Castle of Pleasure


Mein Sauhund ist in seinem langen Leben sehr weit herum gekommen. Er liebte das Reisen, egal in welche Ecke der Welt, nichts war ihm zu weit. Von diesen Reisen erzählte er mir sehr oft. So auch diese Geschichte, die ich Euch nicht vorenthalten will. In der Zeit, als diese Geschichte geschah, war das Reisen allerdings nicht so einfach wie in der heutigen Zeit. Es gab keine Flugzeuge, keine Bahn oder motorisierte Fahrzeuge, wie wir sie kennen. Man reiste zu Fuß, zu Pferde, mit der Kutsche oder im Höchstfall mit einem Schiff.

Sauhunds bester Freund Berthold kam eines Tages in seinen Geburtsort zurück. Vor Jahren war er auf Wanderschaft gegangen, da es in der Heimat für ihn keine Möglichkeiten gab, sesshaft zu werden oder eine Familie zu ernähren. Als zweitgeborener Sohn eines Bauern blieb ihm nichts anderes übrig, als woanders sein Glück zu versuchen. An einem Abend besuchte er auch den Sauhund in dessen Hütte mitten im Zauberwald.

„Wie ist es dir ergangen in den letzten Jahren“, wollte der Sauhund wissen, als sie zusammen in der Abenddämmerung vor dessen Hütte im Zauberwald saßen.

„Ich kann zufrieden sein“, erwiderte Berthold, „ich habe eine gute Frau gefunden, die mir schon drei Söhne und zwei Töchter geschenkt hat. Außerdem habe ich eine gute Anstellung am Hofe von Jakob I. gefunden.“

Der Sauhund wurde hellhörig. Den Namen Jakob I. hatte er bereits gehört. Er wusste, nach dem Tod von Elisabeth I., der jungfräulichen Königin von England, hatte er 1603 die Herrschaft über das englische Volk übernommen.

„Welche Anstellung hast du bei Hofe?“, fragte der Sauhund neugierig.

„Ich arbeite als Stallknecht und bin für die Pferde Seiner Majestät verantwortlich. Als Bauernsohn kenne ich mich mit Tieren aus, wie du weißt. Mein Verdienst ist zwar nicht sehr hoch, aber meine Familie muss trotzdem nicht in Armut leben.“ Stolz erzählte Berthold von seiner Arbeit bei Hofe. Er selber konnte eine kleine Hütte am Stadtrand sein Eigen nennen, wo er mit seiner Familie lebte. „Meine Frau hat eine Anstellung als Küchenmagd, auch die Kinder arbeiten schon mit. Am Hofe fällt auch immer genug zum Essen ab, das wir uns dann nicht auf dem Markt kaufen müssen.“

„Das hört sich ja gut an“, erwiderte der Sauhund. Ein wenig neidisch wurde er schon, da sein Jugendfreund bereits weiter in der Welt herumgekommen war als er. „Was meinst du, ob ich auch mein Glück in der Ferne suchen sollte?“

„Warum nicht, das ist immer noch besser als hier in deinem Wald zu versauern“, antwortete Berthold. „Weißt du was! Komme doch einfach mit mir. In London findet sich bestimmt etwas für dich. Notfalls lege ich beim Stallmeister ein gutes Wort für dich ein.“ Berthold war Feuer und Flamme, mit seinem Jugendfreund auf die weite Reise zu gehen. So wäre er auch in dem fremden Land nicht mehr ganz allein.

„Da muss ich nicht lange überlegen“, antwortete der Sauhund. „Ich werde dir folgen. Mehr als schiefgehen kann es nicht. Wann musst du zurück?“, wollte er dann noch wissen.

„Bereits morgen“, kam als Antwort von Berthold. „In vier Wochen geht die Passage von Calais nach Dover. Mein Platz auf dem Schiff ist bereits sicher. Ich muss nichts zahlen, dafür muss ich an Deck helfen. Für dich wird bestimmt auch noch ein Plätzchen frei sein. Notfalls bietest du auch deine Hilfe an Deck an.“

Gesagt, getan. Bereits am nächsten Morgen machten sich die beiden Freunde auf den weiten Weg nach Calais. Berthold hatte sein Mietpferd im Hof seiner Eltern untergebracht und kam noch vor Sonnenaufgang, um seinen Freund abzuholen. Der Sauhund besaß kein eigenes Pferd. Er nahm der Einfachheit halber hinter seinem Freund auf dessen Ross Platz. So ritten sie so schnell es ging aus dem Zauberwald hinaus in Richtung Frankreich. Die Reise dauerte lange. Unterwegs begegneten ihnen viele Menschen, die den Sauhund und seinen Begleiter begafften wie Jahrmarktsgaukler. Als sie endlich in Calais ankamen, hatte der Sauhund hatte bereits Unmengen Schwielen am Allerwertesten. Seine Beine fühlten sich an, als hätte er lange auf einem Fass gesessen. So o-beinig wie nach diesem langen Ritt war er noch nie gelaufen. Ohne sich aufzuhalten, suchten sie sogleich den Hafen auf, wo wirklich ein Schiff auf die beiden Reisenden wartete. Auch für den Sauhund war noch Platz. Er musste, genau wie sein Freund, für die Überfahrt an Deck arbeiten.

Die Schiffsreise nach Dover verlief zum Glück sehr ruhig. Ein laues Lüftchen wehte. Die Segel blähten sich im Wind und trieben das Schiff unaufhörlich der englischen Küste zu. So trafen sie zum vorausgesehenen Termin in der kleinen Hafenstadt ein.

In Dover fanden sie eine Postkutsche, die sie mit nach London nahm. Nur die war von der Bequemlichkeit her auch nicht besser als die Gemeinschaftsunterkunft auf dem Schiff. Sie schwankte sogar so sehr wie ein Schiff, was allerdings nicht Grund von heftigem Seegang war, sondern die schlechten Straßen Englands. Ein Loch neben dem anderen zierten die ausgefahrenen Wege. Wich man einem aus, fuhr man in ein anderes hinein. Ein Kamel zu reiten, wäre noch bequemer gewesen als mit der Postkutsche zu fahren. Außerdem kamen die beiden schneller voran als wenn sie den ganzen Weg bis London laufen müssten.

Unterwegs wurde der Sauhund von den Menschen angesehen wie ein bunter Hund. Seine Schweinsnase, die neugierig das unbekannte Land erkundete, war bald in aller Munde.

Nach zwei Tagesreisen war endlich London zu sehen. Der Sauhund kannte noch keine so großen Städte, sondern nur seinen Zauberwald, das kleine Dorf in der Nähe des Waldes und ein paar kleinere Städte im deutschen Lande. Anstatt sich sofort zum Schloss begeben, um dort nach einer Anstellung zu fragen, wollte er erst einmal die Stadt erkunden und sich eine Herberge für die Nacht suchen. Sauhund stieg in der Nähe der Themse aus, zahlte dem Kutscher seinen restlichen Lohn und ging seines Weges. Sein Freund Berthold wollte erst einmal zu seiner Familie und hatte deshalb die Kutsche schon vor den Toren der Stadt verlassen. Dankend lehnte der Sauhund sein Angebot ab, bei Bertholds Familie zu nächtigen.

Nun, da er ganz auf sich allein gestellt war, hatte der Sauhund allerdings ein Problem. Er kannte sich in der Stadt nicht aus. Die fremden Gerüche beunruhigten ihn. Bisher war er nur den Duft des Waldes und frische Luft gewöhnt. London war für seine sensible Schweinsnase der Horror. Angeekelt hielt er sich ein Taschentuch vor die Nase, um den Gestank nach Unrat und Fäkalien nicht einatmen zu müssen.

So lief der Sauhund planlos durch die Straßen und entfernte sich immer mehr vom Zentrum, in dem er eigentlich bleiben wollte. Schon bald hatte er den Tower aus den Augen verloren. Zu sehr strömten neue Eindrücke auf ihn ein, dass er wie kopflos durch die Straßen und Gassen lief. Je weiter er sich vom Zentrum entfernte, desto unheimlicher wurde ihm die Gegend. Finstere und gruselig aussehende Gestalten lungerten an Hausecken umher und beobachteten die vorbeigehenden Passanten. Frauen in knappen Miedern boten ihre Dienste an, Liebesdienste wohl, dachte er sich. Auch einige Händler gesellten sich dazu, die versuchten, ihre letzten Waren unters Volk zu bringen.