Raubtierfütterung


„Habt ihr auch so einen Appetit? Ich könnte tausend Mäuse auf einmal vertilgen“, will Kampfkater Sammy vom Rest der Fünferbande wissen. Er hört, wie sein Magen knurrt, lauter als das Gebrüll ausgehungerten eines Löwen. Lilly, Jutta, Minki und Gustel trampeln im Wohnzimmer auch schon hin und her und starren auf die Tür, durch die bald ihr Frauchen kommen wird. Sie wissen, wenn sie nach Hause kommt, gibt es Fresschen.

 

„Musst du immer nur ans fressen denken?“, knurrt Minki Sammy an. Dabei schaut sie ihn hochnäsig an.

 

Sammy geht sofort auf Angriff. „Das sagst grad du! Schau dich doch mal an, du Rumkugel“, faucht er die schwarz-weiße, etwas mollige Dame an.

 

Minki zieht den Kopf ein. Sie geht lieber auf Sicherheitsabstand, ehe Sammy ihr eine krallt. Vor ihm hat sie Respekt, und auch ein wenig Angst.

 

„Müsst ihr euch immer zanken?“, schimpft nun Lilly, die älteste im Bunde. Oft genug gibt es Streit mit Sammy, der sich aufführt wie ein Lokalmatador. Er nervt sie nur. Sie lässt ihn lieber links liegen, als sich ständig sein Gezeter anhören zu müssen.

 

Gustel gesellt sich zu Minki und tröstet sie. Zärtlich fährt er mit seiner rauen Zunge über den Kopf seiner Freundin. „Mach dir nichts draus. Der ist doch nur neidisch. Keine ist schöner als du“, schnurrt er ihr lieblich ins Ohr.

 

„Frauchen würde auch viel weniger mit ihm schimpfen, wenn er nicht so böse mit ihr wäre. Erst letztens hat er sie wieder ganz dolle gebissen, dass sie mit ihm schimpfen musste. Dabei wollte sie ihn doch nur streicheln“, weiß Minki zu erzählen. Erneut späht sie zu Sammy, der Gustel und sie mit Argusaugen neidisch beobachtet.

 

„Ihr seid mir heute zu doof“, grollt Jutta. Sie zieht sich auf ihren Lieblingsplatz im Schlafzimmer zurück. Dort hat sie ihre Ruhe und kann ungestört der Faulheit frönen oder auch nur schlafen. Viel lieber würde sie in Frauchens Bett schlafen, aber am Tag ohne Frauchen ist ihr das nicht kuschelig genug.

 

Sammy folgt Jutta. Er muss unbedingt wissen, was sie schon wieder im Schlafzimmer macht. Er weiß, Frauchen mag das nicht, wenn sie tagsüber dort sind. Eigenartigerweise schimpft sie aber nicht, wenn sie doch hineingehen und es sich dort bequem machen.

 

„Pfeif ab du Dumpfbacke“, knurrt Jutta Sammy an und zeigt ihm ihr blendendweißes Schauspielergebiss. Fauchend jagt sie ihn davon.

 

„Ja, ja, schon gut. Tu nicht wie eine Diva!“ Sammy verzieht sich aufs Sofa. Dabei beachtet er aber Minki nicht, die inzwischen auf dem Tisch sitzt und ihn argwöhnisch von oben herab beäugt.

 

„Hau ab, du Troll“, motzt Minki. Sie holt aus und langt Sammy eine. Genau auf der Nase landet die zarte Katzentatze. Der Kampfkater schaut dumm aus der Wäsche und faucht zurück. Seine Raubtierzähne sehen sehr gefährlich aus.

 

Minki geht in Deckung und zieht den Kopf ein. Gustel ist sofort an ihrer Seite, um sie zu beschützen. Machohaft baut er sich vor Sammy auf, der natürlich auch sofort zeigen muss, dass er der noch größere Macho ist. „Ich bin der Macho der Nation“, meint er breit grinsend zur schwarz-weißen Katzendame und dem schneeweißen Monster und lässt die Muskeln spielen.

 

„Du bist mein Held“, liebäugelt Minki mit Gustel Schneeflocke. Gustel vergeht vor Wonne, seine Liebste beschützt zu haben. Seine Brust schwillt vor Stolz. Um weiteren Unartigkeiten des Stubenmachos aus dem Weg zu gehen, verziehen sie sich lieber auf den Schreibtisch. Dort sind sie sicherer und haben alles im Blick.

 

„Leute, ich hab die Tür unten gehört. Frauchen kommt“, ruft Lilly laut, um die Aufmerksamkeit der Anderen auf sich zu lenken. Aufgeregt trippelt sie hin und her.

 

„Oh ja, gleich gibt es was zu fressen“, ruft Sammy  erfreut und flitzt wie ein geölter Blitz zur Tür. Die anderen folgen ihm und stehen Spalier.

 

Endlich geht die Tür auf, Frauchen ist da. Wie wild wuselt die Bande um ihre Füße. Jeder will der erste sein, der gestreichelt wird. Nur Jutta wartet geduldig, bis sie an der Reihe ist. Sammy drängelt mal wieder vor und bringt Frauchen fast zu Fall. Gustel hopst vor Freude wie ein Flummy, Lilly streicht um ihre Beine und Minki beobachtet das Ganze lieber vom Schreibtisch aus.

 

„Wann gibt es endlich was zu fressen“, scheint Sammy sagen zu wollen. Sein Magen ist ein schier unendlich großes Fass ohne Boden. „Nun mach schon, sonst spiel ich den Löwen.“

 

Frauchen bringt endlich die Futterbüchse. Alle drängeln und schubsen. Kampfkater ist wieder einmal der Stärkste. Er beharrt darauf, als Erster am Futternapf zu sein. Lilly lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie macht auf ganz feine Dame. Sie angelt einzelne Futterstücke aus der Schale und frisst wie eine Diva. Da fehlt nur noch Messer und Gabel. Gustel schubst die beiden weg, er will auch. Jetzt, wo Gustel an der Reihe ist, traut sich auch Minki vom Schreibtisch. Jutta trottet hinzu und labt sich am Trockenfutter. „Was die nur haben, Trockenfutter ist viel leckerer als dieses labbrige Schnodderzeugs aus der Dose“, denkt sie sich und freut sich über das Knacken zwischen ihren Zähnen.

 

Nach einer Weile ist Ruhe im Karton. Alle sind gesättigt. Kampfkater und Konsorten liegen verteilt in der ganzen Wohnung herum und machen Verdauungsschläfchen. Und Frauchen? Die kann in Ruhe ihre Geschichte schreiben.

 

 

© by Milly B. / 17.10.2018