Salika und die Queen


Mir kam es vor, als würde ich durch einen Strudel gerissen. Alles um mich herum verschwamm. Es drehte und schaukelte. Mir wurde sogar ein wenig übel. So sehr ich mich auch anstrengte, meine Sicht war behindert. Plötzlich sah ich wieder klar. Ich fand ich mich in einer unbekannten Umgebung wieder. Verwirrt rieb ich mir die Augen. Wo befand ich mich und wo war mein Sauhund? Gerade eben stand er noch neben mir. Ich erinnerte mich, wir hatten vor dem magischen Stein Aufstellung genommen und berührten ihn mit unseren Handflächen. Wir wollten versuchen, mithilfe dessen zurück in die viktorianische Zeit zu reisen. Eigentlich glaubte ich nicht an solchen Humbug. Aber die Erzählung meines Liebsten klang so echt, dass ich daran glauben musste.

 

Vorsichtig erhob ich mich. „Krönchen richten, Salika“, sagte ich zur mir selbst und ordnete meine etwas durcheinander geratene Kleidung. Alles gut? Ich wusste es nicht, noch nicht. Das würde ich hoffentlich bald herausfinden.

 

Zuerst musste ich aufklären, ob der Sauhund und ich auch gemeinsam in der richtigen Zeit gelandet waren. Ich hoffte es, denn Queen Victoria interessierte mich schon sehr. Das Einzige, was ich über sie wusste, dass sie sehr lange Witwe war und bis zu ihrem Tod ungemein darunter gelitten hat. Ihr Gatte war frühzeitig von ihr gegangen. Andere Männer interessierten sie nicht. So lebte sie recht abgeschieden, man kann schon einsam sagen, in ihrem Palast. Sie verfolgte zwar ihre Regierungsgeschäfte, aber ansonsten hielt sie sich sehr bedeckt.

 

Ich schaute mich um und entdeckte eben diesen prunkvollen Palast, wie der Sauhund ihn mir beschrieben hatte. Zielstrebig machte ich mich auf den Weg. Neugierig schaute ich mich um und bestaunte die schönen Blumenrabatten, die den sorgfältig gepflegten Kiesweg säumten. Meine Aufregung konnte ich trotzdem kaum noch unterdrücken. Doch ich riss mich zusammen. Es sollte nicht gleich auffallen, dass ich gar nicht in diese Zeit passte. So näherte ich mich eiligen Schrittes dem Palast.

 

Die Wachen ließen mich eintreten, ohne groß auf mich zu achten. Das fand ich recht eigenartig. Ich hatte erwartet, aufgehalten und nach meinem Begehr gefragt zu werden. „Glück gehabt“, dachte ich mir, als ich zwischen ihnen hindurch schlüpfte und den Vorsaal betrat.

 

Scheu blickte ich mich um. Der Prunk erschlug mich beinahe. Obwohl es recht zugig und wohl kaum ein Fenster dicht war, schienen die satten Farben der Wände und Böden eine wohlige Wärme auszustrahlen. Ich kam ins Schwitzen, als ich mir vorstellte, wie groß das Gebäude sein musste. Wie sollte ich da den Sauhund finden?  Ein wenig verlassen kam ich mir vor, während ich orientierungslos mitten im Eingangsbereich stand und nicht wusste, wohin ich mich nun wenden sollte. Es war niemand zu sehen. Es schien, als wäre der Palast unbewohnt, so still war es. Gab es hier gar keine Bediensteten? Aus Angst, als Betrügerin entlarvt zu werden, wagte ich es nicht einmal, die Wachen vor der Tür zu fragen.

 

„Mädchen, da bist du ja endlich! Die Königin hat schon nach dir gefragt. Majestät braucht Hilfe beim Ankleiden“, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir.

 

Von mir unbemerkt hatte sich ein Diener genähert. Ich blickte mich um und sah einen hochgewachsenen jungen Mann in einer schmucken Uniform am Fuße der Treppe stehen. Er schaute mich auffordernd an.

 

„Nicht schlecht, Herr Specht“, dachte ich mir, „wenn das mal kein Sahneschnittchen ist. Das hätte ich nicht erwartet.“ Meine Gedanken schwirrten ins Unsittliche ab. Am liebsten hätte ich ihn angebaggert, was das Zeugs hielt. Doch das verbot ich mir lieber. Ich war nicht hierhergekommen, um jungen Dienern den Kopf zu verdrehen oder schöne Augen zu machen, sondern um Queen Victoria kennenzulernen und zu guter Letzt auch noch den Aufenthaltsort meines Liebsten zu erkunden. Eigentlich sollte ich das laut Absprache gleich als erstes tun, aber das war gerade unmöglich und musste notgedrungen warten. „Wo finde ich Ihre Majestät“, fragte ich.

 

„In ihrem Ankleidezimmer“, antwortete der schmucke Diener. „Folge mir.“

 

Erleichtert atmete ich auf. Eine Sorge weniger. In diesem riesigen Palast hätte ich bestimmt Stunden gebraucht, um das Ankleidezimmer der Königin zu finden. Nur hatte ich immer noch ein Problem: Wo war der Sauhund? Weder draußen, noch im Eingangsbereich hatte ich bisher seine grüne Lockentolle leuchten sehen. Sollte er nicht im Kerker sein, sondern sich irgendwo hier vor dem Palast herumtreiben, wäre er mir garantiert schon aufgefallen. Einen Hoffnungsschimmer hatte ich noch. Er erzählte mir, er wäre Hofnarr bei der Queen gewesen. Vielleicht war er schon dort und ich machte mir umsonst Sorgen.

 

Meine Gedankengänge wurden unterbrochen. „Wir sind am Ziel angekommen“, verkündete der schmucke Diener und hielt mir eine Tür auf.

 

Züchtig den Blick gesenkt, dankte ich ihm für seine Begleitung, wagte mich aber nicht, einzutreten.

 

„Ihre Majestät wartet“, mahnte er mich zur Eile und verschwand genauso lautlos wie er aufgetaucht war.

 

„Da bist du ja endlich! Wo hast du nur wieder herumgelungert? Es ist schlimm mit dir“, hörte ich die Stimme einer etwas älteren Dame. Sie stand im Morgenmantel am Fenster und blickte in meine Richtung. Ich erkannte Queen Victoria, deren Konterfei ich bereits bei meinen Recherchen im Internet gefunden hatte.

 

Ich erinnerte mich gerade noch daran, einen tiefen Hofknicks zu machen, um nicht gänzlich in Ungnade zu fallen. „Entschuldigt, Eure Majestät. Ich habe wohl ein wenig getrödelt“, erwiderte ich und wurde prompt rot. Trotzdem schaute ich sie interessiert an. Sie war eine sehr imposante Person mit alternden Gesichtszügen. Hoheitsvoll blickte sie auf mich nieder.

 

„Das kann man wohl sagen, mein Kind! Dann sei das nächste Mal zuverlässiger. Ich mag keine faulen Dienstboten“, tadelte sie mich noch einmal. „Bring mir die graue Robe, die ich heute tragen möchte“, befahl sie mir dann.

 

Auf gut Glück öffnete ich eine der Türen, hinter der ich das Garderobezimmer der Majestät vermutete. Doch ich landete nur in einem Raum, in dessen Mitte ein riesiger Tisch stand, auf dem sich Unmengen von Papier stapelte.

 

„Mädchen, wo bist du heute mit deinen Gedanken!“, tadelte mich die Königin erneut. Sie zeigte auf die Tür daneben. Empört schaute sie mich an. Ihr Blick war zornig.

 

Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. „Entschuldigung“, flüsterte ich verstört und ging zur gezeigten Tür, hinter der sich nun tatsächlich der Raum mit der Garderobe der Königin befand. Schnellsten befolgte ich ihrem Befehl und suchte das Gewünschte heraus. Ich hatte meine Mühe und Not, Victoria in ihre Kleidung zu helfen. Schon das Korsett stellte für mich eine riesige Herausforderung dar. Die vielen Haken und Ösen brachten mich beinahe an den Rand der Verzweiflung. Hätte ich mich nur vorher kundig gemacht, wie man so etwas handhabt. Aber wer nahm schon an, einer Königin beim Ankleiden helfen zu müssen. Ich garantiert nicht. Doch als ich es geschafft hatte und die Königin mich sogar lobte, war ich richtig stolz auf mich.

 

„Nun, meine Liebe“, sagte Ihre Majestät später zu mir. „Ich habe heute keine Regierungsgeschäfte zu erledigen. Es ist ja Sonntag. Daher werden wir uns heute einen schönen Tag machen und uns verwöhnen lassen.“ Sie schien in Plauderlaune zu sein.

 

Sonntag? Fast hätte ich erschrocken aufgeschrien. Sauhund und ich waren an einem Mittwoch zum magischen Stein gegangen. Wie konnte heute schon Sonntag sein? Ich musste den Sauhund finden und das auch noch schnell. Nicht auszudenken, wenn einer von uns hier festsitzen würde und wir uns nie wiederfanden. Das musste ich unbedingt verhindern.

 

„Du bist so blass. Ist dir nicht gut?“, fragte die Königin plötzlich besorgt, als ich mich taumelnd an einem Stuhl festhalten musste. Alles um mich herum schien sich zu drehen wie auf einem Karussell.

 

„Nein, nein. Ich bin nur etwas hungrig und durstig“, versuchte ich mich herauszureden und schluckte tapfer die aufkommenden Tränen hinunter. Ich durfte mir nichts anmerken lassen.

 

„Ach, Kindchen“, rief Victoria aus. „Sag doch was. Du hast heute garantiert noch gar nichts gegessen. Mein Frühstück ist reichlich genug für zwei. Setz dich her zu mir.“ Sie klopfte auf die Sitzfläche des neben ihr stehenden Stuhls.

 

„Aber das ist nicht üblich“, wehrte ich ab.

 

„Papperlapapp. Keine Widerrede, Kindchen! Wie kann ich dich hungern lassen, während ich es mir gutgehen lasse“, befahl sie mich an den Tisch. Sie klatschte in die Hände. Wieder erschien wie ein Geist der schnuckelige Diener und fragte nach ihren Wünschen. „Bring ein zweites Gedeck, meine Zofe wird mit mir speisen.“ Sie scheuchte den Diener in die Küche, damit er schnell das Gewünschte brachte.

 

Nachdem ich reichlich gesättigt war, wollte ich mich erheben und darum bitten, meiner Arbeit nachgehen zu dürfen. Ich wusste zwar nicht, welche Aufgaben ich im Palast hatte, aber zumindest musste ich so tun als ob. Müßiggang war der Königin zuwider, hatte ich bereits bemerkt. Natürlich wunderte ich mich, dass die Monarchin mich einfach so hinnahm, als würde ich dazugehören. Vielleicht sah ich einer ihrer Dienerinnen auch nur sehr ähnlich, dass sie keinen Verdacht schöpfte. Aber das war nun mein geringstes Problem. Ich musste mich auf die Suche nach dem Sauhund machen. Dazu musste ich möglichst schnell hier weg.

 

„Du wirst heute meine Gesellschafterin sein“, verkündete Ihre Majestät freudestrahlend.

 

Ich sah meine Felle davonschwimmen. Der Sauhund und ich waren rettungslos verloren. „Ich…“, brachte ich nur zaghaft über die Lippen. Ich hatte Mühe, die Nerven zu behalten.

 

„Ja, du“, wurde mir kompromisslos mitgeteilt. „Ich habe für heute eine besondere Belustigung bestellt. Du siehst auch so aus, als könntest du ein wenig Aufmunterung vertragen. Du stehst da wie ein armer Tropf.“ Die Queen ergriff meine Hand und bedeutete mir, wieder Platz zu nehmen. „Du wirst ganz bestimmt wissen wollen, welche Belustigung ich bestellt habe.“

 

Darauf nickte ich nur zögerlich. Ich konnte auf keinen Fall sagen, es interessiere mich nicht. Es wäre eine Beleidigung der Majestät.

 

„Wir haben einen neuen Hofnarren. Ein ganz putziges Kerlchen ist das. So etwas hast du deinen Lebtag noch nicht gesehen“, ließ sie die Katze aus dem Sack. Sie lachte leise. „Vor allem sein Aussehen ist, nun ja… sehr eigenartig. Du wirst staunen!“

 

Hofnarr? Mein erster Gedanke war: das ist der Sauhund. Ich konnte mir niemand anderen vorstellen.

 

Da wurde auch schon an die Tür geklopft. Der schnuckelige Diener war wieder da. Im Schlepptau hatte er keinen anderen als den Sauhund. Mir fiel ein Stein vom Herzen, nein, das war schon ein riesiger Felsbrocken!

 

„Eure Majestät. Ihr habt nach dem Narren rufen lassen“, meldete der Diener und schob den Sauhund ins Zimmer.

 

„Oh ja, da ist er ja endlich. Er hat uns lange warten lassen. Wir sind schon ganz gespannt, was er uns heute zu bieten hat, nachdem er mich letztens so verärgert hatte, dass ich ihn zur Strafe ins Verlies sperren ließ“, sagte die Königin erfreut. „Nicht wahr, meine Liebe. Wir freuen uns sehr auf die Darbietung“, wandte sie sich an dann an mich, worauf ich nur zustimmend nickte.

 

Es wurden ein paar lustige Stunden. Ich vergaß sogar meine Sorge um den Sauhund. Bisher wusste ich noch gar nicht, welch künstlerisches Talent in meinem Liebsten schlummerte. Queen Victoria war begeistert und klatschte gerne Beifall.

 

Als der Sauhund endlich entlassen wurde, raunte er mir noch heimlich zu: „Um Mitternacht bei den Blumenrabatten am Ende des Kieswegs. Ich weiß, wo der magische Stein ist, der uns zurück nach Hause bringt.“ Etwas schöneres hätte ich jetzt gar nicht hören wollen.

 

 

© by Salika von Wolfshausen / 24.03.2019