Fern von zu Hause

Geschrieben für den 41. Kurzgeschichtenwettbewerb im ELP-Forum


Schnaufend und nach Luft japsend tauchte Sally aus den tosenden Wogen des Ozeans auf. Ihre Lungen brannten wie Feuer, wenn sie versuchte, ruhig Luft zu holen. Krampfhaft hielt sie sich an einem dicken Brett fest, das wohl aus dem Rumpf des Schiffes stammte, das eben vor ihren Augen im Meer versank. Wie konnte sie nur so dumm sein und die weite Reise über den großen Ozean wagen. Dabei hatte sie schon so viel von Schiffbrüchigen gehört, die es geschafft hatten, den Fluten zu entkommen.

Erneut schwappte eine riesige Welle über Sally hinweg. Ihre Zähne klapperten, nicht nur vor Angst. Nur nicht untergehen, nahm sie sich fest vor. Doch das war leichter gedacht als getan. Immer wieder überrollten sie riesige Wellen und drohten sie zu verschlingen. Um sie herum schrien Menschen um Hilfe, einige schwammen bereits regungslos mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Die hatten es geschafft, Neptun nahm sie gnädig in seinem feuchten Reich auf.

Sally schmeckte das salzige Wasser auf ihren Lippen. Angeekelt spuckte sie es wieder aus. Es war nicht zum Durst stillen gedacht, eher um sie zu pökeln wie ein Stück Fleisch. Die Haare klebten an ihrer Stirn. Ihre sonst so penibel und akkurat aufgesteckte Frisur hatte sich längst in Wohlgefallen aufgelöst und nahm ihr die Sicht. Als die nächste Welle kam, versank Sally in tiefer Ohnmacht.

Heiß brannte die Sonne auf Sally hernieder. Langsam kam sie zu sich. Nur mit großer Mühe konnte sie die vom Salzwasser verklebten Augen öffnen. Was war das? Sie spürte herrlich warmen Sand zwischen ihren Fingern. Auch schaukelte es nicht mehr wie noch vor ein paar Stunden. Es war warm, ja sogar fast heiß. Entschlossen riss sie nun doch die Augen weit auf.

Grell blendete die Sonne. Schnell kniff Sally die Augen wieder zu. Doch dann riss sie sie erneut auf, als ihr bewusst wurde, dass sie lebte und der Ozean sie wieder ausgespuckt hatte wie einen Kirschkern. Sie versuchte, sich aufzurichten, doch sie war zu schwach und zu müde. Erschöpft schloss sie die Augen und ließ sich einfach treiben. Erholsamer Schlaf, das war es, was sie nun brauchte.

Als Sally erneut erwachte, graute bereits der Morgen. Die Wellen des Ozeans plätscherten leise an den Strand. Sally wischte sich den Schlaf aus den Augen. Sie fühlte sich erholt, doch als sie versuchte aufzustehen, bemerkte sie, wie jeder Knochen ihres Körpers schmerzte. Stöhnend richtete sie sich trotzdem auf. Sie strich sich die Haare, die ihr die Sicht nahmen, aus der Stirn. Alles an ihr klebte, die Haare, die Kleidung, ja sogar ihre Lippen, die vom Salz des Meereswassers spröde geworden waren.

Aufmerksam blickte sich die junge Frau um. Sie sah nichts als weiten Ozean hinter sich, vor sich den Strand und in geringer Entfernung große Bäume in seltsamer Form. Ein langer, fast gerade nach oben gewachsener Stamm wurde an der Spitze von langen Blättern gekrönt, die in fast regelmäßigen Abständen wuchsen und sanft im Wind schaukelten. Solch eigenartige Bäume hatte sie bisher nur auf Bildern gesehen. Im heimatlichen England hörte sie bereits aus Erzählungen, dass dies Palmen waren, die sogar im südlichen Europa wuchsen, wo es sehr viel wärmer war als in ihrer regnerischen Heimat. Sollte sie Amerika gar nicht erreicht haben und in Spaniens Süden gestrandet sein? Sie hoffte es nicht, denn die Fäden ihrer Familie, der sie entrinnen wollte, spannen bis Spanien.

Sallys Magen begann zu knurren, für sie ein Zeichen, sich endlich aufzuraffen. Sie musste sich auf die Suche nach etwas Essbarem machen und nach Wasser, wenn sie nicht verdursten wollte. Sie erhob sich und lief zielstrebig den Strand entlang. Doch da fand sie außer ein paar nassen Kisten, die wohl vom untergegangenen Schiff stammten, nichts Brauchbares. Als sie die aufgequollene Leiche eines Mannes fand, wandte sie sich angeekelt ab und lief in die andere Richtung.

Die junge Frau suchte eine Weile, fand aber nichts. Langsam ging die Sonne auf und tauchte die Wasseroberfläche in gleißendes Licht. Das Naturschauspiel faszinierte Sally, doch satt machte es sie nicht. Als sie sich umschaute, bemerkte sie am Stamm der Palmen große nussartige Früchte. Gleichartige fand sie am Fuße der Stämme. Sie erinnerte sich, die Nüsse der Palmen waren genießbar. Das erzählten die Weltreisenden, die sie heimlich befragt hatte, um nach Amerika, in die Freiheit, zu gelangen.

Interessiert schaute sie sich die Früchte an. Sie sahen robust aus und waren es auch. Als sie eine schüttelte, hörte sie, wie es drinnen schwappte. Durstig wie Sally war, ging es ihr nicht schnell genug, die Köstlichkeit aus der harten Schale zu holen. Einfach war es nicht, doch mit Hilfe eines großen Steines, den sie etwas abseits gefunden hatte, gelang es ihr doch, die harte Schale zu knacken. Wie labend war diese erste Mahlzeit nach langer Zeit.

Plötzlich hörte Sally Menschen, die sich näherten. Erschrocken sprang sie auf und versteckte sich im Gebüsch. Frauen in bunter Kleidung kamen fröhlich singend und lachend aus dem Palmenwald. Sally war erleichtert. In Gefahr schien sie nicht zu sein. Trotzdem blieb sie in Deckung und beobachtete.

Heiteres Lachen drang zu ihr und als sie sah, wie die Frauen Delikatessen aus ihren Tüchern wickelten und auf einem großen Laken ausbreiteten, knurrte ihr Magen nochmal so laut. Erschrocken zog sie sich weiter ins Gebüsch zurück, bis sie auf Widerstand stieß. Sie drehte sich um und blickte direkt in zwei dunkelbraune Augen, die sie interessiert anschauten. Sie wollte etwas sagen, doch die Worte schienen in ihrem Hals stecken bleiben zu wollen.

„Keine Angst“, hörte sie im vertrauten Englisch den Mann, der vor ihr stand, sie festhielt und sie mit sanfter Stimme beruhigte. „Du bestimmt sehr hungrig, komm mit. Wir haben genug dabei.“

Wie in Trance folgte Sally dem Unbekannten. Frauen liefen ihnen entgegen, fragten nicht, sondern wiesen ihr wortlos einen Platz zu, wo sie essen konnte.

„Wo bin ich?“, konnte Sally nur leise mit aufgeregt klopfendem Herzen fragen.

„Auf Cape Komorin, an der Südspitze Indiens“, erwiderte der Unbekannte freundlich und die Frauen lachten wieder glockenhell.

„Indien? Oh nein. So weit weg von Amerika“, schrie Sally entsetzt auf und sank ohnmächtig zur Seite.

© by Milly B. / Februar 2017