Dunkle Gedanken


Heute ist wieder einmal solch ein Tag, den ich am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Aber leider - So muss ich mich mit dem, was mir dieser Tag bringen oder nicht bringen wird, abfinden - oder - dagegen ankämpfen oder einfach auch nur das Beste draus machen. Kämpfen! Ja! Aber für was eigentlich? Nur um schon wieder enttäuscht und verletzt zu werden? Ausgelacht zu werden? Ist es das wert, dafür zu kämpfen?

Ich habe keine Kraft mehr, bin müde, ausgelaugt, am Ende. Schon seit Tagen, nein sogar schon seit Wochen, ja Monaten, kann ich nicht mehr richtig schlafen. Dabei bin ich so müde, so todmüde, dass ich manchmal fast im Stehen einschlummern könnte.

Oft frage ich mich, ist dies das Leben, was ich mir für mich vorgestellt habe? Ist es das, was ich mir gewünscht habe? Bin ich überhaupt wert, weiter leben zu dürfen? Kann ich so weiter machen wie bisher, so tun, als wäre nichts gewesen?

Auf diese Fragen kann ich mir keine Antworten geben und niemand hilft mir, die richtigen Antworten zu finden. Gibt es überhaupt Lösungen dafür? Kann mir da überhaupt jemand helfen?

So flüchte ich mich in die Einsamkeit. Ich gehe jetzt hier entlang, die lange, steile Treppe hinauf zu meinem Lieblingsort, wo ich so gerne sitze, wenn ich nur alleine sein und nachdenken will. Niemand stört mich hier, die Geräusche des Verkehrs weit unter mir sind hier nur ganz schwach zu hören. Ab und an verirrt sich mal ein Vogel, der dann neugierig schauend und nervös herum hüpft und sich wohl denkt, was diese schwarz gekleidete Frau mit den langen schwarz-roten Haaren hier oben sucht. Ich muss schmunzeln über dieses kleine Tier, wie es so unbekümmert in den Tag hinein leben kann. Obwohl - muss der kleine Vogel nicht auch ums tägliche Überleben kämpfen? Ja, ganz bestimmt! Ihm geht es nicht besser als mir.

Da oben, ganz weit oben auf dem Dach des Hochhauses fühle ich mich frei. Ich stehe ohne Furcht am Rand und denke nach, wie es wäre, fliegen zu können. Ja, ich will fliegen können, genau wie das Vögelchen. Dann schaue ich nach unten und sehe die Menschen weit unter mir, fast so klein wie Ameisen, den Bürgersteig entlang hasten und ihren Geschäften nachgehen. Oder die Autos, die sich hupend durch die Straßenschluchten schlängeln und mit ihren Abgasen die Luft verpesten, dass man kaum atmen kann.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, dort unten aufzuschlagen und überlege, es doch einfach zu tun. Hätte ich Schmerzen dabei, wenn es vorbei gehen würde? Aber dann hätte ich es hinter mir, niemand könnte mich dann mehr ärgern oder enttäuschen, so wie es sehr oft in der letzten Zeit passiert ist. Mir laufen Tränen über das Gesicht. Tränen, die meine Trauer, meine Einsamkeit und meine Angst ausdrücken. Mein Hirn läuft auf Hochtouren, Gedanken wirbeln mir durch den Kopf und machen mich ganz wirr.

Wieder schaue ich nach unten. Ich fühle mich frei, frei wie der kleine Vogel, frei wie die Wolken, die über mir am Himmel sind, frei wie der kalte Herbstwind, der durch mein Haar wirbelt. Will ich frei sein? Kann ich frei sein? Frei sein für wen? Für mich? Oder für jemand anderen? Ich weiß es nicht.

Immer näher rücke ich an den Rand, meine Schuhspitzen ragen schon darüber. Nur ein Schritt und es wäre vorüber.

Auf einmal höre ich eine Kinderstimme. Ich sehe mein Kind in Gedanken vor mir, wie es mich mit traurigen Augen anschaut, in denen Tränen schimmern.

Auf einmal weiß ich, dass ich leben will. Für ihn, meinen Sohn und für mich.