Der magische Stein


Ich war dabei, meine Hausarbeiten zu erledigen. Die Küche und auch das Bad hatten es wieder einmal bitter nötig, grundgereinigt zu werden. Nicht, dass Ihr denkt, ich sei eine nachlässige Hausfrau. Das bin ich keineswegs. Auch ich liebe es, wenn mein Haushalt in Schuss ist. An manchen Tagen ließ ich die ungeliebte Tätigkeit lieber links liegen und widmete mich dafür schöneren Dingen. Es gab aber auch Zeiten, da war ich vom Putzteufel besessen. Der kleine, miese Kerl piesackte mich dann, bis ich dem Drang nachgab, Putzeimer und Lappen hervorholte und durch die Hütte wuselte wie ein Derwisch. So brachte ich meinen Haushalt schneller auf Vordermann, als wenn ich mich dazu zwang, der unangenehmen Beschäftigung nachzugehen.  

 

Gerade war ich in der Küche und wischte die Schränke aus. Um mich herum stapelte sich das Geschirr, das ich ausgeräumt hatte. Das wollte ich später noch spülen, ehe ich es in die Schränke zurück räumte. Während ich putzte, summte ich vor mich hin. Singen hätte ich auch können, doch ich wollte die verwöhnten Ohren meines Sauhunds lieber nicht zu sehr mit meiner arg kratzigen Singstimme strapazieren. Außerdem hörte er jeden falschen Ton. Also summte ich lieber eine lustige Melodie und hing  meinen Gedanken nach. Da fiel mir ein, über was wir uns letztens unterhalten hatten, als er wie aus heiterem Himmel verschwunden war und genau so unverhofft wieder auftauchte.

 

„Es wird Zeit, dass du dein Versprechen einhältst“, sagte ich wie nebenher zum Sauhund, der eben in die Küche kam, um den Geräuschen, die ich machte, auf den Grund zu gehen. Das Grinsen, das auf seinem Gesicht lag, verging ihm. Wahrscheinlich wollte er sich wieder einmal über meine falschen Töne lustig machen.

 

Der Sauhund schaute mich mit großen Augen an und schien zu überlegen. Ehe er das Wort ergreifen konnte, sprach ich weiter: „Du hast letztens zu mir gesagt, du würdest mir den magischen Stein im Wald zeigen.“

 

„Welchen Stein?“, fragte er, immer noch unwissend tuend.

 

„Stell dich nicht dämlicher an als du bist“, erwiderte ich lachend. „Erinnere dich mal. Letztens, als du plötzlich verschwunden warst und mir dann einen Bären aufbinden wolltest, du wärst als Hofnarr bei Queen Victoria gewesen“, half ich ihm ein wenig auf die Sprünge. „Du wolltest mir den Stein zeigen, mit dessen Hilfe du zurück in die Zeit der Königin gereist bist. Wir wollten gemeinsam versuchen, dorthin zu kommen. Oder war das etwa gelogen?“

 

Der Sauhund schien nochmals zu überlegen. „Ach, jetzt fällt es mir ein“, rief er und schlug sich an die Stirn, dass seine Brille verrutschte und auf der Nasenspitze hängenblieb. „Das war nicht geflunkert. Ich wurde wirklich mit dem Hofnarren verwechselt, was mir, wie du weißt, nicht gerade gut bekam. Ich und ein Hofnarr! Dass ich nicht lache.“

 

„Na endlich klingelt es bei dir!“ Es kam mir langsam vor, als würde mein Sauhund senil werden. Ich wusste aber, er tat nur so. Immer wenn ich von ihm etwas wollte, was ihm nicht so behagte, wandte er diesen Trick an. Aber nicht mit mir. Adlerauge sei wachsam! „Ich sollte dir wohl doch mal Streichhölzer und ein paar Kerzen schenken. Damit hast du hoffentlich mal eher einen Lichtblick und ich armes Ding muss nicht ständig betteln“, frotzelte und grinste schelmisch über seinen bedepperten Gesichtsausdruck.

 

„Weib! Reize mich nicht bis zur Weißglut“, tat der Sauhund beleidigt und drohte mir scherzhaft Prügel an.

 

Ich schaute ihn aber so provokativ an, dass er lachen musste. „Dazu musst du mich erst einmal kriegen“, foppte ich ihn weiter. Kaum waren die Worte ausgesprochen, musste ich auch schon die Flucht ergreifen. Ich kannte seine Kitzelfinger gut genug. Vor denen musste ich flüchten, wollte ich nicht in Gefahr laufen, vor Lachen in die Hose zu machen. Doch mein Ungeheuer war dieses Mal schneller als ich. Gerade wollte ich ihm die Schlafzimmertür vor der Nase zuknallen, stürmte er schon herein und warf sich auf mich. Ich verlor die Balance und fiel rücklings aufs Bett. Der Sauhund landete auf mir.

 

„Weib!“, knurrte er. Dabei funkelte der Schalk in seinen Augen. Die wilde Hatz schien ihn etwas aufgeregt zu haben. Seinen Einen wohl auch, denn der pochte zaghaft bei mir an. Sauhund begann mit seinem Schnüffelrüssel an meinem Hals zu schnüffeln. Er wusste, das macht mich wild.

 

Strampelnd wehrte ich mich. Zu solchen Spielchen war ich gerade nicht aufgelegt. Ich wollte zu Queen Victoria und zwar bald. Das war mir grad lieber, als auf seine Schnüffelschnauzenspielchen einzugehen.

 

Wir rangelten auf dem Bett und kamen dabei mächtig außer Atem. Das Glück war mir hold. Sauhund kam auf dem Rücken zu liegen. Ich warf mich mit meiner sexuell erhöhten Schwungmasse auf ihn und plättete ihn regelrecht. Gequält stöhnte er auf.

 

„Gnade, holde Dame, Gnade“, winselte er herzerweichend und streckte alle Viere von sich.

 

„Nur wenn du mir den magischen Stein zeigst und mit mir zu Victoria reist. Ich muss sie unbedingt kennenlernen.“ Das war meine Bedingung. „Versprich es mir“, zischte ich meinen Liebsten an.

 

„Ich verspreche bei allem, was mir hoch und heilig ist“, gab er klein bei.

 

„Na, viel kann das ja nicht sein, so schnell wie du aufgegeben hast“, meinte ich lapidar, während ich meine Kleidung wieder in Ordnung brachte. So wie ich es ausgesprochen hatte, tat es mir auch gleich leid. So krass sollte das gar nicht rüberkommen.

 

„Überlege dir, was du sagst!“, knurrte mich der Sauhund an. „Sonst kannst du es vergessen, dass ich dir den Stein zeige.“ Er war arg sauer auf mich.

 

„Es tut mir leid“, versuchte ich mich zu entschuldigen.

 

„Schon gut“, sagte er zu mir. „Du musst bedenken, so eine Zeitreise ist nicht ohne Gefahr.“

 

„Sag mir einfach alles, was ich beachten muss. Ich verspreche, mich genau daran zu halten.“

 

„Das will ich auch hoffen“, erwiderte der Sauhund. Er schien sich ein wenig beruhigt zu haben. Die Nerven lagen wohl etwas blank in Anbetracht dessen, was wir vorhatten. Wir setzten uns im Wohnzimmer in die Essecke, wo wir alles genau besprachen.

 

Die Zeit schien still zu stehen und gar nicht zu vergehen. Mein Sauhund hatte versprochen, in zwei Tagen aufzubrechen. In der Nacht vor unserer Zeitreise konnte ich vor Aufregung nicht schlafen. Mit meiner Unruhe steckte ich den Sauhund an. Da wir beide putzmunter waren und an Schlaf nicht mehr zu denken war, sprachen wir nochmals alles durch.

 

„Ich werde wohl dort landen, wo ich mich zuletzt in dieser Epoche aufgehalten habe“, erklärte er mir.

 

„Aber das war im Kerker!“ Ich erschrak gewaltig. Ich stellte mir dieses finstere Loch vor, in dem der Sauhund festsitzen sollte.

 

„Genau“, erwiderte mein Liebster. „Schaue als erstes dort nach ob ich auch wirklich da gelandet bin. Sollte ich es nicht so sein, suche den Stein und kehre hierher zurück.“ Er gab mir ein Blatt Papier, wo er die Lage des magischen Steins in der viktorianischen Zeit aufgezeichnet hatte.

 

„Ich kann dich doch nicht einfach zurücklassen“, wehrte ich ab.

 

„Doch! Das kannst und musst du sogar“, entgegnete er. „Im Gegensatz zu mir bist du dort in Gefahr. Ich kann mich gut und gerne als irgendein Gaukler ausgeben, wenn ich es geschafft habe, aus dem Kerker zu entfliehen. Du aber hast keinerlei Kenntnisse über diese Zeit, die weitaus gefährlicher ist als du es dir vorstellen kannst. Ich habe da gelebt und weiß, was Sache ist. Frauen haben keinerlei Rechte, vor allem, wenn sie niedrigen Standes sind. Jeder kann mit ihnen tun und lassen, was er will, ohne bestraft zu werden. Ich mag gar nicht dran denken, dir könnte etwas Schlimmes angetan werden. Versprich mir, nicht Unüberlegtes zu tun und den Stein zu suchen, wenn du es musst.“

 

Mir wurde angst und bange bei Sauhunds Ausführungen. Obwohl ich mich als geschichtlich gebildet hielt, hatte ich die Gefahren für eine Frau nicht bedacht. So versprach ich ihm, mich so zu verhalten, wie er es von mir verlangte.

 

„Ich habe aber noch eine Frage“, sagte ich dann.

 

Der Sauhund sah mich neugierig an.

 

„Wie komme ich in den Kerker?“, wollte ich wissen.

 

„Du wirst wohl, genau wie ich damals, in der Blumenrabatte landen, oder auch nur in deren Nähe. Dort muss auch der Stein sein, sonst wäre ich nicht dort angekommen. Er muss recht unscheinbar sein, damit er nicht auffällt. Gehe einfach von dort aus zum Palast und frage dich durch. Man müsste eigentlich auch von außen in den Kerker gelangen. Ich kenne den Weg nur im Inneren. Lass dir was einfallen, warum du gerade dorthin willst. Du musst die Wärter bestechen. Für Geld bekommt man dort alles.“

 

„Ich habe aber gar kein Geld, das zu dieser Zeit passt“, erwiderte ich.

 

Der Sauhund grinste und griff in seine Hosentasche. „Hier, das müsste genügen“, meinte er, als er mir die Münzen reichte.

 

Während wir noch wichtige Dinge besprachen, brach die Dämmerung an. Die Vögel sangen ihr Morgenlied und weckten damit die Bewohner des Zauberwaldes. Es wurde rege im Wald. Mir schien es, als würden alle gegen unser Vorhaben aufbegehren. Doch wir waren uns einig. Wir wollten zurück in die Zeit reisen. Ich wusste, der Sauhund tat es ungern, schon der Gefahren wegen. Aber mir zuliebe nahm er es nochmals in Kauf, im Kerker zu landen, wo auch ihm Schlimmes widerfahren konnte. An mein Befinden dort mochte ich nicht denken.

 

Wir nahmen noch ein opulentes Frühstück ein. Danach stellte ich ein kleines Bündel mit Lebensmitteln zusammen. Das Geld steckte ich in die kleine Innentasche, die ich in meinen Rocksaum genäht hatte. Auch das Papier mit der Wegbeschreibung packte ich ein. Alles war bereit zum Aufbruch. Der Sauhund verschloss unser Häuschen und legte den Schlüssel unter die Fußmatte. Hier im Zauberwald musste man sich nicht vor Einbrechern oder Dieben fürchten. Die Magie des Waldes hielt sie fern und schützte deren Bewohner. Dann machten wir uns auf den Weg zum magischen Stein.

 

Ich sah den Stein schon eher als der Sauhund. Er hatte ihn so gut beschrieben, dass ich ihn sofort erkannte. Vielleicht hatte mich seine Magie schon in den Fängen, ohne dass ich es bemerkte. „Da ist er“, machte ich meinen Liebsten auf den Stein aufmerksam. Wie ein stiller Riese stand er im Licht der Morgensonne und strahlte. Wie magisch zog er uns an. Auch wenn wir es gewollt hätten, eine Umkehr war unmöglich. Die Magie, die von ihm ausging, konnten wir in jeder Faser unseres Körpers spüren. In mir kribbelte es, wie kleine elektrische Stromstöße fühlte es sich an. Ich hörte Geräusche, die ich vorher noch nie wahrgenommen hatte.

 

„Das ist die Magie des Steins, die auf dich wirkt“, erklärte mir der Sauhund. „Ich spüre sie auch, aber weitaus mehr als du.“

 

„Warum ist das so?“, fragte ich ihn.

 

„Ich bin ein magisches Wesen. Die Hexe, die mich vor Jahrhunderten verzaubert hat, ist daran schuld. Daher spüre ich den Stein auch intensiver als du.“

 

Darauf nickte ich nur. Ich war zu aufgeregt, um noch weiter sprechen zu können.

 

„Bist du bereit?“, brachte ich, nachdem ich mich an die Magie gewöhnt hatte, heraus.

 

„Ich bin bereit“, antwortete der Sauhund. „Denke immer an das, was ich dir gesagt habe. Findest du mich nicht, musst du so schnell wie möglich zurück in unsere Zeit.“

 

Ich schluckte schwer. Erneut wurden mir die Gefahren, denen ich in der Vergangenheit ausgesetzt sein könnte, bewusst. Doch einen Rückzieher wollte ich trotzdem nicht machen. „Ich werde mich daran halten“, versprach ich ein letztes Mal.

 

Hand in Hand traten wir näher an den geheimnisvollen Stein heran. Das Summen wurde lauter, auch das Kribbeln in meinem Bauch verstärkte sich. Wir schauten uns ein letztes Mal in die Augen. Dann legten wir unsere Handflächen auf die silbrig glänzende Oberfläche des magischen Steins.

 

 

© by Salika von Wolfshausen / 22.03.2019