Spuren im Schnee


Eine Sturm- und Drangzeit wird wohl jeder irgendwann haben. Der Eine früher, der Andere später, wiederum Andere scheinen sich ihr ganzes Leben in diesem Stadium zu befinden. Ich selber musste das zweimal durchmachen. Eine ehemalige Klassenkameradin sagte einmal zu mir: „Du warst schon immer ein Luder.“ Worauf sie da nur anspielte? Das war mir wahrlich schleierhaft. Sie kam wohl darauf, als sie Werbung für ein Erotikbuch von mir bei Facebook gesehen hatte. Nun gut, das ist wieder ein anderes Thema. Sprechen wir lieber über eine meiner Jugendsünden.

Es war Anfang 1985, Männer wurden für mich interessant. Verliebt hatte ich mich auch schon, aber leider unglücklich. Doch nun wollte ich es endlich wissen, wie das richtig läuft mit dem starken Geschlecht. Klar wusste ich, wie ein Mann aussieht und wie das richtig funktioniert mit dem Sex, aber so richtig nun auch wieder nicht. Meine bisherigen Bekanntschaften hinterließen mehr einen faden Nachgeschmack und Frust.

Meine Eltern hatten arge Not, ihre aufmüpfige und widerspenstige Tochter im Zaum zu halten. Nicht einmal Verbote oder Stubenarrest halfen. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, war es schon eine lustige Zeit.

Häufige Discobesuche waren angesagt. Dort beäugte ich die illustre Schar an Jungmännern, die als eventuelle Opfer in Frage kamen. Vielleicht war da doch einer drunter, nach dem ich meine Griffel ausstrecken konnte. Viele waren es nicht, die mein Herz, oder besser gesagt, meine Muschi in Verzückung versetzen konnten. Frau war ja wählerisch und wollte nicht jeden an sich ranlassen. Es wurde trotzdem der Eine oder Andere ausprobiert, doch meist war nicht mehr als ein One-Night-Stand drin.

Aber dann, endlich schien der Liebesgott Amor Erbarmen mit mir zu haben und schickte einen Kerl an die Front, dass mir sogleich der Sabber sonst wohin lief, als ich ihn sah. Damals war er der Traummann. Es war der Typ Chippendale, groß, breitschultrig, schmale Hüften, Waschbrettbauch, schulterlanges, dunkelblondes, leicht gelocktes Haar und die Augen. Mann, die Augen… blau wie ein kristallklarer Bergsee. Da floss ich dahin wie Butter in der Sonne. Dabei war es Winter. Er schien auch auf der Jagd zu sein.

„Der oder keiner“, dachte ich. So streckte ich meine Fühler aus. Ich beobachtete ihn, ohne dass er es gleich bemerkte. Meist stand er inmitten seiner Freunde am Rande der Tanzfläche und trank sein Bier. Dabei schweifte sein Blick über die Menge der Tanzenden. Ab und an wippte sein Fuß im Takt der Musik. Ging er zur Bar, näherte ich mich ihm unauffällig, bis es mir gelang, einen Platz neben ihm zu ergattern. Es kam, wie es kommen sollte. Wir plauderten miteinander. Ich beschwor mich inbrünstig, in seinem Beisein ja nicht zu erröten. Ich hasste es, wenn mein Gesicht die Farbe einer Tomate annahm, wenn ich aufgeregt war.

Irgendwann tanzten wir miteinander. Ich fühlte seine Hände an meinen Hüften, dann auch weiter oben. Doch leider war die Musik viel zu schnell zu Ende. Der DJ erbarmte sich mit uns und legte den nächsten Titel auf. Diesmal etwas Langsameres. Ich schmiegte mich an meine Flamme, da er wohl nicht wusste, wie er reagieren soll. Er lächelte und griff zu.

„Geht doch“, dachte ich und lächelte zurück. Wieder wanderten seine Hände diesmal in tiefere Regionen. Er fasste nach meinen Hinterbacken und zog mich an sich heran. Er presste mich regelrecht an seinen Körper. Ich spürte, wie sich etwas regte und hart wurde. Genau das wollte ich. Gerade noch konnte ich ein süffisantes Grinsen verhindern.

Ich hob mein Gesicht, griff in seinen dichten Haarschopf und küsste ihn. Ein leises Stöhnen entfleuchte mir, als sich unsere Lippen trafen und unsere Zungen miteinander rangen.

„Komm“, flüsterte ich erregt, als die Musik endete und zog ihn von der Tanzfläche. Wir suchten uns eine stille Ecke und knutschten was das Zeug hielt.

„Hey, ihr Turteltauben“, hörte ich nach einer Weile meine Freundin hinter uns sagen. Sie war unbemerkt zu uns herangetreten. „Ich muss eure Zweisamkeit leider unterbrechen. Der Bus nach Hause kommt gleich.“

„Mist“, knurrte ich. „Nächste Woche?“, fragte ich meinen Schwarm aber noch, worauf er freudig nickte. „Ich muss leider los“, sagte ich nach einem kurzen Abschiedskuss noch und düste mit Freundin im Schlepptau ab.

In der nächsten Woche war ich froh, dass meine Freundin nicht mit zur Disco durfte. Fiebernd und aufgeregt stand ich am Bartresen und wartete auf ihn. Endlich erschien er. Die Sonne ging auf.

„Ich darf heute länger“, flüsterte ich ihm ins Ohr, als wir uns später eng aneinander geschmiegt im Takt der Musik bewegten.

„Schön“, antwortete er und zog mich noch fester an sich. Da war sie wieder, diese Härte, die gegen meinen Schoß drückte und irre kribbelnde Gefühle in mir auslöste.

„Heute oder nie“, ging es mir durch den Kopf. Er schien es zu ahnen, denn er sah mich an, dass es mir heftig zwischen den Beinen zwickte und Schauer über den Rücken liefen.

„Zu mir oder zu dir?“, kam die obligatorische Frage am Ende des Abends.

„Besser zu dir“, antwortete er, „ich habe kein eigenes Zimmer und mein Bruder ist zu Hause. Es sei denn, du willst Haltungsnoten.“ Bei Letzterem grinste er verschmitzt. Also zu mir.

„Leise“, flüsterte ich, als wir bei mir ankamen. Zum Glück blieb unser Hund ruhig, sonst hätten sofort meine Eltern auf der Matte gestanden.

„Dein Zimmer?“, fragte er mich, als wir unbehelligt oben ankamen.

„Nein, Gästezimmer“, erwiderte ich. „In meins können wir nicht, zu nah am Elternzimmer.“

Was nun folgte, verschweige ich Euch lieber. Das ist Betriebsgeheimnis. Eines aber gebe ich gerne zu, das Gästebett hatte arg zu leiden.

„Bis nächste Woche“, sagte er zum Abschied am Morgen, bevor er sich wegschlich und ich die Haustür hinter ihm schloss. Nachdem ich alle verdächtigen Spuren beseitigt hatte, schlief ich länger als sonst. Immerhin hatte ich eine harte Nacht hinter mir.

„Sag mal“, begann mein Vater beim Mittagessen. „Was waren das für Spuren im Schnee von der Haustür zum hinteren Hoftor. Meine waren es nicht, Opa seine auch nicht.“

„Keine Ahnung“, presste ich hervor und widmete mich weiter meinem Essen. Vorsichtig lugte ich dabei zu meiner Mutter, die mich grinsend ansah. Ob sie etwas ahnte?

© by Sandy Renee / Januar 2017