Das Band der Liebe


Wie erstarrt sitze ich vor einem Haufen Kleidung, den ich aus meinem Schrank gezerrt habe. Tränen laufen mir über das Gesicht und hindern mich an einer klaren Sicht.

Es sind deine Sachen, vor denen ich sitze und heule wie ein Schlosshund. Ich rieche noch deinen Duft an ihnen, obwohl sie gewaschen sind. Am liebsten würde ich mich hineinlegen und sie nie wieder loslassen.

Eigentlich wollte ich sie endlich wegräumen, damit der Schmerz nach und nach einmal weniger wird. Es würde mir helfen und meine Seele ein wenig zur Ruhe bringen, dachte ich. Doch weit gefehlt. Das Gegenteil war der Fall. Nun hocke ich hier vom dem Computer, starre den Monitor an, während ich in die Tasten haue, als wären sie für meinen Schmerz verantwortlich. Ich kann nicht weiter, weder vor noch zurück. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt und ich bin froh, dass mein Sohn nicht zu Hause ist und meine Tränen nicht bemerken kann.

Bin ich vielleicht zu ungeduldig mit mir selbst? Genauso wie ich es mit meinem Sohn war, als ich mit ihm reden wollte, über alles, was geschehen ist. Doch er blockte und wollte nicht. Das tat mir weh, sehr weh. Solange, bis ich einsah, er war mit der Situation überfordert.

Mein Herz ist wie gelähmt. Gelähmt vor Schmerz, vor Trauer und vor so vielem mehr. Auch nach so vielen Wochen ist der Schmerz noch genau so groß wie an dem Tag, an dem du mich verlassen musstest. Ich weiß, du wolltest es nicht. Doch du musstest. Wie sehr hatten wir uns darauf gefreut, dass du nach endlos langen Wochen endlich wieder nach Hause zurückkehren konntest. Und nun das!

Du kannst nichts dafür, dass du nicht zurückkamst. Ich weiß, du wolltest nie, dass ich groß um dich trauere. Dass ich es doch tue, das kannst du nicht ändern. Nie mehr kannst du etwas ändern in meinem Leben. Dabei hatten wir noch so viel zusammen vor.

Du sagtest oft: „Weine nicht zu lange um mich, wenn ich einmal nicht mehr bin.“

Das ist leichter gesagt als getan. Ich finde nicht mal die Kraft dazu, deine Kleidung wegzuräumen. Ist das denn normal? Dabei muss ich es tun, irgendwann! Nur wann? Werde ich jemals die Kraft dazu haben? Alles Fragen, auf die ich wohl nie eine Antwort bekommen werde.

Ich habe Wut in mir. Wut auf mich selbst, weil ich mich wieder einmal nicht beherrschen konnte und meinen Tränen freien Lauf ließ. Doch irgendwie tut es gut, zu weinen, sich die Trauer aus dem Körper zu spülen. Auch das Schreiben tut gut, sehr gut.

Viele sagten: „Schreib dir den Kummer von der Seele, das hilft.“

Meine Katzen sitzen neben mir und schauen mich an, als würden sie verstehen. Liebevoll lecken sie mir mit ihren rauen Zungen über die Hand, mit der ich mir die Tränen aus meinem Gesicht wischte. Ich lasse sie gewähren, obwohl ich das nicht mag, denn es tut gut. Dann setzen sie sich nah an mich, dass ich die Wärme ihres kuscheligen Felles spüren kann. Dabei schnurren sie um die Wette. Wollen sie mich trösten? Oder mir einfach nur den Schmerz ein wenig erträglicher machen? Ich weiß es nicht, aber es ist unheimlich tröstend, ihre Nähe zu spüren, auch wenn es nicht diese Nähe ist, die du und ich hatten. Doch sie bringen mir ein wenig Sonne in mein Leben zurück.

Nur eines kann mir niemand zurückbringen: Dich! Du wirst auf immer fernbleiben, irgendwo, wo ich dich nie erreichen kann. Mir bleibt nun nur noch dein Grab, zu dem ich gehen kann, wenn es mir danach ist, die Erinnerungen an eine schöne Zeit und das Band der Liebe, das uns zwei vereinte.