Hüttenzauber


Es war Heiligabend. Richardt und Lucie saßen in Wolldecken eingemummelt vor dem großen Kamin, in dem ein prasselndes Feuer brannte und im Raum eine angenehme Wärme verbreitete. Der Schein des Feuers und die im Raum aufgestellten Kerzen erhellten das Zimmer. Eigentlich wollten die beiden den 24. Dezember bei Richardts Eltern verbringen. Doch es kam anders, als sie geplant hatten. Das begann so:

Vor zwei Wochen kam Richardt gut gelaunt von der Arbeit nach Hause. „Hallo Lucie, Schatz, bist du da?“, rief er, während er sich im Flur Schuhe und Jacke auszog.

„Ich bin im Wohnzimmer“, rief Lucie zurück. Sie stand auf und ging hinaus zu ihrem Mann. Als sie den freudestrahlenden Richardt sah, fragte sie ihn: „Du bist heute so fröhlich, gibt es einen Grund dafür?“

„Ja, das bin ich“, erwiderte er. „Das hat wirklich einen Grund. Ich habe eine Überraschung für dich.“ Er zog aus der Jackeninnentasche eine zusammengefaltete Broschüre heraus und gab diese seiner Frau.

Lucie schaute sich das Mitbringsel an. Darauf stand: Brauchen sie absolute Stille, um sich zu erholen? Dann buchen sie ein Wochenende in einer unserer rustikalen aber sehr wohnlichen Holzhütten mitten im Wald. Einsamkeit, Ruhe und Erholung pur erwarten sie. Darunter sah man das Bild einer heimeligen Hütte inzwischen vieler Tannen mitten in der Natur. Aus dem Kamin kräuselte sich Rauch gen Himmel. Wie ein kleines Hexenhäuslein sah sie aus.

„Oh, Schatz. Du hast diese Hütte gebucht, in der wir vor Jahren unsere erste Liebesnacht hatten!“, freudig umarmte Lucie ihren Mann.

„Das sollte eine Überraschung werden“, begann Richardt. „Wir feiern genau an diesem Wochenende ja auch unseren zehnten Hochzeitstag. Da dachte ich mir, ein romantisches Wochenende mit dir dort wäre auch in deinem Sinne.“

***

Am Wochenende vor Weihnachten machten sich die beiden auf den Weg zu der Hütte im Wald. Ihr Auto war bis oben hin vollgepackt mit Leckereien und allerlei Lebensmitteln, die sie gebrauchen würden. Die Sonne strahlte hell vom Himmel und es war für diese Jahreszeit wärmer als normal. Ganz und gar nicht wie Dezember und ein paar Tage vor Weihnachten.

Richardt und Lucie verbrachten drei schöne, ruhige Tage mitten im Wald in der Einsamkeit. Sie genossen diese Zeit ohne Telefon, Internet und Alltagsstress, mit ganzem Herzen.

Am Abend, bevor sie wieder nach Hause fahren mussten, begann es zu schneien. Der Himmel hing voller Wolken und verhieß noch mehr Schnee. Der Wald sah binnen kurzer Zeit aus, als wäre er mit einer dicken Schicht Watte bedeckt. Kein Weg war mehr zu sehen. Die beiden schafften es gerade noch, die Hüttentür zu öffnen, um Holz für den Kamin zu holen. Am nächsten Tag war an eine Abreise nicht mehr zu denken. Das Auto, mit dem sie gekommen waren, lag unter einer dicken Schicht Schnee, die Wege aus dem Wald waren nun gänzlich zugeschneit und unpassierbar.

„Und nun?“, fragte Lucie ratlos.

„Wir werden wohl hierbleiben müssen“, antwortete Richardt. „Genug Holz ist da, frieren müssen wir nicht, und im Schrank habe ich genug Dosen gefunden, deren Inhalt noch essbar ist. Machen wir uns einfach noch ein paar schöne Tage, irgendwann muss ja jemand merken, dass wir nicht zurückgekommen sind.“

„Eigentlich kommt es uns ganz gelegen, hier eingeschneit zu sein“, meinte Lucie. „So können wir noch ein paar Tage hier verbringen.“

„Und Heiligabend? Meine Eltern haben uns eingeladen. Du erinnerst dich?“

„Natürlich“, erwiderte Lucie. „Aber ein Weihnachten zu zweit hier in dieser Einöde, denk mal dran, nur wir zwei vor dem Kamin, das wäre doch auch schön. Das Feuer prasselt, wir lieben uns … und …“, Lucie hielt inne. Ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz.

Lächelnd schaute Richardt seine Frau an. Er wusste genau, worauf sie aus war. Es war schon so lange her, als sie das letzte Mal ohne gestört zu werden so zusammen sein konnten.

Am Tag es Heiligen Abends schmückte Lucie die Hütte festlich. In einem der Schränke hatte sie Kerzen gefunden, die sie rundherum auf den hölzernen Sidebords verteilte. Draußen fand sie eine Tanne, von der sie einige Zweige abschnitt und daraus einen kleinen Weihnachtskranz band, dessen Duft durch das ganze Zimmer zog.

Abends saßen sie gemeinsam auf dem breiten, gemütlichen Sofa, eng aneinander gekuschelt und in eine der Wolldecken gewickelt. Draußen stürmte es, noch mehr Schnee fiel, doch drinnen in der Hütte war es kuschelig warm. Lucie hatte das elektrische Licht ausgeschaltet, nur die Kerzen spendeten romantisches Licht.. Im Kamin prasselte das Feuer, die Kerzen tauchten den Raum in heimeliges Wärme. Auf dem Küchenherd stand ein Topf mit Glühwein, der langsam vor sich hin dampfte.

Lucie lehnte mit dem Kopf an Richardts Schulter. Eine besonders sentimentale Stimmung war aufgekommen. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie Weihnachten allein verbrachten, ohne ihre Kinder, die inzwischen erwachsen waren. Nun genossen sie die aufgezwungene Zweisamkeit.

„Es ist schön so mit dir hier zu sein“, flüsterte Richardt. Er drehte sich zu seiner Frau um und sah ihr verliebt in die Augen. „Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich dich zur Frau nehmen“, sagte er leise zu ihr. Sanft drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen.

„Und wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich dich zum Mann nehmen“, flüsterte Lucie zurück. „Es ist so schön mit dir“, gab sie zu. Ein Lächeln verirrte sich in ihr Gesicht. „Ich liebe dich so sehr.“

Die Beiden rückten noch enger aneinander. Jeder schien den Herzschlag des anderen wahrzunehmen. Mit glänzenden Augen sahen sie sich an. Ihre Lippen berührten sich, erst zaghaft, dann fester, bis sie miteinander zu einem langen, innigen Kuss verschmolzen.

„Schöne Weihnachten, mein Schatz“, flüsterte Lucie, als Richardt sie losließ, um Luft zu holen.

„Dir auch schöne Weihnachten“, erwiderte Richardt, ehe er seine Frau wieder an sich zog, um sie erneut zu küssen.