir ganz sicher, das Autokennzeichen von Heldrungen begann nicht mit B.

 

© by Milly B. / 12.09.2018