Heimweh

 

Ein Beitrag 

zum Wortvorgabe-Wettbewerb 

in der Gruppe Kurzgeschichten bei Bookrix

im Juli / August 2019

Thema: "Wenn alle Stricke reißen"

 

So viele wie möglich der folgenden Worte mussten eingebaut werden:

Wasserfall, Wiege, Wegweiser, Wanne, weglaufen, winken,

wohnen, wandern, wehmütig, windschief,

wunderlich, wachsam


Lilly war in einem kleinen Schwarzwalddorf aufgewachsen, das weit entfernt von befestigten Straßen lag. Eigentlich wäre befestigter Feldweg die bessere Bezeichnung für die enge Straße, die mitten durch den Wald ging. Den kleinen Ort Dorf zu nennen, war schon übertrieben. Gerade mal 50 Menschen lebten dort, die meisten bereits im hohen Alter. Junge Leute zog es nicht in die Gegend, die, die dort geboren waren, zog es in die Städte, wo es Arbeit und besseres Auskommen gab. Die Ortschaft lag zu weit ab vom Schuss und war nur schlecht zu erreichen. Doch Lillys Eltern hatten es gewagt. Gestresst vom Alltag in der Großstadt wollten sie so weit wie möglich weg. Als sie das leerstehende Häuschen fanden, es kaufen und dort einziehen konnten, waren sie überglücklich. Lilly war dort geboren, aufgewachsen und fand es schlimm, in diesem Kaff, wie sie es nannte, wohnen zu müssen. Gerade als Zugezogene hatten ihre Eltern es schwer, sich in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft zu etablieren. Sie waren halt die Fremden, die den Frieden störten.

 

Viele Jahre nachdem Lilly weggegangen war, dachte sie wehmütig an das Haus, in dem ihre Wiege stand. Obwohl die Zeit dort nicht einfach war, verbrachte sie dort die glücklichsten Jahre ihrer Kindheit. Die Erinnerungen schmerzten ein wenig.

Schon als Kind bemerkte sie, die Leute im Dorf schnitten sie. „Das Kind ist äußerst wunderlich“, hörte sie oft die Dorfbewohner hinter vorgehaltener Hand flüstern. Sie verstand noch nicht, warum sie sich so eigenartig ihr und ihren Eltern gegenüber verhielten. Dass sie auch nach vielen Jahren noch als Fremde, Zugezogene, angesehen wurden, verstand sie nicht. Sie gehörten doch zu dieser kleinen Dorfgemeinschaft. Aber so oft, wie die Dörfler über sie tratschten, so oft machte sich Lilly einen Spaß daraus, ihnen im Vorbeigehen zu winken oder ihnen spaßige Worte zuzurufen. Wenn sie sich an die erschrockenen Gesichter erinnerte, musste sie sogar jetzt noch darüber lachen.

Es gab Tage, an denen Lilly am liebsten alle Brücken hinter sich abgebrochen hätte. Doch weglaufen war für sie noch keine Option. Sie war noch zu jung, um ihr Elternhaus auf eigenen Füßen verlassen zu können. In diesem Dorf war sie geboren, es war ihre Heimat. Eine andere kannte sie nicht, ihre Eltern liebten die Gegend und das kleine, schmucke Häuschen. Lilly liebte es genauso, wie auch den Schäferhund Axel, der mit Argusaugen wachsam jeden Vorbeigehenden beobachtete, damit dieser nicht zu nah an das Haus herankam.

 

Eines Tages allerdings, Lilly war inzwischen zu einer hübschen, jungen Frau herangewachsen, hielt sie es nicht mehr aus. Die große, weite Welt lockte. Der Drang, ihr Heimatdorf zu verlassen, wuchs ständig. Sie wollte nicht mehr in dem winzigen Ort wohnen, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten und sie immer noch ein Außenseiter war. So packte sie ihre Sachen, zog los und ließ alles hinter sich. Ihre Eltern ließen sie ziehen. Sie hatten längst bemerkt, dass die Tochter nicht glücklich war und sie ihren eigenen Weg gehen wollte.

Lilly liebte ihr Leben in der Stadt und genoss es in vollen Zügen. Nur noch selten dachte sie an ihre Heimat, das winzige Dorf mitten im Schwarzwald.

Eines Tages aber erinnerte sie sich. Sie konnte nur schlecht schlafen, da eine innere Unruhe sie davon abhielt. Sie sah den kleinen Wasserfall vor sich, den der Bach im nahen Wald bildete und der sich leise plätschernd über einen Felsen in eine Art natürliche, aus Stein gehauene Wanne stürzte. Im Sommer erfrischte sich Lilly dort oft. Sie mochte es, wenn das eisig kalte Quellwasser auf ihrer Haut prickelte und sie vor Kälte erschauern ließ oder sie sich am Rand des Felsens ausstreckte und einfach nur dem Wald zuhörte. Anstatt abends nach Hause zu gehen, wollte sie im Dunkeln durch den Wald wandern und den Stimmen der Nacht lauschen. Sie erkannte viele Tiere nur anhand ihrer Stimmen. Sie ängstigte sich nicht in der Dunkelheit. War es einmal ganz still, ließ sie dies auf sich einwirken und die frische, klare Luft des Waldes in ihre Lungen strömen.

Lilly erkannte, sie hatte Heimweh. Heimweh nach dem kleinen Dorf, dem Wald, dem Häuschen ihrer Eltern. Anfangs versuchte sie, es zu unterdrücken. Es gelang ihr nicht. Die Sehnsucht bohrte sich in ihr fest wie ein kleiner Widerhaken im Fleisch. Sie wollte so bald wie möglich zurück. Wenn alle Stricke rissen, würde sie sogar dort bleiben und in der Großstadt die Brücken hinter sich abreißen. Trotz Heimweh versuchte sie ihr Bestes, es zu ignorieren. Nichts half, es wurde immer größer und drängender.

Eines Tages hielt Lilly es nicht mehr aus. Sie packte erneut ihre Koffer, hievte sie ins Auto und fuhr los. Je näher sie dem Schwarzwald kam, desto aufgeregter wurde sie. Nirgendwo hatte sie sich abgemeldet, keinen Freunden von ihrem Vorhaben erzählt. Schon bald klingelte ihr Handy Sturm. Sie ignorierte es und schaltete es nach einer Weile ganz aus. Durch nichts wollte sie sich stören lassen.

 

Bald näherte sich Lilly dem alten Wegweiser, der bereits windschief war, als sie das Dorf verließ. Er hatte schon bessere Tage gesehen und trotzte immer noch jedem Wetter. Verrostet stand er am Straßenrand und zeigte ihr wie ein mahnender Finger die Richtung, die sie einschlagen musste.

Langsam fuhr Lilly die enge Bergstraße entlang. Sie hatte die Fenster heruntergekurbelt und versuchte zu horchen. Aber das Geräusch des Motors überstimmte den Gesang der Vögel. Sie musste sich konzentrieren, um nicht den Abhang hinunterzustürzen. Die Kurven waren eng und gefährlich. Der Weg teilweise so schmal, dass nicht einmal zwei Autos aneinander vorbeifahren konnte. Kam ihr eines entgegen, musste sie in eine der Ausbuchtungen lenken, die in regelmäßigen Abständen am Straßenrand gebaut wurden.

Als sie das Dorf erreichte, glotzten die Leute. Es war alles wie immer. Nichts hatte sich verändert, auch die Leute nicht. Lächelnd winkte sie ihnen zu und grinste über die verdatterten Gesichter.

 

Als sie in die Sackgasse am anderen Ende des Ortes einbog, konnte sie schon ihr Elternhaus sehen, sowie den nahen Waldrand, der sich dahinter wie eine mächtige, dunkle Wand auftürmte. Das Haus sah eigentlich aus wie immer. Ein wenig verwitterter als beim letzten Mal. Die Fensterläden hingen etwas windschief in den Angeln und knarrten im Wind.

Neugierig kam Lillys Mutter aus dem Haus, als sie ein unbekanntes Motorengeräusch vernahm, das vor dem Grundstück erstarb. Erfreut rief sie nach Lillys Vater, der auf einen Gehstock gestützt herbeieilte. Vor der Hundehütte saß ein anderer Hund, der sie genauso wachsam beäugte, wie früher ihr geliebter Axel vorbeigehende Wanderer. Lilly lockte den neuen an. Sanft streichelte sie über seinen wuscheligen Kopf und ließ ihn an sich schnuppern. Er leckte an ihrer Hand und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Instinktiv spürte er wohl, vor ihr musste er sich nicht in Acht nehmen.

Mutter und Vater drückten und herzten die verlorene Tochter. Sie lachten und weinten vor Glück darüber, dass sie wieder zu Hause war. Wie lange hatten sie auf diesen einen Moment warten müssen. Die Hoffnung, dass ihr Kind eines Tages zurückkehren würde, hatten sie nie aufgegeben. Nun war sie da, einfach so, ohne Ankündigung stand sie wie aus dem Boden geschossen vor ihnen und bat darum, bleiben zu dürfen. Natürlich durfte sie dies, da gab es gar keine Frage. Immer wieder musste Lillys Mutter ihre Tochter ansehen, als wäre sie ein unbekanntes Wesen.

 

Lilly fühlte sich willkommen. Sie war in ihrer Heimat, zu Hause und wusste, sie würde nie wieder gehen. Das war ein wunderschönes Gefühl.

 

 

© Milly B. / 10.07.2019