Die Kaufmannstochter und der Gewandschneider

 

Geschrieben für einen Erotik-Schreibwettbewerb in der Bookrix-Gruppe

„Erotik-Schreibwettbewerbe“ zum Thema „Feuerwerk der Gefühle“


© by Brida Baardwijk aka sunny768

Anmerkung: Außer dem Markgrafen von Meißen, Albrecht I. aus dem Hause der Wettiner, auch Albrecht der Stolze genannt, der von 1190 bis 1195 Markgraf war, sind alle Personen reine Fantasie. Die Berggasse und Frauengasse, sowie den Brühl gibt es im heutigen Altenburg wirklich. Der Brühl war im 12. Jahrhundert bereits Marktplatz. Ob es damals die Berg- und Frauengasse schon gab, ist mir unbekannt.

Altenburg, im Spätherbst anno 1193

Der Andrang auf dem Wochenmarkt war trotz Nieselregen dieses Mal sehr groß. Es gab kaum eine Möglichkeit, den in der Menschenmenge entgegenkommenden Passanten auszuweichen. Es wurde geschubst und gedrängelt. Jeder war sich selbst der Nächste. Schulter an Schulter schoben sich die Leute in den Gassen zwischen den Marktständen, an denen die Händler ihre Waren feilboten. So geschah es, dass Wenzel, der sich ganz in Gedanken versunken durch die Menge zwängte, die Kaufmannstochter Engelin fast umstieß.

„So passt doch auf! Ihr seid wahrhaftig ein Tölpel!“, schimpfte Engelin, als sie von hinten einen Stoß in den Rücken bekam und beinahe zu Boden ging. Ihre Magd Melisande konnte sie gerade noch auffangen, sonst wäre sie im Matsch gelandet. Der andauernde Nieselregen hatte Straßen, Gassen und Plätze in Schlammwüsten verwandelt. Dies auch noch an einem Markttag, an dem sich die Bürger der Stadt auf dem großen Platz am Brühl tummelten und Wocheneinkäufe tätigten.

Engelin strich sich die Schürze des Gewandes glatt und richtete die Haube, die ihren dicken Zopf kaum bändigen konnte. Da sie noch nicht verheiratet war, durfte sie ihr Haar eigentlich offen tragen. Doch um es vor der Nässe zu schützen, zog sie es heute vor, es zu einem langen Zopf gebunden zu tragen und mit einer Haube zu bedecken. Als sie ihre Kleidung wieder gerichtet hatte, blickte sie hoch und sah direkt in die Augen eines hochgewachsenen, schlanken Jünglings mit blondem Haar und strahlend blauen Augen. Dieser Anblick brachte sie sofort in Verzückung.

„Entschuldigt vielmals, werte Dame, das wollte ich nicht“, stotterte der Unbekannte, dem es offensichtlich sehr peinlich war, die junge Frau angestoßen zu haben. Sein Gesicht rötete sich vor Scham. Trotzdem schaute er nicht verlegen zu Boden, sondern sah sie eher interessiert an. Die zarten Züge, die gerade Nase, der volle Mund mit den sinnlichen Lippen und die hohe, edel wirkende Stirn faszinierten ihn. Vor allem ihre grünen Katzenaugen, die leuchteten wie zwei Sterne am Firmament, verzauberten ihn.

„Was starrt Ihr mich so an wie ein Depp?“, zeterte Engelin weiter. Sie wusste, ihr Benehmen war keinesfalls die beste Kinderstube, vor allem auch, da sich der Fremde so herzlich bei ihr entschuldigt hatte. Sein Bedauern klang aufrichtig, das spürte sie.

Der Jüngling ließ sich von ihrem Geschimpfe nicht beeindrucken, sondern schaute ihr weiterhin offen in die Augen. Er schien von ihr beeindruckt zu sein, warum auch immer. „Entschuldigt nochmals“, verkündete er noch einmal seine Reue und verbeugte sich galant, ohne auf die Menschen um sie herum zu achten. „Wenn ich Euch behilflich sein kann?“ Er reichte ihr seine Hand, um sie aus der Menge führen zu können.

Engelin war beeindruckt. Noch nie war ein Mann, auch noch ein ihr unbekannter, so höflich und zuvorkommend zu ihr gewesen. Auch sie begutachtete ihn unverhohlen. Er war nur wenig größer als sie selbst, schlank, mit einem aristokratischen Gesicht, aus denen blaue Augen sie offen anschauten.

Dieser Unbekannte schien ganz anders zu sein, als alle anderen Männer, die sie bisher kennengelernt hatte oder musste, da ihr Vater bereits seit geraumer Zeit einen Ehemann für sie suchte. Die meisten verließen fluchtartig das Terrain, wenn sie wie ein Waschweib anfing zu schimpfen. Sie wusste, es war keine gute Art, die sie da an sich hatte. Diese war wohl auch ein großes Hindernis, einen geeigneten Ehemann zu finden. Da nützte auch die hohe Mitgift nichts, die ihr Vater, ein angesehener Kaufmann in der Stadt, den potentiellen Gatten bot. Sie würde wohl eine ewige Jungfer bleiben, wenn sie so weiter machte. Doch das war ihr egal, sie wollte sich nicht verbiegen und in eine Schablone stecken lassen. Sie wollte keine Ehefrau zum Vorzeigen und ohne eigene Meinung sein, die nur sprach, wenn sie gefragt wurde und ansonsten nur zum Kinder gebären und zur Zierde da sein sollte.

Interessiert begutachtete Engelin ihren Begleiter. Adrett sah der Bursche auch noch aus, musste sie unverhohlen feststellen. Obwohl seine Kleidung nicht die teuerste war, sah man ihr das Können des Schneiders, der sie gefertigt hatte, sehr wohl an. Auch das Benehmen ihres Gegenübers zeugte von einer sehr guten Erziehung.

„Da hinten ist eine Bank. Dort könnt Ihr Euch ausruhen“, sagte der junge Mann, als sie es endlich geschafft hatten, aus dem Gewirr der Menge zu entkommen.

„Das tut wirklich not“, erwiderte Engelin, ein wenig wehleidig tuend. „Meine Füße schmerzen bereits vom vielen Laufen.“ Sie schaute sich um, ob Melisande ihnen gefolgt war. Zum Glück hielt sich ihre Magd immer an ihrer Nähe, wenn sie von ihrer Mutter zum Markt geschickt wurde. So auch jetzt. Sie erblickte das Mädchen nur wenige Schritte hinter sich, den Korb mit den Einkäufen an ihrer Seite und sie interessiert beobachtend.

„Melisande, kommst du“, rief sie ihrer Magd zu, die zu den beiden aufschließen sollte. Die Herbeigerufene kam sofort an ihre Seite.

„Meine Magd wird mit uns gehen, wenn Ihr nichts dagegen habt. Es geziemt sich nicht für eine junge Dame von Stand sich von fremden Männern begleiten zu lassen. Damit kommt man ganz schnell in schlechtes Gerede.“ In Wirklichkeit war es Engelin egal, was die Leute von ihr dachten und über sie erzählten. Der Fremde gefiel ihr sehr. Sie verspürte ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Ungebührliche Gedanken verirrten sich in ihren Kopf und ließen sie zart erröten.

Wenzel sah Engelin belustigt an. Was sich geziemte und was nicht, war ihm noch mehr egal. Das Mädchen gefiel ihm. Wer sie wohl war? Er musste es unbedingt herausfinden. Sie schien ihm gegenüber aufgeschlossen zu sein. Ein Vorteil, den er sich zu Nutzen machen sollte, wenn er sie für sich gewinnen wollte. Er musste sie unbedingt wieder sehen.

An der Bank angekommen, wischte Wenzel mit seinem Taschentuch über die Sitzfläche, damit Engelin Platz nehmen konnte, ohne sich ihr Kleid zu beschmutzen.

„Nach Ihnen, werte Jungfer“, bot Wenzel dem Mädchen an, sich zu setzen. Auch Melisande gegenüber benahm er sich wie ein Mann von edlem Geblüt, was diese genau wie ihrer Herrin die Röte in die Wangen schießen ließ. Erst als beide Damen saßen, ließ er sich nieder.

„Woher kommt Ihr? Ich sah Euch noch nie in der Stadt. Seid Ihr neu hier?“, fragte Engelin, neugierig wie sie war. Sie hasste es, in Gesellschaft zu schweigen. Viel lieber unterhielt sie sich mit ihrem Gegenüber.

„Ihr habt recht. Ich bin erst heute angekommen. Die Mark Meißen, genauer gesagt, die Burg Meißen ist meine Heimat. Dort bin ich aufgewachsen“, erwiderte Wenzel ohne zu zögern. Er hatte nichts zu verbergen.

„Warum seid Ihr nach Altenburg gekommen?“, wollte das Mädchen nun auch noch wissen.

„Ach, wisst Ihr. Das ist eine sehr lange Geschichte.“ Wenzels Blick wurde traurig, was Engelin sofort bemerkte.

„Erzählt doch einfach. Ich merke doch, dass Euch etwas bedrückt“, forderte sie den jungen Mann auf. „Reden hilft manchmal“, tat sie ein wenig schulmeisterhaft.

„Ich möchte Euch auf keinen Fall langweilen.“

„Papperlapapp! Ihr langweilt mich nicht!“, schimpfte Engelin diesmal scherzhaft und drohte mit dem Finger.

„Na gut, wie Ihr wollt“, gab sich Wenzel geschlagen. „Mein Vater war Hofschneider auf der Burg Meißen. Als ich alt genug war, nahm er mich in die Lehre. Eigentlich sollte ich zu einem anderen Schneider in der Stadt und dort das Handwerk von der Pike auf lernen. Es war schon alles ausgemacht. Doch unser Herr, der Markgraf von Meißen, Albrecht I. (auch Albrecht der Stolze genannt) befahl, dass mein Vater mich selbst ausbildete. Er hielt sehr viel von ihm und bestimmte mich als dessen Nachfolger, wenn dieser einmal nicht mehr sein würde. Jedoch nur, wenn ich meinen Meisterbrief noch vor seinem Tode erhielte. So gab ich alles, um unseren Herrn nicht zu enttäuschen. Immerhin war mein Vater bereits in hohem Alter.“

„Es kam anders als geplant“, erkannte Engelin richtig.

„So ist es“, sprach Wenzel weiter. „Kurz nachdem ich meinen Gesellenbrief erhielt, verstarb mein Vater plötzlich. Da ich aber den Meister noch nicht hatte und ich diesen auch nicht so schnell erreichen konnte, nachdem mein Vater zu zeitig von uns ging, bestimmte unser Herr einen anderen Schneider als Nachfolger meines Vaters. Für mich gab es bei ihm keine Arbeit, denn er brachte seine eigenen Gesellen mit.“

Mitleidig sah Engelin Wenzel an. Sie erkannte, wie sehr er an seiner Heimat hing und wie es ihn schmerzte, sie verlassen zu müssen.

„Für mich würde nichts anderes übrig bleiben, als auf Wanderschaft zu gehen. Da auch meine Mutter bereits vor langer Zeit von uns gegangen war, hielt mich nun nichts mehr in Meißen und der Burg. So bin ich nun hier gelandet, so gut wie mittellos, ohne Arbeit und Unterkunft“, sagte der junge Mann. „Doch einen Lichtblick habe ich in dieser schönen Stadt hier.“ Er schaute Engelin verliebt an, die sofort wieder errötete.

„Wie meint Ihr?“, wagte sie zu fragen. Die Worte wollten beinahe nicht aus ihrem Mund, so sehr schnürte es ihr den Hals zu. Sollte es womöglich sein, dass dieser Fremde das Gleiche fühlte wie sie? Ihr Herz wurde warm. „Bitte, sagt es mir! Ich sterbe sonst vor Neugier!“, forderte sie ihn auf. Dass Melisande neben ihr verlegen hüstelte, überhörte sie einfach. Zu sehr hatte Wenzel sie in seinen Bann gezogen.

„Dieser Lichtblick, der seid Ihr, liebste Jungfer. Ich sah Euch und sofort machte mein Herz einen lebhaften Sprung, dass ich dachte, es verließe meine Brust um zu dem Euren zu fliegen“, gab er nach einer Weile zu.

Engelin jubilierte innerlich. Am liebsten hätte sie ihr Glück laut herausgerufen, doch ein Stups ihrer Magd in die Seite ließ sie inne halten. Melisande war wie eine Schwester mit ihr zusammen aufgewachsen und kannte sie gut genug, um ihr Handeln vorhersehen zu können. Es gehörte sich für eine Jungfer ihres Standes nicht, sich in der Öffentlichkeit so zu benehmen.

„Eure Meinung über mich ehrt mich sehr“, säuselte Engelin stattdessen. „Was wollt Ihr nun tun? Habt Ihr ein Ziel?“, fragte sie noch.

„Ich wollte mich hier in der Stadt umsehen. Vielleicht gibt es einen Schneider, in dessen Dienste ich treten kann“, erwiderte Wenzel. „Außerdem gibt es hier eine junge Dame, für die es sich lohnt, zu bleiben“, flüsterte er Engelin zu und küsste verstohlen ihre Hand. Melisande neben ihnen musste die Ohren spitzen, um seine Worte verstehen zu können, so leise sprach er.

„Ihr beschämt mich“, flüsterte Engelin zurück. Doch dann besann sie sich auf das Wesentliche. Sie musste dem jungen Mann unbedingt helfen. Er durfte die Stadt keinesfalls verlassen, bevor sie ihn nicht näher kennen gelernt hatte. „In der Frauengasse gibt es einen Schneider. Schnack ist sein Name. Bei ihm lassen meine Eltern ihre Gewänder schneidern. Geht zu ihm und sagt, ich würde Euch schicken und Euch wärmstens empfehlen.“ Sie schaute sich Wenzels Rock an. „Ich nehme an, Ihr habt Eure Kleidung selbst geschneidert“, fragte sie.

„Natürlich, das habe ich. Darauf gebe ich mein Ehrenwort. Ich habe auch noch weitere meiner Kleider dabei, sowie mein Gesellenstück, die ich dem Meister gerne zur Begutachtung vorzeigen kann.“ Er wies auf das Bündel, das er neben sich auf der Bank abgelegt hatte.

Plötzlich hörte Engelin die Glocken der nahen Stiftskirche. Es schlug elf Mal.

„Oh mein Gott, so spät schon!“, stieß sie aus. „Mutter wird außer sich sein und mit mir schimpfen. Sie mag es nicht, wenn ich trödele. Melisande, wir müssen ganz schnell nach Hause.“ Engelin sprang auf. „Es tut mir leid. Meine Mutter wartet auf die Einkäufe. Wie gern hätte ich noch länger mit Euch geplaudert“, sagte sie zu Wenzel, der ebenfalls aufgestanden war. „Gehabt Euch also wohl.“ Damit wollte sie sich entfernen, obwohl es ihr das Herz brach, Wenzel zurück zu lassen. Doch irgendwie würde sie ihn bestimmt finden. Nur was sollte sein, wenn er nicht in der Berggasse unterkam? Sie wusste es noch nicht, würde aber ganz bestimmt einen Weg finden.

„Haltet ein!“, rief Wenzel aus. „Sagt mir noch Euren Namen, damit ich ihn beim Schneider in der Frauengasse auch nennen kann.“

„Engelin Nickolin, die Tochter des Kaufmanns Nickol aus der Berggasse“, nannte sie ihm das Gewünschte. Da fiel ihr im letzten Augenblick noch ein, die Gunst der Stunde zu nutzen. „Nun muss ich aber wirklich eilen. Kommt morgen nach der Frühmesse zu dieser Bank. Ich werde auf Euch warten“, rief sie ihm noch zu und lief so schnell sie konnte, davon. Melisande folgte ihr.

Nachdenklich blickte Wenzel den beiden Mädchen hinterher, bis sie um die Ecke bogen und aus seinem Blickfeld verschwanden. Er haderte erst mit sich selbst, doch dann besann er sich. Er musste zum Schneider Schnack in die Frauengasse, nach Arbeit und Unterkunft fragen.

***
Am Abend saß Engelin mit ihrer Mutter in der Wohnstube. Der Vater war ins Wirtshaus gegangen und das Gesinde hatte sich bereits zurück gezogen.

Engelins Mutter hatte das Strickzeug herausgeholt und arbeitete an Handschuhen für den Winter, während die Tochter Hemden des Vaters ausbesserte. Ihre Gedanken schwirrten wie ein Vögelchen zu Wenzel, der hoffentlich bei Schneider Schnack eine Anstellung gefunden hatte. Was er wohl gerade tat? Ob er auch an sie dachte, so wie sie an ihn? Erneut wurde es ihr warm ums Herz und ein süßes, noch unbekanntes Kribbeln verirrte sich in ihren Schoß. Hatte sie sich verliebt? Wie konnte es sein? Sie kannte Wenzel doch noch gar nicht. Gerade einmal war sie ihm begegnet und schon hatte sie Schmetterlinge im Bauch. Das Mädchen dachte nach. Die Gefühle, die sie auf einmal auf sie einstürzten, verwirrten sie.

„Tochter, du bist heute so still“, sagte auf einmal ihre Mutter. „Fühlst du dich nicht wohl? Deine Wangen glühen.“

Engelin schaute von ihrem Flickzeug auf. War es wirklich so ersichtlich? Ihr wurde noch heißer. „Es ist nichts, Mutter“, erwiderte sie und nahm sich vor, so zu sein wie immer.

Die Mutter kam zu ihr und setzte sich neben sie. „Trotzdem, du bist heute so anders“, sagte sie und fühlte an Engelins Stirn, die glühend heiß war. „Du scheinst Fieber zu haben.“ Ihr sorgenvoller Blick traf das Mädchen, das unwillkürlich zusammen zuckte und sich beinahe mit der Nadel in den Finger stach. „Gehe lieber zu Bett. Ich möchte nicht, dass du krank wirst. Ich bringe dir gleich noch eine heiße Milch.“

„Das werde ich tun, Mutter“, erwiderte Engelin artig und erhob sich. Sie packte die Hemden zusammen und legte sie in den Korb, den sie unter die Bank schob. Dann ging sie nach oben in ihre Kammer. Dort zündete sie die Kerze an, die auf ihrer Kleidertruhe stand und schaute in den blank polierten Teller, den sie als Spiegel benutzte. Ihr blickte ein Mädchen mit großen glänzenden Augen und geröteten Wangen entgegen. Sie machte einen Kussmund, so als wolle sie gleich ihrem Liebsten die Lippen zum Kuss darbieten. Ihr Herz sprang aufgeregt in ihrer Brust, als sie sich vorstellte, Wenzel würde sie küssen. Engelin wurde es noch heißer. Zum Glück hatte Melisande an die Waschschüssel und einen gefüllten Krug mit Wasser gedacht, den sie abends immer in ihrer Kammer haben wollte, um sich den Staub des Tages abzuwaschen. Sie schüttete das Wasser in die Schüssel und schöpfte mit den Händen ein wenig heraus, um sich ihr glühendes Gesicht zu kühlen. Leise aufstöhnend genoss sie das kühle Nass auf ihren Wangen.

Gerade als sich Engelin abtrocknete, klopfte ihre Mutter an die Kammertür. „Tochter, Liebes, bist du noch wach?“, hörte sie draußen im engen Flur die Mutter fragen.

„Ich bin noch wach“, antwortete Engelin. „Kommt doch herein, Mutter.“ Sie legte das Tuch beiseite.

„Hier ist deine heiße Milch. Ich habe noch ein wenig Honig dazu getan. Das wird dir gut tun“, sagte ihre Mutter, die mit einem dampfenden Becher eintrat. „Kind, du machst mir Sorgen“, sagte sie zu ihr, als sie der Tochter den Becher reichte. „Hoffentlich wirst du nicht krank. Immerhin warst du heute bei diesem Sauwetter auf dem Markt unterwegs. Du kamst ganz nass und abgekämpft zurück.“

„Ich werde schon nicht krank“, widersprach Engelin und trank die noch heiße Milch mit kleinen Schlucken. „Mit diesem Schlaftrunk werde ich ganz bestimmt tief und fest schlafen. Ihr werdet sehen, morgen bin ich wieder ganz die alte.“ Dass sie heute eine aufregende Begegnung hatte, verriet sie ihrer Mutter lieber nicht.

„Dein Wort in Gottes Ohr. Ich lasse dich nun allein. Schlaf gut und eine gute Nacht. Gott schütze dich.“

„Gott schütze auch Euch und den Vater, gute Nacht“, erwiderte Engelin und wartete, bis die Mutter ihre Kammer verlassen hatte. Dann legte sie ihr Kleid ab und begab sich zu Bett.

***
In der Nacht schlief Engelin tief und fest. Die heiße Milch mit Honig hatte wahre Wunder vollbracht. Doch dann schlich sich ein Traum auf leisen Sohlen ein. Unruhig warf sie sich in ihrem Bett hin und her, durchwühlte die Laken und stöhnte herzerweichend. Ihr Körper bog sich und glühte vor Verlangen. Immer wieder flüsterte sie im Schlaf Wenzels Namen. 


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