Das Hexenkraut

 

Ein Beitrag zum 13. Wettbewerb 

in der Gruppe "Gemeinsam" bei Bookrix

im Mai 2019 

Thema: "Wetten, dass..."


Der Zwischenfall mit den Elfen ging dem Sauhund ganz schön an die Nieren. Solche Rabauken wie Merowin und Arowin waren ihm noch nie über den Weg gelaufen. Dabei hatte er wahrlich schon sehr viel erlebt. Denken wir nur an die Hexe, oder an Olav, der mit den zwei... ach, lassen wir das lieber. Er ärgerte sich sehr, dass er den beiden Spitzbuben auf den Leim gegangen und in ihre Falle getappt war. Über so viel Unsinn konnte er nur den Kopf schütteln.

Die Tante der Beiden, die Elfe Floriana, die am anderen Ende des Zauberwaldes lebte, klagte ihm ihr Leid. Warum nur musste sie die beiden auch bei sich aufnehmen. Konnte die Mutter der Zwei ihnen nicht selber alles über Elfenzauber beibringen? Jetzt hatte sie den Ärger an der Backe und musste sich damit abplagen.

Nun jedoch saß der Sauhund mächtig in der Patsche. Was musste er auch wieder den Mund zu voll nehmen und der Tante versprechen, sich eine Strafe für ihre aufmüpfigen Neffen einfallen zu lassen. Wahrscheinlich kam bei ihm wieder einmal der Frauenheld zum Vorschein. Das hatte er davon, sich so aufzuplustern.

Blöd war nur, dass er von den Eskapaden der Elfenjungen vorher nie etwas gehört hatte. Lebte er hier hinter dem Mond, dass er dies nicht bemerkte. Die beiden mussten schon mächtig Unfrieden im Zauberwald gestiftet haben. Sehr zu seinem Unmut fiel dem Sauhund aber auch partout nichts ein, wie er die Wildlinge bestrafen könnte. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zur Elfe zu machen und ihr sein Versagen zu beichten. Was für eine Blamage. Er wollte allerdings noch eine Nacht darüber schlafen. Vielleicht hatte er Glück und die Erleuchtung kam im Schlaf.

 

Am nächsten Morgen wurde der Sauhund erst spät wach. Er hatte die halbe Nacht gegrübelt und konnte aufgrund dessen nicht einschlafen. Die zündende Idee hatte er immer noch nicht. Missmutig schwang er seine müden Knochen aus dem Bett. Bei einem Blick aus dem Fenster stellte er fest, das Wetter hatte sich seiner Stimmung angepasst. Es war so mies wie seine Laune. Regen prasselte nieder und schlug gegen die Fensterscheiben. Bei solch einem Wetter jagte man keinen Hund vor die Tür, auch einen Sauhund nicht.

„Na gut, schauen wir mal“, führte er Selbstgespräche und bereitete sich erst einmal ein Frühstück. Ein gutes Essen am Morgen, vertrieb bei ihm Kummer und Sorgen. Aber leider hatten sich das Problem danach keineswegs in Luft aufgelöst. Nur das Wetter hatte sich nach dem opulenten Mahl gebessert. Es regnete nicht mehr. So machte er sich auf den Weg zur Elfe am anderen Ende des Zauberwaldes.

 

Gemächlichen Schrittes wanderte der Sauhund durch den Wald. Das Gras war noch nass vom Regen. Ab und an tröpfelte es von den Bäumen. Einige dicke Tropfen platschten sogar auf seine Nase und die Stirn. Doch das machte ihm nichts aus. Immerhin war er nicht aus Zucker und löste sich in Verbindung mit Wasser nicht in Wohlbefinden auf. Gut wäre es, wenn das Problem es täte.

Während der Sauhund die Wege entlang schritt, kreisten seine Gedanken wie ein Karussell. „Was wäre, wenn ich die Delinquenten damit erschrecke, wovor sie sich am meisten fürchten“, dachte er sich. Das Problem war nur, wovor ängstigten sich Elfen, vor allem kleine Elfenjungen? Er wusste es nicht. Die Elfentante aber ganz bestimmt. So in Gedanken versunken näherte sich der Sauhund dem Ende des Waldes. Dabei achtete er nicht darauf, wo er hintrat.

„Pass doch auf, du Trottel“, kreischte es plötzlich schrill direkt vor seinen Füßen. „Beinahe hättest du mich getreten!“

Erschrocken blieb der Sauhund stehen und blickte nach unten. Da sah er die Fee Waltraude. Sie war außer sich vor Empörung, schwirrte um die Blüten einer großen Hexenkrautpflanze und drohte ihm mit ihrem Feenstab.

„Oh, entschuldige. Ich habe dich gar nicht bemerkt“, sagte der Sauhund reumütig.

„Kein Wunder. Du träumst lieber vor dich hin, als auf den Weg zu achten“, spöttelte die Fee.

„Schon gut, beruhige dich. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“, erwiderte der Sauhund. Neugierig geworden, schaute er sich die Pflanzen an, über denen die Fee aufgeregt herumflatterte. „Sag mal, was sind das für Gewächse“, fragte er. Eine innere Eingebung sagte ihm, die Pflanzen könnten ihm dabei helfen, das Problem mit Florianas Neffen zu lösen.

„Welche meinst du?“, wollte die Fee wissen und tat so, als würde sie nicht verstehen, was er meinte.

„Die mit den kleinen zartrosa Blüten.“

„Hast du dich womöglich verletzt, oder sogar die Krätze?“ Die Fee schaute den Sauhund angewidert an.

„Nein, natürlich nicht“, wehrte dieser ab. „Ich hatte nur eben einen genialen Einfall. Aber wieso Krätze?“

„Naja”, sagte die Fee, „die Pflanze hilft bei der Wundheilung und bei Hautkrankheiten. Außerdem werden ihr magische Kräfte nachgesagt. Sie sollen Schutz gegen Zauber und Unheil bieten, auch in Liebesdingen sollen sie helfen. Aber erzähle du mir lieber, was du auf dem Herzen hast. Für Ideen bin ich immer zu haben“, quengelte Waltraude.

„Schutz gegen Unheil? Das trifft sich gut”, erwiderte der Sauhund und lamentierte über die bösen Possen der beiden Neffen der Elfe Floriana.

„Ach, deshalb wolltest du den Namen des Krautes wissen.“ Die Fee lachte, dass sich die Stängel des Krautes, auf dem sie sich niedergelassen hatte, wie bei einem Windhauch hin und her wiegten. „Die Pflanze heißt Großes Hexenkraut“, erklärte sie. Es folgte eine weitere endlose Litanei über die Anwendung von Schutzzaubern, was man beachten sollte und noch vieles mehr.

„Das ist ja grandios“, unterbrach der Sauhund die Fee nach einer Weile. Was er bisher erfahren hatte, reichte aus, um den beiden Elfenjungen einen gehörigen Schreck einzujagen. Von Zaubern verstand er zwar nichts, aber Waltraudes Vortrag beeindruckte ihn mächtig.

„Bist du dir sicher, dass Elfe Floriana das zulässt“, fragte die Fee vorsichtshalber. So ganz geheuer war ihr die Sache nicht. Es konnte auch mächtig schief gehen, wenn er nicht aufpasste.

„Ganz sicher“, erwiderte der Sauhund. „Floriana ist genervt von den Untaten ihrer Neffen. Sie weiß schon gar nicht mehr, wie sie die beiden bändigen soll.“

„Da würde ich aber nicht mein letztes Hemd darauf verwetten“, meinte Waltraude trocken.

„Ich schon“, entgegnete der Sauhund. „Wollen wir wetten?“ Grinsend schaute er dabei auf das kleine Wesen.

„Besser nicht, ich verliere nur immer“, sagte Waltraude darauf.

„Angsthase“, lästerte der Sauhund lachend. „Wenn du schon nicht wetten willst, dann komme mit zu Floriana. Sie wird bestimmt erfreut sein, wenn sie auch dir von ihrem Problem erzählen kann und du ihr hilfst, es zu beseitigen.“

Gesagt, getan. Wenig später klopften sie bei Floriana an die Tür. Gleich darauf hörten sie ein Poltern im Haus und das Trappeln von kleinen Füßen. Die Tür wurde mit Schwung aufgerissen. Merowin und Arowin standen vor ihnen und grinsten sie frech an.

„Ach, die kleinen Rabauken“, sagte der Sauhund anstatt eines Grußes. „Ist eure Tante zu Hause?“, fragte er.

„Ja, hinten im Garten“, antworteten die beiden im Duett.

„Macht ihr immer alles zusammen?“, wollte Waltraude wissen.

Merowin und Arowin schauten verdattert. Sie hörten zwar eine Stimme, sahen aber niemanden.

Waltraude flatterte um Merowins Kopf herum. Erschrocken schlug er nach ihr.

„Na, na, junger Mann. Antworte lieber auf ihre Frage“, fuhr der Sauhund den Elfenjungen an.

„Ich dachte, das ist ein Insekt“, stotterte der.

„Ich ein Insekt? Pah!“ Waltraude tat beleidigt. „Nun komm“, rief sie dem Sauhund zu. Der folgte, ohne weiter auf seine kleinen Peiniger zu achten.

 

Die Elfe Floriana saß im Garten auf ihrer Bank und dachte nach. Ihre Stirn lag in Falten, die Augen schienen Blitze auszusenden. „Ah, Sauhund, gut, dass du da bist“, rief sie erfreut, als sie den Besucher erkannte. „Oh, da ist ja auch noch die liebe Waltraude. Kommt, setzt euch zu mir. Ich freue mich, dass ihr mich besuchen kommt.“

Der Sauhund suchte sich einen Baumstumpf als Sitzgelegenheit aus und Waltraude fand Platz auf einer Blume, die in einer Vase auf dem Tisch stand. Dort machte sie es sich gemütlich und schaukelte vergnügt, sodass die Blüten der Blumen gefährlich hin und her wippten.

„Du siehst nicht gerade fröhlich aus“, stellte der Sauhund nach näherer Betrachtung der Elfe fest.

„Mir scheint, da braut sich ein mächtiges Gewitter zusammen“, gab auch Waltraude ihren Senf dazu.

„Das kannst du laut sagen“, erwiderte Floriana und berichtete, was ihre Neffen schon wieder angestellt hatten.

„Wie? Die haben die Trolle in den Wald geholt und mit denen das Haus der Bienenkönigin zerstört?“ Waltraude war entsetzt. „Wo bekommen wir nun unseren Honig her?“, jammerte sie.

„Das Schlimmste aber war, sie haben nicht nur das Bienenhaus bis auf die Grundmauern eingerissen, sondern auch noch die Brut dieses Jahres getötet.“

„Oh mein Gott!“  Die Fee fiel fast in Ohnmacht.

„Das ist wahrlich harter Tobak“, sagte der Sauhund kopfschüttelnd.

„Das kannst du laut sagen. Ich bin nervlich am Ende.“ Floriana seufzte.

Der Sauhund überlegte. „So wie ich mich erinnern kann, haben die Trolle Hausverbot im Zauberwald.“ Fee und Elfe nickten zustimmend.

„Also brauchen wir uns nicht um sie kümmern“, sprach der Sauhund weiter.

„Ich habe gehört, die sollen eingekerkert werden, wenn die Obrigkeit ihrer habhaft wird“, wusste Floriana zu berichten.

„Ein Problem auf Dauer weniger“, antwortete der Sauhund. „Trotzdem haben wir immer noch das Problem in Form dieser Rotzgören.“ Fee und Elfe nickten erneut zustimmend. „Ich glaube, ich habe die Lösung“, sprach der Sauhund weiter und erklärte seinen Plan, den er auf dem Weg zum Elfenhaus ausgeklüngelt hatte.

„Denkst du, wir können die beiden damit bändigen?“, fragte Floriana unentschlossen. „Wenn sie so weiter machen, bekommen sie, wie die Trolle, Hausverbot im Zauberwald. Dann ist es aus mit Lernen.“

„Einen Versuch ist es wert“, meinte Waltraude, die Florianas Kummer gut nachvollziehen konnte. „Der Sauhund wollte vorhin deswegen schon wetten“, plapperte sie aufgeregt.

Floriana lachte darüber nur, von Wetten hielt sie nämlich gar nichts. So beschlossen sie, den Einfall des Sauhunds auszuprobieren.

 

„Was gibt es denn?“, fragten Merowin und Arowin, die auf Zuruf ihrer Tante sofort herbeikamen. Sie wussten, wenn Besuch im Haus war, gab es öfter außerhalb der Zeit leckeren, süßen Kuchen. Darauf freuten sie sich. Doch als sie den leeren Tisch sahen, erkannten sie, da war nichts mit Extraportionen.

„Ich brauche eure Hilfe“, begann Floriana.

Die beiden waren sofort Feuer und Flamme. Immerhin hatten sie nach ihren letzten Eskapaden bei ihr viel gut zu machen. Seit sie mit den Trollen diesen arg bösen Unfug getrieben hatten, lebten sie unter strengstem Hausarrest und durften nur unter Aufsicht ihrer Tante in den Wald.

„Ihr kennt doch den Tümpel in der Nähe des Steinbruchs“, fragte Floriana.

„Dort, wo es so dunkel und feucht ist“, fragte Merowin und schüttelte sich. Wer weiß, was für seltsame Dinge es an diesem grusligen Ort gab und welche Wesen sich herumtrieben. Trotzdem war er neugierig, was seine Tante da wollte.

„Genau dort“, erwiderte Floriana erfreut. Hatte wenigstens einer der beiden bereits angebissen? „In der Nähe des Tümpels befindet sich ein kleiner Auwald. An dieser Stelle wächst das Große Hexenkraut. Davon bringt ihr mir.“ Sie überlegte kurz. „Sagen wir mal, zwanzig Stängel müssten ausreichen, damit ich mein Vorhaben ausführen kann. Die Blüten müssen aber noch offen sein. Die Verblühten lasst stehen.“

„Das machen wir“, redeten die Elfenjungen aufgeregt durcheinander. Endlich durften sie Haus und Hof verlassen, ohne unter der Fuchtel der Tante zu stehen. Aber dann verstummten sie abrupt. Hatten sie richtig gehört? Großes Hexenkraut?

„Du hast doch unzählige Kräuter hier in deinem Garten. Warum nimmst du nicht die? Muss es unbedingt dieses Hexenkraut sein?“, wagte Arowin dann einzuwenden. Er sah einen Zusammenhang mit Hexen, von denen seine Mutter erzählt hatte. Wo es Hexenkraut gab, waren garantiert auch Hexen. Wenn sie nun einer begegneten und die sie verzauberte? Arowin stellte sich die schlimmsten Dinge vor, die sie ihm und seinen Bruder antun könnten.

„Holt ihr mir nun dieses Hexenkraut? Ich benötige es ganz dringend“, drängelte Floriana ungeduldig.

Da sie aber schon lautstark verkündet hatten, der Tante ihren Wunsch zu erfüllen, stimmten Merowin und Arowin zu. Mit hängenden Köpfen trotteten sie davon.

 

Nachdem die Haustür von den Lausebengeln mit einem lauten Knall geschlossen wurde, grinste der Sauhund fies. „Die werden sich vor Angst in die Hose machen“, meinte er lachend.

„Du wirst hoffentlich nicht wieder wetten wollen“, sagte Waltraude, genauso lachend.

„Hört auf damit. Wir haben keine Zeit für solchen Firlefanz. Machen wir uns lieber auf den Weg zum Auwald. Wir müssen vor den Lausbuben dort sein, wenn wir sie erschrecken wollen“, lenkte Floriana ein. „Ich kenne einen Zauber, der uns ganz gruslig aussehen lässt. Er wird uns helfen, unerkannt zu bleiben“, erzählte sie auf dem Weg zum Auwald. „Eigentlich dürfte ich ihn gar nicht anwenden, da er für uns Elfen verboten ist. Aber…“

„… aber ich darf es“, unterbrach Waltraude sie, die sich mit diesem Zauber ebenfalls auskannte. „Als was wollt ihr auftreten?“

Der Sauhund erinnerte ich an die Hexe, die ihn in jungen Jahren verzaubert hatte. Ihr Aussehen würde garantiert jeden erschrecken. Er hatte seinen Wunsch kaum ausgesprochen, da verwandelte er sich schon.

Floriana wählte einen grusligen Gnom und Waltraude eine Vampirfledermaus. So gerüstet erwarteten sie die Übeltäter. Vorsichtig lugten sie aus ihrem Versteck heraus, um ja nichts zu verpassen.

 

„Hoffentlich laufen wir keiner Hexe über den Weg“, flüsterte Merowin ängstlich und blickte sich um, als wäre ihm solch ein Zauberwesen bereits auf den Fersen.

„Es wird schon gut gehen“, erwiderte Arowin. Auch er schaute sich aufmerksam um. Aber nicht, um die Hexe, die ihnen auflauern könnte, zu finden. Er wollte unbedingt den Wunsch der Tante erfüllen und ihr das gewünschte Hexenkraut bringen. „Irgendwo muss dieses komische Kraut doch sein“, schimpfte er. „Merowin, du Memme, hilf mir gefälligst beim Suchen!“ Vor sich hin grummelnd, lief er einfach weiter, ohne auf den Bruder zu warten.

Merowin kam hinzu und hielt sich lieber in der Nähe Arowins auf. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, nirgendwo fanden sie Hexenkraut.

„Es gibt hier keins“, maulte Merowin.

„Quatsch. Tante Floriana sagte doch, es gäbe hier welches. Sie muss es wissen, sie lebt schon sehr viel länger als wir in diesem Zauberwald. Ohne das Zeugs brauchen wir erst gar nicht zurück zu gehen. Sie wird uns den Kopf abreißen, wenn wir mit leeren Händen kommen. Sie ist eh zornig auf uns nach dem Vorfall mit den Trollen und dem Bienenhaus.“

„Die Predigt danach war noch größer, als die, nachdem wir den Sauhund geärgert haben“, knurrte Arowin. Der komische Sauhund mit seinen grünen Haaren, der Schweinsnase und diesem Glasdings vor den Augen, war ihm suspekt. Der Kerl hatte etwas an sich, das Arowin die Haare zu Berge stehen ließ.

Plötzlich hörte Arowin ein Rascheln. „Hast du das auch gehört?“, fragte er Merowin.

„Was denn?“ Merowin war genervt. Er hatte sich nun entschlossen, den Auwald nicht ohne das Hexenkraut zu verlassen.

„Na das Rascheln.“ Arowin blickte sich ängstlich um. „Dort! Schau! Der Busch wackelt!“, rief er aufgeregt.

„Ach was, das war nur der Wind.“

„Es ist windstill, du Dummbatz“, erwiderte Arowin. „Schau doch! Es kommt näher!“ Arowin bekam Panik und begann zu zittern.

Merowin sah sich erneut um. „Da ist nichts“, sagte er und suchte unbeirrt weiter nach dem Hexenkraut. „Nun komm schon. Mach dir nicht in die Hose. Wir müssen das blöde Kraut finden, damit wir hier wegkommen.“

Kaum hatte sich Merowin abgewendet, begann das Rascheln erneut. Gleichzeitig ertönte ein arg schauriges Grollen und Heulen.

Arowin nahm die Beine in die Hand. Nach Luft japsend erreichte er seinen Bruder, der das Grollen und Heulen ebenfalls gehört hatte. Auf einmal begann ein Getöse und eine riesige Hexe kroch aus dem Gebüsch hervor. Ihr auf dem Fuße folgte ein Gnom, der um die Handgelenke dicke Eisenringe hatte, an denen noch dickere Ketten baumelten. Um den Kopf der Hexe und des Gnoms flatterte eine zähnefletschende Vampirfledermaus.

Die sonst so taffen Elfenjungen blieben wie erstarrt stehen. Beim Anblick der grässlichen Gestalten schlotterten sie vor Angst, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten.

„Was tut ihr hier in meinem Auwald?“, fragte die Hexe mit zornigem Blick. Dabei drohte sie den beiden mit ihrem knorrigen Hexenbesen.

Die Jungen wagten nicht zu antworten. Ihnen hatte es die Sprache verschlagen, was äußerst selten vorkam. Aber hier waren sie so geschockt, dass ihr Mund wie zugeklebt war.

„Sagt es! Sofort!“, herrschte die Hexe sie an. „Du da!“, sie zeigte mit ihrem Besen auf Merowin, „heraus mit der Sprache!“

„Wir sollen Hexenkraut suchen“, stieß Merowin stotternd aus.

„Hexenkraut?!“, kreischte die Hexe in höchsten Tönen. „In meinem Wald? Auf keinen Fall. Das ist verboten für Elfen. Nur Hexen dürfen dieses seltene Kraut pflücken.“

„Unsere Tante hat es uns aber befohlen“, erwiderte Arowin, zitternd wie Espenlaub.

„Ist sie eine Hexe?“

„Nein.“

„Quatsch nicht so viel wirres Zeug“, fuhr der Gnom die zeternde Hexe an. „Ich habe Hunger.“ Sein Blick glitt gierig zu den Elfenjungen. Dabei lief ihm der Sabber übers Kinn und tropfte auf seinen fetten Bauch.

„Ich auch, ich auch“, piepste die Fledermaus.

„Mein Magen fühlt sich urplötzlich ebenso leer an. Woher das wohl kommen mag? Wir haben doch vorhin erst zu Mittag gegessen“, ließ die Hexe zum Schreck der Jungen auch noch verlauten. Schneller als der Wind ergriff sie die Elfen am Arm und hielt sich den zappelnden Fang vor die Nase. „Sie sind gut genährt und wären doch ein leckerer Braten. Als hätte ich es gewusst, habe ich heute den Backofen angeheizt.“ Sie überlegte kurz. „Obwohl, eine gute Suppe gäben sie auch ab.”

„Ich mag aber lieber roh“, mokierte der Gnom und rieb sich den Bauch.

„Und für mich das Blut“, rief die Fledermaus und flatterte noch aufgeregter hin und her.

„Lass uns los“, schrien die Elfenjungen entsetzt. Wie wild geworden schlugen sie mit Armen und Beinen um sich. „Ihr könnt uns doch nicht einfach fressen!“

„Doch, können wir“, erwiderte die Hexe. Sie leckte sich genüsslich über die Lippen. Dabei steckte sie Merowin in ihre Schürzentasche. „Du aber wärst ein guter Snack für zwischendurch”, sagte sie, nachdem sie sich Arowin nochmals genau betrachtet hatte.

„Lass ihn ja nicht fallen“, meinte der Gnom, als er sah, wie die Beute heftig zappelte.

Arowin wollte es gar nicht einsehen, einfach so gefressen zu werden. Er wand sich zwischen den Fingern der Hexe wie ein glitschiger Aal. Endlich gelang es ihm, eine Fingerspitze zu erreichen und biss kraftvoll zu.

„Autsch, verflixt“, schimpfte die Hexe und ließ ihn los. Arowin fiel in die Büsche, wo er sich abrollte und sich sofort versteckte. „Komm raus“, krakeelte die Hexe und achtete dabei nicht auf Merowin. Der nutzte die Chance, sich aus der Schürzentasche zu befreien. Mit einem gewagten Sprung landete er, wie sein Bruder, mitten im Busch. Er sah Arowin in einer Kuhle hocken und krabbelte auf allen Vieren neben ihn.

Die Hexe tat so, als würde sie suchen. Der Gnom schrie: „Haltet sie, haltet sie!“ Und die Fledermaus jammerte: „Ich will endlich mein Blut.“

„Nichts wie weg hier“, flüsterte Merowin und zerrte Arowin hoch. So schnell sie konnten, rannten sie davon.

 

Kaum waren die Elfenjungen in Richtung Heimat und aus ihrer Sichtweite verschwunden, verwandelten sich der Sauhund, Floriana und Waltraude in ihre ursprüngliche Gestalt zurück.

„Ich sagte doch, das wird ein Spaß!“ Der Sauhund lachte lauthals.

„Ich hoffe, die Abreibung zeigt Wirkung“, meinte Floriana, ebenfalls breit grinsend.

„Haltet keine Maulaffen feil. Wir müssen vor ihnen zu Hause sein“, drängte Waltraude zur Eile. „Uns lustig machen können wir später noch.“ Floriana und der Sauhund waren der gleichen Meinung.

 

Als die Lausbuben zu Hause ankamen, saßen die Scherzkekse in trauter Dreisamkeit zusammen im Garten und unterhielten sich. Gläser mit Einhornmilch und ein Teller voller Honiggebäck stand vor ihnen.

„Tante, Tante, du weißt gar nicht, was uns passiert ist“, sprudelte es aufgeregt aus den Neffen hervor.

„Hoffentlich habt ihr nicht schon wieder Unsinn gemacht!“ Floriana verdrehte theatralisch die Augen.

„Nein, nein, haben wir nicht. Ehrenwort“, riefen die Buben und berichteten von der Hexe, dem Gnom und der Vampirfledermaus.

„Ja, und? Was zetert ihr wie Hosenscheißer über solche Gestalten? Hier im Zauberwald sind die alltäglich. Wo ist das Hexenkraut, das ihr sammeln solltet?“, fragte Floriana ganz unbeeindruckt.

„Wir haben keins finden können. Die Hexe kam uns dazwischen“, gaben die beiden kleinlaut zu.

„Dann geht nochmal hin und bringt mir endlich das Hexenkraut“, befahl Floriana ihnen, ohne eine Miene zu verziehen.

Die Elfenjungen rissen erschrocken die Augen auf, dass sie ihnen beinahe herausfielen. „Bitte, bitte, nicht noch einmal in den Auwald“, bettelten sie herzerweichend. „Wir gehen nie wieder in den Wald. Keine zehn Pferde bringen uns je wieder dorthin.“

„Ach ja.“ Floriana zog eine Augenbraue nach oben. Waltraude und der Sauhund verkniffen sich krampfhaft ein Grinsen.

„Lieber bleiben wir im Haus oder in deinem Garten. Aber bitte, schicke uns nicht noch einmal in den Wald“, bettelten die Lausbuben abermals. „Die Hexe, der Gnom und die Vampirfledermaus sind bestimmt auf der Suche nach uns, um sich an uns zu rächen.“

„Dann kann ich halt mein Zauberpulver nicht herstellen. Ohne dieses geht es nicht“, erwiderte die Elfe nachdenklich. Doch als sie die ängstlichen und bettelnden Blicke der Jungen sah, ließ sie sich scheinbar auf den Handel ein. „Na gut, es muss auch anders gehen. Wenn ihr mir helft, es durch Zaubersprüche zu ersetzen, könnte ich auch ohne Zauberpulver auskommen. Geht in die Schreibstube und lernt die Sprüche 98 bis 1065 auswendig. Die sind sehr wichtig für die Prozedur.“

„So viele?“ Die Jungen schauten erschrocken. Dazu würden sie Jahrhunderte benötigen.

„Entweder, oder“, tat Floriana streng.

Merowin und Arowin entschieden sich für entweder und verschwanden schnurstracks in der Stube. Kurz darauf hörten die zurückgebliebenen Verschwörer ein leises Murmeln.

 

„Ob die wirklich lernen? Ganz sicher bin ich mir nicht“, fragte der Sauhund skeptisch. Er traute dem Frieden nicht.

Waltraude schwebte zum Fenster und spähte vorsichtig ins Innere. Grinsend kam sie zurück und nickte. „Wie die Orgelpfeifen sitzen sie über dem Zauberbuch.“

„Mal sehen, wie lange sie so brav sind“, sagte Floriana nachdenklich.

„Dann schicke sie in den Nachbarwald. Ich habe von einer Trollgrube gehört, die es dort geben soll. Die Trolle werden arg böse, wenn sie Eindringlinge in ihrem angestammten Gebiet entdecken“, riet der Sauhund. „Die werden denen schon die Leviten lesen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht.“

„Wenn das geschieht, lasse ich mich auch auf eine Wette ein“, meinte Waltraude und schlug dem Sauhund zur Unterstützung ihrer Worte ihren Feenstab auf die Nase. Der Sauhund ließ es sich gefallen und lachte nur darüber. Floriana erging es nicht anders.

 

 

© Salika von Wolfshausen / 09.05.2019