Ein für alle Mal...


Wie so oft war Konrad, kurz genannt Konni, auf der Autobahn unterwegs, um einem Kunden einen Besuch abzustatten. Er liebte seinen Beruf, in dem er aufging. Durch nichts ließ er sich ablenken, wenn es darum ging, viel Geld zu verdienen, um seinen hohen Lebensstandart halten zu können. Nein - Konni war kein Staubsaugervertreter. Er verkaufte etwas ganz anderes, nämlich für viel Geld seinen Körper an gut zahlende Herren und Damen, die es sich leisten konnten, einen Callboy für gewisse Dinge zu buchen.

Eigentlich mochte er es sehr, die Autobahn mit seinem großen Cabrio entlang zu sausen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Doch heute war irgendwie der Teufel los. Die Straßen verstopft bis zum geht nicht mehr, die Sonne prallte unbarmherzig auf ihn hernieder, dass er es nicht einmal wagte, das Verdeck zu öffnen, aus Angst, er könne sich einen Sonnenbrand zuziehen. Zu guter Letzt hatte er auch noch seinen Kopfschutz, den er trug, wenn er offen fuhr, zu Hause liegen lassen. Schimpfend stand Konni fast am Ende des Staus, der sich lang vor ihm hinzog. Der Verkehrsfunk berichtete auch nichts Gutes. Ein schwerer Unfall war geschehen, der den Stau verursachte und die nachfolgenden Wagen zwang, sich nur in Schrittgeschwindigkeit fortzubewegen.

Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm, auch zum Termin mit dem Kunden würde er zu spät kommen. Fluchend suchte er sein Handy, um wenigstens die Verspätung zu melden. Doch der Kunde nahm nicht ab, war der Termin doch schon vor einer knappen Stunde angesetzt und Konni stand immer noch in der riesigen Schlange von Autos. Wie peinlich und geschäftsschädigend, wo er doch bekannt war für seine Überpünktlichkeit.

Konni stellte sein Navigationsgerät ein, das er eigentlich nur nutzte, wenn er zu einem neuen Kunden fuhr und sich in dessen Gegend nicht auskannte. Doch dieses Mal suchte er eine Möglichkeit, die Autobahn zu verlassen, um auf Umwegen zum Ziel zu gelangen. Doch das Navigationsgerät zeigte keinen Weg an, der für ihn halbwegs akzeptabel war. Alles nur kleine Nebenstraßen oder, was für ihn noch viel schlimmer war, Waldwege, die er seinem über alles geliebten Cabrio nicht antun wollte.

Sollte er es wagen, oder doch lieber nicht. Konni stand kurz vor der nächsten Ausfahrt und überlegte angestrengt, was er weiter tun sollte. Niemand vor ihm bog ab, so hatte er die Hoffnung, schneller voranzukommen als auf der Autobahn. Doch die Ausfahrt, entschied er kurzerhand, obwohl er nicht wusste, was ihn dort erwartete. Egal, dachte er. Ich bin eh zu spät und der Kunde verärgert. Mehr als schiefgehen kann es nicht. So setzte Konni den Blinker und fuhr von der Autobahn.

Je weiter der junge Mann fuhr, desto mehr fühlte er sich im Niemandsland. Weit und breit kein Ort zu sehen, geschweige denn ein Schild, das ihm den Weg in die nächste Stadt wies. Sogar das Navi streikte und weigerte sich vehement, eine geeignete Route preiszugeben.

Endlich, nach für Konni unendlich langer Zeit, ein Weg, der rechts abbog und sich in Richtung eines Waldes schlängelte. Konni schwitzte und erhoffte sich Abkühlung zwischen den Bäumen, wo er gedachte, Rast zu machen und sich ein wenig auszuruhen.

Doch anstatt eines großen Waldes erblickte Konni nur einen wenige hundert Meter breiten Gürtel aus Bäumen, der einen riesigen See vor neugierigen Blicken schützte.

„Oh wie schön“, rief der junge Mann erstaunt aus, als er des Sees ansichtig wurde. Er stoppte am Rande und stieg aus.

Leise plätscherte das Wasser ans Ufer und schien ihn regelrecht anzuziehen, ja sogar zu locken. Schnell entkleidete er sich. Dass er keine Badehose dabei hatte, war ihm egal. War er hier doch ganz allein und konnte somit auch wie Gott in schuf, herumtollen. Er sprang in die Fluten, die seinen erhitzten Körper abkühlen sollten. Konni ließ sich in den Wellen treiben und genoss die unverhoffte Möglichkeit, sich zu erholen und der Hitze zu entfliehen.

Nach und nach fiel der Stress des Tages von Konni ab. Inzwischen war es ihm einerlei, ob er den Kunden verlieren würde oder nicht. Das, was er hier sehen und erleben durfte, die Unberührtheit der Natur, die Stille und Erholung, war weit aus mehr wert, als ein Kunde, der ihm seine kostbare Zeit sowie seine Dienstleistung mit viel Geld bezahlte.

Mit kräftigen Schwimmstößen schwamm Konni durch das angenehm kühle Wasser, das sich herrlich an seinem nackten Körper anfühlte und ihn scheinbar an allen, sogar an den intimsten Stellen kitzelte. Kleine Schwärme von Fischen folgten ihm und schienen neugierig auf diesen eigenartigen Fisch zu sein, der durch ihren See schwamm. Ab und an kreischte eine Möwe, die wohl auf Nahrungssuche war. Schwäne zogen in der Ferne ihre Bahnen, während es sich am Ufer eine Entenfamilie bequem gemacht hatte und ebenfalls das Treiben des Mannes bestaunte.

Nach einiger Zeit hatte Konni genug und schwamm zurück ans Ufer. Er legte sich in den warmen Sand und streckte sich der Länge nach aus. Über ihm die Wolken schienen ihm zuzulächeln, einige schienen sogar zu winken. Konni zwinkerte in die Sonne, die erneut unbarmherzig auf ihn herniederbrannte. Doch es war ihm nicht heiß, eher angenehm und entspannend.

Um nicht einzuschlafen, zählte Konni die Vögel, die über dem See ihre Kreise zogen. Die unberührte Natur entzückte ihn. Sie war so ganz anders als die Hektik, die in der Stadt, in der er wohnte, alltäglich war. Frische Luft, Sonne, Sand, wilde Tiere, kitzelndes Gras, alles, was es in einer Großstadt nicht gab.

Konni erkannte, sein Leben, das er bisher führte, war nicht das, wofür es sich zu leben lohnte.

Ein Klingeln riss Konni plötzlich aus seinen Tagträumen. Erschrocken schaute er sich um und erkannte, das Klingeln kam aus seiner Hosentasche, wo er sein Handy verstaut hatte. Er robbte dorthin, um das Telefon herauszufischen. Ein Blick auf das Display verriet ihm den Namen des Anrufers, sein verpatzter Termin. Konni nahm ab. Ein nicht zu stoppender Redeschwall strömte auf in ein. Der Anrufer war aufgebracht und beschimpfte Konni ungestüm.

„Es ist mir scheißegal“, schrie Konni zurück. „Egal was du denkst oder über mich erzählen wirst. Für mich ist Schluss damit, ein für alle Mal.“