Nur ein Jahr

 

Ein Beitrag zum 49. Kurzgeschichtenwettbewerb

mit dem Thema "No Sex, please"  im ELP-Forum


Klara hatte es satt, pappensatt. Eben frisch getrennt von ihrem Ehemann, wollte sie sich nur noch erholen. Die letzten Wochen, ja sogar Monate waren die Hölle. Streit, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie wollte nicht mehr. So machte sie kurzen Prozess und warf ihren Noch-Ehemann aus der gemeinsamen Wohnung. Der Kerl konnte bleiben, wo der Pfeffer wächst. Da sie ein Mensch war, der keine halben Sachen mochte, führte ihr erster Weg zu einem Rechtsanwalt, um sich beraten zu lassen. Dass sie nun noch ein Jahr aushalten musste, bis dieser vor Gericht die Scheidung einreichen konnte, hatte sie geschockt. Noch ein Jahr, dann wäre sie frei. Keine Fesseln mehr, die sie beengten. Keine ständigen Vorwürfe, warum sie gerade dies tat und nicht das, was der werte Herr sich wünschte. Und endlich jede Nacht Ruhe vor den ständigen Belästigungen und Wünschen nach perversen Sexspielen, die ihr Mann bevorzugte.

„Ein Jahr“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Nur ein Jahr!“ Klara stand im Badezimmerin in ihrem Hotel vor dem Spiegel und schminkte sich. „Scheiß ein Jahr!“, schimpfte sie dann doch, als ihr bewusst wurde, wie lang es sich hinziehen könnte. „Ach was“, machte sie sich selber Mut, „was ist schon ein Jahr, das geht doch rum wie nix. Die Hauptsache ist, ich bin diesen widerlichen Kerl ein für alle Mal los.“

Klara war eigentlich nie ein Kind von Traurigkeit. Aber nach der Trennung brauchte sie einfach nur ein wenig Ruhe, um ihren Kopf wieder frei zu bekommen. So opferte sie kurzerhand zwei Wochen ihres Jahresurlaubs und mietete sich in einem Hotel im Schwarzwald ein. Schön abgelegen war es, ein Insider-Tipp einer Freundin brachte sie hierher. Sie bedauerte es nicht, den Tipp angenommen zu haben.

„Dort ist es stiller als du es dir je vorstellen kannst. Du wirst es lieben“, meinte eine Freundin zu ihr, als sie diese um Rat fragte. Dabei steckte sie ihr die Visitenkarte zu. „Ruf nur an. Die haben ganz bestimmt noch ein Zimmer frei.“ Klara tat es und nur eine Woche später machte sie sich von Hamburg aus auf den Weg nach Sasbachwalden.

In der Hoffnung, dort wirklich Ruhe zu haben, fuhr sie beschwingt die weite Strecke allein mit dem Auto. Mit Freude erfuhr sie, das Hotel hatte sogar Sauna, Spa und einen eigenen Pool. Was wollte sie mehr?

Klara brauchte nicht einmal das Hotel zu verlassen. Es gab dort alles, was das Herz begehrte. Sogar Abendveranstaltungen. Erst wollte sie keine davon besuchen. Aber dann lockte sie Musik und Gesang aus ihrem Zimmer.

Sie begab sich in die Lobby und von dort aus in den Festsaal, der heute voll besetzt war. Ein noch unbekannter Sänger gab dort sein bestes, die Zuhörer zu unterhalten. Es gelang ihm recht gut, das Publikum klatschte, manch einer sang sogar mit oder schunkelte im Takt.

Klara ließ sich gerne mitreißen. Der junge Mann vorne auf der Bühne riss sie mit seinem Enthusiasmus mit. Es dauerte nicht lange und Klara stand ganz vorn an der Bühne und himmelte ihn an. In einer Pause wagte sie es sogar, den Sänger anzusprechen und um ein Autogramm zu bitten.

Während er die Autogrammkarte signierte, schaute sie ihn ein wenig genauer an. Klammheimlich versteht sich. Er hatte lange Finger, gepflegte, leicht gebräunte Hände, auch sein Gesicht war leicht gebräunt. Er ging scheinbar ins Solarium. Seine Kleidung war edel, etwas leger zwar, aber es stand ihm gut.

Klara bemerkte nicht einmal, dass auch sie Opfer von heimlicher Beobachtung wurde, so sehr war sie in den Anblick des Sängers vertieft.

„Na hallo“, wurde sie aus ihrer Betrachtung gerissen. Sie schaute auf, direkt ins Gesicht des jungen Mannes. Er lächelte sie verführerisch an.

Sie erschrak und wurde prompt rot.

„Ich scheine ihnen zu gefallen“, sagte der junge Mann grinsend zu ihr. Auch er betrachtete sie von oben bis unten, ehe er sie zu einem Drink einlud. Klara sagte gerne zu und nach Veranstaltungsende trafen sie sich in der Bar. Es wurde noch ein schöner Abend, Klara lachte viel. Hendrik, so nannte der Sänger seinen wahren Namen, war ein guter Unterhalter. Er verstand es, Klara zu bezirzen und sie zum Lachen zu bringen. Sie fühlte sich so wohl und so begehrt wie schon lange nicht mehr.

Wie eine Erleuchtung erkannte sie, was ihr in den letzten Jahren so gefehlt hatte. In ihrer Ehe war es selbstverständlich, dass sie immer an der Seite ihres Mannes war. Was kam als Dank zurück? Nichts. Hendrik aber machte ihr deutlich, wie sexy und begehrenswert sie war, sie, die wahrscheinlich zehn oder mehr Jahre älter war als er.

Der Abend neigte sich dem Ende zu. Klara wurde immer beschwingter, was nicht nur die Folge des Alkohols war, den sie konsumierte. Kurzentschlossen sagte sie zu, Hendrik auf sein Zimmer zu begleiten.

„Du bist eine schöne Frau“ flüsterte Hendrik im Lift in ihr Ohr. Er zog sie an sich und küsste sie. Leicht legten sich seine Lippen auf ihre. Sein Kuss ließ sie schwindlig werden. Schon bald fand sie sich in Hendriks Zimmer wieder, auf seinem Bett. Kundige Hände nestelten am Reißverschluss ihres Kleides, öffneten die Haken des BH´s, zogen ihre Strümpfe und das Höschen aus. Klara wusste gar nicht, was ihr geschah.

Als Hendrik sie mit der Zunge verwöhnte, rekelte sie sich wohlig auf dem Bett. Aber dann wurde ihr bewusst, was sie hier tat. Entsetzt sprang sie auf und schubste ihn weg.

Hendrik schaute sie erstaunt an. „Ich dachte, du willst es auch“, stieß er erschrocken aus.

Klara bedeckte ihre Blöße. „Es tut mir leid“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen und wurde schon wieder rot. „Ich kann nicht. Es tut mir leid.“

„Aber warum nicht?“, wollte Hendrik wissen.

„Ich…“, Klara wusste nicht, wie sie es ihm sagen sollte. „Ich bin noch verheiratet. Außerdem bin ich der Meinung, nicht gleich beim ersten Mal mit einem Mann ins Bett zu gehen.“

Hendrik schmunzelte ein wenig. Er verstand Klaras Einwände. Liebevoll zog er sie an sich. „Das macht doch nichts“, sagte er liebevoll zu ihr. „Lernen wir uns halt erst ein wenig kennen. Sex können wir später auch noch haben.“

© by Milly B./ 10.05.2018