Unforgettable?


Wie ist das mit der Liebe und dem Sex? Das werden sich wohl viele Menschen öfter fragen als es ihnen recht ist. Auch Sabina tat das. Doch heute, nach den vielen Jahren, die vergangen sind, denkt sie, müsste sie es genauer wissen.

Sabina war frisch geschieden, als sie ihn zum ersten Mal sah. Damals arbeitete sie nebenbei für ein Maklerbüro. Von irgendwas musste sie ja leben, denn der Job, den sie als Hauptberuf ausübte, brachte beiweitem nicht genug ein.

Sie war sofort hin und weg, von ihm, seiner Ausstrahlung, seinen Augen, seinem Lächeln … einfach alles beeindruckte sie an ihm. Dabei dachte sie, es würde nie wieder geschehen mit der Liebe und ihr.

Er war ein wenig kleiner als sie, eigentlich gar nicht ihr Typ. Doch seine Ausstrahlung hatte etwas. Etwas, das sie beeindruckte. Sabina dachte als erstes an einen Italiener. Er sprach nur gebrochen deutsch. Daher hatte sie ein wenig Mühe, ihn zu verstehen. Erste graue Haare waren in seinem Haarschopf zu sehen. Dabei war er noch gar nicht so alt, gerade mal 30 Jahre.

„Ich nix Italiener, ich kommen Türkei“, meinte er lachend zu ihr, als Sabina ihn nach seiner Herkunft fragte. Dann folgten Komplimente, die Sabina zum Erröten brachten. Schon lange nicht mehr wurden ihr solch Komplimente gemacht.

„Ich bin Sabina“, nannte sie ihm ihren Namen, „wie heißt du?“

„Ich Tamer“, erwiderte er, immer noch lächelnd. Dabei strahlten seine Augen wie Sterne am Himmel.

Sabina wurde es ganz anders bei seinem durchdringen Blick. Ein Schauer überzog ihren Rücken. Am liebsten hätte sie aufgestöhnt. Gerade noch konnte sie es unterdrücken. Wie würde es denn aussehen, sich vor einem wildfremden Mann zu benehmen wie eine rollige Katze. Obwohl, rollig fühlte sich Sabina schon lange. Sie hatte schon seit ewigen Zeiten keinen Mann mehr gehabt. War das nicht die geeignete Gelegenheit, sich einen zu krallen und sei es nur für eine Nacht?

„Hallo Tamer“, brachte Sabina gerade noch stotternd hervor. „Was machst du heute Abend?“

„Ich gehen nach Hause“, antwortete Tamer, „oder wir gehen mit Auto irgendwohin“, preschte er plötzlich vor, dass es Sabina fast die Sprache verschlug. Wollte sie nicht genau das?

Gemeinsam fuhren sie in seinem Auto ohne Ziel durch die Gegend. Dabei wusste sie noch nichts, außer seinen Vornamen, von ihm. Der Abend wurde schön, sie genoss einfach, in seiner Nähe sein zu können.

So kam es, dass sich Sabina und Tamer immer öfter trafen. Nur das, was Sabina eigentlich wollte, war noch nicht geschehen. Doch sie sah es nicht als schlimm. Sie konnte warten, bis die Zeit dafür reif war.

Wochen später, es war schon kurz vor Weihnachten, musste Sabina über ein Wochenende zu einer Weiterbildung. Tamer, der inzwischen ebenfalls in dem Maklerbüro arbeitete, sollte mit ihr und einigen anderen Kollegen auch daran teilnehmen. Sie fuhren alle zusammen in einem Reisebus in den schönen Schwarzwald. Der Chef hatte in einem Tagungshotel gebucht. Tagsüber wurden neue Strategien gelernt, abends ging die Post ab.

Es ging laut zu an diesem Abend. Es wurde gegessen, getrunken und getanzt. Auch Sabina schaute tief ins Glas. Beinahe etwas zu tief, wie sie später am Abend feststellen musste.

Tamer fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft, auch wenn er den etwas hohen Alkoholkonsum nicht gutheißen konnte. Er sah lachend darüber hinweg, Hauptsache, er konnte mit ihr zusammen sein. Sabina erging es nicht besser. Sie fühlte sich geborgen in Tamers Nähe. Das Kribbeln, das sie bereits bei ihrer ersten Begegnung verspürte, war immer noch da. Inzwischen allerdings sehr viel stärker. Man konnte schon fast Verlangen dazu sagen. Ob es Tamer auch ebenso ging? Die Signale, die sie sendete, musste er doch verstehen. Oder tickten Orientalen da anders? Sabina wusste es nicht.

„Du kommen später in mein Zimmer“, flüsterte Tamer Sabina plötzlich so leise ins Ohr, dass sie es kaum richtig verstehen konnte.

„Du kommen dann in mein Zimmer“, wiederholte Tamer, „ich haben noch Wein. Wir trinken zusammen. Du doch kommen, bitte.“

Sabina strahlte erfreut.

„Ich komme“, erwiderte sie. Ihr wurde ganz flau im Magen, als sie sich vorstellte, was nachher geschehen könnte. Aus dem flauen Magen wurde Übelkeit. Sabina wurde so übel, dass sie sich fast übergeben musste. Hektisch sprang sie auf und wollte in ihr Zimmer rennen.

„Sabina, du doch kommen?“, fragte Tamer enttäuscht und wollte sie aufhalten. Sabina nickte nur und rannte davon. Gerade noch so erreichte sie ihr Zimmer im ersten Stock. Ihr Atem ging schnell, ihr Gesicht war erhitzt. Die Übelkeit stieg immer weiter hoch, so sehr, dass sie doch zur Toilette gehen musste, um sich zu übergeben. Danach ging es ihr besser. Jedoch musste sie sich jetzt frischmachen. Das Date mit Tamer wartete noch.

Kurze Zeit später klopfte Sabina an Tamers Tür. Freudig lächelnd öffnete er ihr.

„Du doch kommen“, sagte er zu ihr, zog sie zu sich, um sie zur Begrüßung zu küssen. „Ich denken, du nicht kommen.“

„Ich sagte doch, ich komme“, antwortete Sabina ein wenig erhitzt. „Doch was machen wir jetzt?“

„Wein trinken“, meinte Tamer und holte Weißwein aus dem Kühlschrank. Er schaltete noch den Fernseher ein. Doch außer einem Softporno lief nichts, was beide interessant fanden. So schauten sie einfach nebenbei diese eher lustige Komödie.

„Was du so komisch gucken“, fragte Tamer.

„Ich mache das lieber selber, als so was zu schauen“, antwortete Sabina lachend.

„Du was machen lieber selber?“, wollte Tamer wissen.

„Sex“, sagte Sabina geradeheraus. Das war wie ein Startschuss für ihn und Sabina bekam, was sie wollte.

Die Nacht wurde lang, sehr lang, doch für beide sehr erfüllend. Am nächsten Tag saßen sie müde, aber zufrieden, nebeneinander im Tagungsraum und hörten dem Dozenten zu.

„Ich liebe dich“, flüsterte Tamer Sabina in der Pause ins Ohr.

Das jedoch war für sie noch ein wenig zu früh.

„Ich liebe dich auch, aber erst einmal nur im Bett“, antwortete Sabina. Tamer sah sie traurig an.

„Schade“, erwiderte er, „das wir ändern.“

Tamer blieb am Ball, so lange, bis Sabina endlich nachgab. Er blieb viele Jahre, bis er eine andere Sabina fand.

Heute, nach 20 Jahren, haben Tamer und Sabina nur noch eines gemeinsam – einen Sohn.