Die Seelenverwandte


Es war wie als hätten wir uns gesucht und gefunden, meine Großtante Milly und ich. Dabei trennten uns so viele Jahre und zwei Menschengenerationen. Sie geboren 1913, kurz vor dem ersten Weltkrieg, und ich mitten im Sommer des Jahres 1968. Und trotzdem waren wir ein Herz und eine Seele.

Sie sagte immer Kleine zu mir, dabei war sie es, die um Kopfeslänge kleiner war als ich. Ich konnte sie unter den Arm klemmen und wegtragen, dieses zierliche Persönchen mit dem wallenden Busen und dem ungestümen Temperament. Sie kam mir manchmal vor wie eine Matroschka mit ihrem Kopftuch, der Kittelschürze und der Strickjacke, die sie sogar an den heißesten Sommertagen trug.

Ich nannte sie immer meine Seelenverwandte. Warum das so war, kann ich mir auch bis heute, nachdem sie schon so viele Jahre von uns gegangen ist, nicht erklären. Sie wusste, was ich dachte und fühlte und umgedreht war es genau so. Manchmal habe ich gedacht, ich habe Halluzinationen, wenn sie mir sagte: „Mädel! Geh heut Abend nicht weg. Der Typ, den du da treffen willst, der ist nicht gut für Dich.“

Oft habe ich darüber gelacht und bin trotzdem gegangen. Sie schaute mir dann traurig hinterher. Ich sah sie an ihrem Fenster stehen, wenn ich zur Bushaltestelle gegangen bin. Sie winkte mir nach, wenn ich im Bus saß und an ihr vorüber fuhr. Und abends, wenn ich zurückkam, stand sie immer noch, oder auch schon wieder am Fenster und wollte wissen, wie meine Stimmung war. Dann rief sie mich nach oben in ihr kleines heimeliges Reich und tröstete mich, wenn das Treffen nicht gut verlaufen und ich deswegen traurig war.

Sie erzählte mir oft über ihre Jugend, wie es damals gewesen ist in den wilden Zwanzigern und Dreißiger Jahren. Wilde Hummel, ja, das war sie. Auch als sie schon älter war und langsam zu einer alten Jungfer mutierte. Einen Mann fürs Leben hat sie nie gefunden. Hatte sie kein Interesse an einer langen Bindung oder war ihr bisher nie der Richtige über den Weg gelaufen? Ich weiß es nicht. Aber sie war keine alte verklemmte Jungfer. Im Gegenteil. Ich hörte ihr gerne zu, ihre Geschichten fand ich so unterhaltsam und spannend. Ich war eine geduldige Zuhörerin.

Oft musste ich lachen über ihre Erzählungen und frotzelte, sie würde mir doch nur einen Bären aufbinden wollen. Aber nein, sie bestand darauf, die reine Wahrheit erzählt zu haben.

Als ich zur Frau wurde, biologisch gesehen, tröstete sie mich, als ich erschrocken zu ihr nach oben gerannt kam und jammerte, ich würde bluten wie ein Schwein. Sie lachte und schaute sich das Dilemma an. Dann klärte sie mich auf: „Na Mädel, freu dich, du bist jetzt eine Frau. Nichts schlimmes, das kommt nur jeden Monat wieder.“ Und dann erklärte sie mir mit ihrer frischen Art die Tücken des Frauseins. Nach einiger Zeit aber auch die schöneren Dinge, die zwischen Mann und Frau geschehen können.

Die Zeit verging. Ich wurde älter, sie wurde auch älter. Ist ja klar. Bekümmert sah ich sie oft an wie sie zusammen gesunken in ihrem Sessel saß und in den Fernseher schaute. Ich machte mir Sorgen um sie.

Dann fragte ich sie: „Tante, was hast du?“

Immer kam die Antwort: „Nichts, Kleine, nichts.“

Aber ich spürte, da stimmt was nicht. Ich nahm mir vor, sie weiter zu beobachten. Immerhin war sie nun schon über achtzig Jahre alt.

Es kam der Tag, an dem sie krank wurde. Ich verfrachtete sie in mein Auto, fuhr sie zum Arzt. Ging jeden Weg für sie, kochte ihr Essen, wusch ihre Wäsche, umhegte sie. Lange dauerte es, bis sie wieder einigermaßen hergestellt war.

„Ich bin alt, ich muss bald gehen“, sagte sie eines Tages zu mir und sah mich traurig an.

„Red keinen Unsinn“, schimpfte ich mit ihr. „Du wirst mal hundert Jahre alt.“

Eines Tages, ich weiß es noch bis heute, es war der 10. April 1994. Es klopfte an mein Fenster. Ich schaute, wer da Krach macht und sah meine Tante dort stehen. Ich ging nach draußen, um zu fragen, was los ist.

„Mir geht es nicht gut. Rufe bitte einen Arzt“, sagte sie mit zitternder Stimme. Sie konnte kaum auf ihren Beinen stehen. Dabei war sie am Nachmittag doch noch so munter und machte Witze.

Ich führte sie zurück in ihre Wohnung und bettete sie auf ihrem Sofa. Dabei bemerkte ich kalten Schweiß auf ihrer Haut.

„Oh weh“, dachte ich. Schnell lief ich zum einzigen Telefon, das wir damals im Haus hatten und rief unseren Hausarzt an. „Kommen sie schnell. Sie hat kalten Schweiß auf der Haut“, berichtete ich ihm.

Der Arzt kam wirklich schnell. Genau so schnell wie er da war, rief er einen Krankenwagen. Sie musste sofort in die Klinik. Er zog mich nach draußen auf den Flur und sagte mir: „Es muss jetzt alles etwas Hauruck gehen, ich glaube, da ist im Inneren etwas geplatzt, deshalb der kalte Schweiß auf der Haut. Packen sie nichts weiter ein, nur ein paar Toilettenartikel, sie können später noch Kleidung bringen. “

Ich schluckte und versuchte die Tränen zu unterdrücken. Für den Moment musste ich es, ich durfte meiner Tante nicht zeigen, wie sehr ich mir Sorgen um sie machte. Ich musste jetzt stark sein, für sie.

Der Krankenwagen kam, meine Tante wurde weggebracht. Noch in derselben Nacht wurde sie operiert. Es wurde ein Riss im Dünndarm gefunden. Die Ursache konnte aber nicht festgestellt werden. Der Darm war gerötet und stark geschwollen, ein Teil musste sogar entfernt werden. Die Operation verlief gut, der Schaden konnte behoben werden.

Aber dann, in nächsten Nacht: Not - OP. Die Naht war wieder aufgeplatzt. Die Ärzte taten, was sie konnten. Ihr Kreislauf versagte. Sie versuchten, sie zurück zu holen, aber nichts half.

In dieser Nacht schlief ich unruhig. Gegen drei Uhr schreckte ich mit Herzklopfen aus dem Schlaf hoch. Erschrocken schaute ich mich um, mir war es, als würde eine leichte Brise durch mein Schlafzimmer ziehen und sich jemand auf mein Bett setzen. Was war das? Ich wusste es nicht.

Am Vormittag kam mein Vater zu mir auf die Arbeit, ganz grau im Gesicht. „Ich muss dir was sagen“, er suchte Worte, seine Stimme krächzte.

„Ich weiß“, antwortete ich nur. „Sie ist von uns gegangen.“

„Woher weißt du?“, fragte mein Dad.

„Ich weiß es halt. Es war gegen drei Uhr.“

Mein Vater schaute mich erschrocken an: „Ja“, sagte er nur, kreidebleich im Gesicht.

Auch jetzt, nachdem schon so viele Jahre vergangen sind, bemerke ich manchmal, wie sie auf mich herab schaut und lächelt, oder mich tröstet, wenn ich traurig bin. Dann bin ich ihr nah. Aber es wird immer weniger. Verblasst die Erinnerung? An ihre Stimme kann ich mich schon nicht mehr erinnern! Ich will sie nicht vergessen! Das darf nicht sein! Sie ist doch meine Seelenverwandte!