Der Knappe und die Jungfer


Aufgebracht durchmaß Heribert von Weißenburg den Saal, in dem er sonst Gäste empfing. Der Ritter beachtete den am Boden knienden Knappen Konrad nicht. Der machte sich unter den Blicken seines Herrn so klein wie möglich, als könne er damit das Donnerwetter abwenden. Doch weitgefehlt. Ritter Heribert war erbost und musste überlegen, ehe er etwas Unbedachtes tat. Abrupt blieb er stehen. „Du wagst es also, um die Hand meiner Lieblingstochter Edelgunde anzuhalten“, fuhr er den schüchtern wirkenden jungen Mann an. „Du bist noch nicht einmal zum Ritter geschlagen worden, geschweige denn bist du der Erstgeborene eines Ritters!“

 

„In spätestens zwei Jahren werde ich die Schwertleite erhalten“, versuchte Konrad von Fraunsdorf seinen Schwiegervater in Spe zu beschwichtigen. Er nahm all seinen Mut zusammen, um weitersprechen zu können. „Außerdem, was tut es zur Sache, dass ich nicht der Erstgeborene meines Vaters bin. Hugo von Fraunsdorf ist ein ehrbarer Mann und kann auf eine lange Liste an Vorfahren hochwohlgeborenen Adels zurückblicken.“ Er war stolz auf seine Ahnen. Dies ließ er sich gerne anmerken. Wobei Stolz eine der Sünden war, die die Kleriker anprangerten. Doch dies interessierte Konrad nicht.

 

„Ha, alter Adel!“, erwiderte Heribert lachend. „Was nützt ein Adelstitel, wenn der Träger dessen arm wie eine Kirchenmaus ist?“

 

„Ich kann doch nichts dafür, dass mein Vater seinen ganzen Besitz im Turnier verloren hat und wir nun auf die Almosen des Erzbischofs angewiesen ist. Trotz angeblicher Armut ist er ein guter Gemahl für meine Frau Mutter.“ Konrad war erbost auf seinen Vater, der Schmach über die Familie von Fraunsdorf gebracht hatte. Der junge Mann war glücklich, dass Heribert ihn trotzdem als Knappe bei sich aufgenommen hatte und ihn nun zum Ritter ausbildete. „Außerdem liebe ich Eure Tochter Edelgunde von ganzem Herzen“, wagte Konrad noch zu sagen.

 

Ritter Heribert blieb wie vom Blitz getroffen stehen. „Das ist doch wohl die Höhe“, wetterte er los. Sein Gesicht lief vor Wut rot an. „Ich gebe meine Tochter doch nicht jedem Dahergelaufenen zum Weib!“

 

„So hört mich doch an“, bettelte Konrad. „Ist die Liebe zwischen zwei jungen Menschen nicht etwas Wundervolles und Gottgegebenes?“

 

„Ha! Liebe! Warum sollte die wichtig sein, wenn man durch eine Heirat zwei starke Familien verbinden kann und diese noch stärker gegen ihre Feinde macht?“, konterte Heribert. „Liebe hat in solch einer Vereinigung nichts zu suchen. Macht ist alles, was zählt! Letzteres besitzt die Familie von Fraunsdorf schon längst nicht mehr.“

 

Konrad wollte widersprechen. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Familienehre war alles, was ihm noch blieb. Doch der Burgherr schnitt ihm das Wort ab. „Geh mir jetzt aus den Augen“, herrschte er den Knappen an. „Du hast genug zu tun. Vergeude deine Zeit nicht mit Müßiggang, sonst muss ich andere Saiten aufziehen.“

 

Wie ein begossener Pudel schlich sich Konrad von dannen. Edelgunde ging ihm nicht aus dem Kopf. Er wollte sie zur Frau haben und sie ihn zum Manne. Sie mussten eine Lösung finden, komme was wolle. Klein bei geben wollte er nicht, nur über seine Leiche.

 

Vorsichtig schlich sich Edelgunde aus ihrer Kammer, in der sie ihr Vater nach einem Streit eingesperrt hatte. Konrad hatte es wirklich gewagt, um ihre Hand anzuhalten. Wie gerne wäre sie Konrads Weib. Eine Welle von Liebe durchflutete ihren Leib. Sie fühlte sich hingezogen zu dem Knappen, an den sie ihr Herz verloren hatte. Als er sich ihr endlich offenbarte, war sie das glücklichste Mädchen in der ganzen Umgebung. Sehr oft schlich sie sich nachts heimlich aus ihrer Kammer, nur um ihn nahe sein zu können. Tagsüber, wo sie ständig unter Beobachtung ihrer strengen Mutter und ihrer Zofe stand, war es zu gefährlich. Nicht auszudenken, wenn ihr Vater davon erführe. Er würde sie züchtigen und ihren Geliebten von dannen jagen wie einen räudigen Hund.

 

Ihr Vater hatte allerdings etwas ganz anderes mit ihr vor. Er wollte sie lieber mit einem viel älteren und mächtigeren Ritter vermählen. Er wurde ihr bereits vorgestellt. Mit Grausen erinnerte sie sich an das erste Treffen mit dem Mann. Sie hasste ihn vom ersten Augenblick an. Schon seine gierigen Blicke, die über ihren zarten, jungfräulichen Leib streiften, ließen sie vor Angst und Scham erzittern. Zum Glück war da Konrad, der ihr wohlgesonnen war. Sie pflegten eine innige Liebe zueinander. Wenn da nur ihr Vater nicht wäre.

 

„Da bist du ja endlich“, flüsterte Konrad erfreut, als Edelgunde den Wehrgang der Burg betrat. „Ich nahm schon an, du hast es dir anders überlegt und kommst gar nicht mehr.“ Zärtlich zog er das Mädchen in seine Arme und küsste es.

 

Edelgunde schmiegte sich an Konrads durch die vielen Kampfübungen mit den anderen Knappen gestählten Körper. Sie verspürte ein süßes Ziehen in ihrem Unterleib, das sich von dort aus in ihrem ganzen Körper verbreitete. „Ich musste mich erst vergewissern, dass meine Zofe tief und fest schläft. Mein Vater, dieser Grobian, hat Anna befohlen, mit Argusaugen über mich zu wachen. Ich soll in meiner Kammer bleiben, bis er mir erlaubt, sie zu verlassen.“ Leise schluchzend lehnte sich Edelgunde an Konrad.

 

„Hat er dich geschlagen?“, fragte er aufgebracht.

 

„Zum Glück nicht. Meine Mutter konnte ihn im letzten Moment davon abbringen. Sie mag zwar sehr streng sein, aber bisher hat sie sich immer für mich eingesetzt.“

 

„Wir müssen etwas tun“, sagte Konrad. „Dein Vater hat mich abgewiesen. Was aber noch sehr viel schlimmer war, er lachte mich aus, als wäre ich ein dummer Bauernjunge. Dabei bin ich von edlem Geblüt, genau wie er.“ Konrad fühlte sich in seiner Ehre gekränkt.

 

„Auch wenn du ein Bauernjunge wärst, würde ich dich lieben. Mir ist es egal, wer du bist, was du hast und woher du kommst. Ich will diesen alten Ritter Johann nicht heiraten. Ich hasse ihn, diesen geilen Bock.“ Sie erzählte, was bei ihrer ersten Begegnung geschehen war.

 

Konrad erschrak. Gerade Ritter Johann war ihm ein Dorn im Auge. Keine Magd war vor ihm sicher. Er sollte auch bereits ein paar Bastarde in die Welt gesetzt haben, um die er sich nicht kümmerte und deren Mütter er in Armut darben ließ. Das wurde natürlich verschleiert, damit kein Makel an dem ach so gottesfürchtigen Ritter Johann von Breitenbrunn hängen blieb. Dabei war er der größte Schürzenjäger der gesamten Grafschaft.

 

„Wir müssen fliehen“, sagte Konrad kampfesmutig. „Ich kann dich diesem alten Johann nicht ausliefern. Du würdest bei ihm verblassen und verdorren wie Weidegras in der sengenden Sonne.“

 

„Du meinst, wir sollten fliehen?“ Edelgunde riss erschrocken die Augen auf. Ihr Herz schlug vor Aufregung wie wild in ihrer Brust.

 

„Natürlich, meine Liebste. Ich bereite alles vor und dann bringe ich dich von hier weg. Warte auf mein Zeichen und sei vorsichtig. Nicht, dass du unser Vorhaben aus Versehen verrätst.“ Konrad war sich sicher, den richtigen Weg zu gehen.

 

8 Jahre später

 

„Ist es noch weit? Ich kann nicht mehr, meine Füße brennen ganz schlimm.“ Der vierjährige Knabe an Edelgundes Hand seufzte herzerweichend. Quengelnd und murrend folgte er seiner Mutter. Dabei wollte er viel lieber im Wald herumstreunen, anstatt diesen weiten Weg zu dieser ihm unbekannten Burg zu bewältigen. Seine Mutter aber hatte kein Erbarmen. Zielstrebig verfolgte sie ihren Weg.

 

„Wir sind bald da“, tröstete Edelgunde den Jungen. Wie gern hätte sie ihn getragen. Doch ihr Zustand ließ dies nicht mehr zu.

 

„Immer musst du jammern“, motzte Konrads ältere Schwester. „Schau dir unsere Mutter an. Sie hat sehr viel mehr Last zu tragen mit unserem ungeborenen Geschwisterchen im Bauch.“

 

„Adelheid! Konrad! Nun streitet euch nicht“, griff Edelgunde ein. „Nur noch diesen Weg hinauf. Dann haben wir es geschafft. Gehen wir nun weiter, damit wir nicht im Dunkeln hinauf müssen.“

 

„Wächter! Öffnet mir!“ Edelgunde klopfte forsch an die kleine Pforte neben dem großen Tor, das den Weg ins Innere der Burg freigab. Sie war froh, nach diesen Strapazen endlich am Ziel zu sein.

 

Nach einer Weile ging das kleine Guckfenster auf. Ein Gesicht mit wachsamen Augen wurde sichtbar. „Wer bist du und was willst du hier? Der Herr hat befohlen, nach Torschluss niemanden mehr einzulassen. Du musst zurück ins Dorf.“

 

Edelgunde erkannte die Stimme. Sie gehörte zu einem der Stallburschen. „Linhard, bist du das?“, fragte sie. „Erkennst du mich nicht?“

 

Die Wache wurde stutzig. „Woher weißt du meinen Namen?“, fragte Linhard misstrauisch.

 

„Ich bin es, die Edelgunde“, gab sich die Frau zu erkennen.

 

„Die Tochter des Burgherrn?“, wollte der Wächter wissen. Er kannte nur eine Person mit diesem Namen.

 

„Genau die! Bitte öffne die Pforte und lass mich ein. Ich bin zurück und bringe meine Kinder mit.“         

„Die Edelgunde ist tot“, behauptete der Mann.

 

„Wer sagt das?“

 

„Der Herr“, gab Linhard Auskunft.

 

„Ich bin nicht tot. Würde ich sonst hier sein und um Einlass begehren?“

 

Das war einleuchtend für Linhard. Er hatte auch Mitleid mit der Frau. Er konnte sie nicht einfach wegschicken. So öffnete er die Pforte und trat hinaus. Er hielt seine Laterne hoch und leuchtete in Edelgundes Gesicht. Vorher aber blickte er sich aufmerksam um. Er fürchtete, die Frau und die Kinder waren nur eine Ablenkung und wurden als Lockvögel geschickt. In letzter Zeit schlich eine Räuberbande im Wald umher und überfiel Reisende. Doch dann er erkannte die Tochter des Burgherrn. „Fräulein Edelgunde, Ihr seid es wirklich!“ Der Mann freute sich, dass die verloren gegangene Herrin zurückgekehrt war. Er strich den Kindern über die Köpfe und reichte Edelgunde zur Stütze seinen Arm.

 

„Was geht hier vor?“, donnerte die laute Stimme Ritter Heriberts über den Hof. Er hatte bemerkt, dass sich das Gesinde um eine Fremde versammelt hatte und erfreut auf sie einredete. Wie eine aufgescheuchte Hühnerschar stoben die Mägde und Knechte auseinander.

 

„Linhard! Wie lautet mein Befehl? Schick die Bettlerin mit ihren Bälgern weg! Wir geben keine Almosen!“, befahl er seinem Untergebenen, erbost über dessen Befehlsverweigerung.

 

„Aber Herr! Die Frau ist keine Bettlerin. Es ist Eure Tochter Edelgunde mit ihren Kindern, Euren Enkeln“, warf der Knecht mutig ein.

 

„Ich habe keine Tochter mehr“, behauptete Heribert störrisch.

 

„Vater, ich bin es wirklich“, sagte Edelgunde und trat aus der Menge hervor. Sie erkannte, er war sehr gealtert, doch dies hatte seinem Auftreten keinen Abbruch getan.

 

Plötzlich ertönte ein Schrei. Edelgundes Mutter Agatha kam aus dem Palas gerannt. Vom Fenster ihrer Kammer aus hatte sie gesehen, wer den Aufruhr im Burghof ausgelöst hatte. „Meine Tochter, bist du es wirklich“, rief sie erfreut. Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie schluchzte herzerweichend. „Deine Kinder hast du auch mitgebracht.“ Sie sah sich um. „Wo ist Konrad?“

 

„Konrad ist tot“, erwiderte Edelgunde voller Trauer.

 

„Oh nein“, seufzte Agatha. „Und das in deinem Zustand. Was ist passiert?“

 

„Wir wurden auf dem Weg hierher überfallen. Dabei verlor mein Konrad sein Leben, um unseres zu retten.“ Edelgunde schniefte, als sie an ihren Gatten denken musste, den sie mit ihren Kindern in der Stille des Waldes begraben musste. „Nun sind wir hier und bitten um Asyl.“

 

„Heribert, gibt deinem Herzen einen Stoß. Edelgunde ist auch deine Tochter. Sie ist in Not. Wir müssen helfen.“ Agatha sah ihren Gemahl bittend an.

 

„Meinetwegen kann sie bleiben“, brachte er endlich brummend hervor. „Wir sprechen uns noch“, murmelte er dann in Edelgundes Richtung und ließ Frau, Tochter und Enkelkinder einfach stehen.

 

© by Brida Baardwijk / 03.04.2019