Schlaflos

Mein Beitrag zum 3. Wettbewerb in der Bookrix-Gruppe "Gemeinsam"

 

Vorkommen müssen mindestens acht der elf Worte: Krankenstation, Weihnachtspaket, Revanche, höllisch, verstorben, Fallzeit, Augenlid, Nachbar, Geschwindigkeit, Birne, Verband. – Die Worte dürfen gebeugt oder auch zusammengesetzt werden und auch mehrmals im Text vorkommen, was dann aber nur als einmal zählt.Verboten sind Ü18-Geschichten.

Die Geschichte darf maximal 4000 Worte haben.


Eine Humoreske - nicht zu ernst nehmen!

Mühsam hebt Paul ein Augenlid und versucht die leuchtende Anzeige seines Radioweckers zu fixieren. Es gelingt ihm nicht. In seinem biblischen Alter von 65 Jahren noch vollständig gesundes Augenlicht zu haben, grenzt an wahre Wunder. Er greift nach seiner Brille, ohne die es nicht mehr geht. Nicht einmal die nahe Zeitanzeige kann er klar erkennen, ohne die Augen zusammenzukneifen. Als er nach seiner Brille fasst, torpediert er diese vom Nachttisch. Schimpfend tastet Paul nach der Sehhilfe und greift mitten in die Mausefalle. Er musste sie aufstellen. Sozusagen als Revanche an die verflixte Maus, die sich an der Schokolade unter dem Kopfkissen gütlich getan hatte.

Paul schreit auf. Sein Finger schmerzt höllisch. Mit der Geschwindigkeit einer V8-Rakete schießt er aus dem Bett. Panisch schüttelt er die Hand. Doch die Falle will sich partout nicht lösen. Nach einiger Zeit gelingt es ihm trotzdem, das Folterinstrument zu entfernen.

Er torkelt zum Lichtschalter, knipst die Deckenbeleuchtung an und tritt dabei fast noch auf seine Brille. Im letzten Moment hebt er den Fuß und bewahrt somit sein edles Luxusschmuckstück vor der grausamen Zerstörung. Er klaubt es vom Boden und setzt es sich auf die Nase. Endlich klare Sicht!

Nun begutachtet Paul seinen malträtierten Finger. Bluttropfen quellen aus einer kleinen Wunde hervor. Die Mausefalle hat ganze Arbeit geleistet. Da muss unbedingt ein Verband drum, damit es sich nicht entzündet. Er will ja nicht auf einer Krankenstation landen. Paul ist halt ein sehr vorsichtiger Mensch, der absolut gar nichts dem Zufall überlassen will.

Der Verband ist schnell erledigt, jedoch an Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. Jetzt ist Paul putzmunter wie ein Fisch im Wasser. Und das mitten in der Nacht! Nun schaut er endlich auf den Radiowecker, der mit seiner roten Beleuchtung vor sich hin flimmert. Es ist 1 Uhr 11! „Na danke“, denkt Paul laut.

Er schlendert in die Küche, um sich heiße Milch mit Honig zu machen. Eine weise Frau erzählte ihm einmal, das soll gegen Einschlafstörungen helfen. Ob das auch bei ihm zutrifft, würde sich in den nächsten Minuten zeigen. Er hofft das Beste.

Während die Milch heiß wird und er das Honigglas aus dem Schrank nimmt, kreisen Pauls Gedanken um die nächsten Tage. Da fällt ihm ein, dass bald Heilig Abend ist und er unbedingt noch Pakete mit den Geschenken für die bucklige Verwandtschaft verschicken muss. Um niemanden zu vergessen, holt er sein Notizbuch und schreibt die Namen derjenigen auf, die ein Weihnachtspaket bekommen sollen. Daneben steht immer, was der- oder diejenige erhalten soll.

Als Paul die Liste noch einmal durchgeht und schaut, ob er auch niemanden vergessen hat, bleibt sein Blick bei Onkel Alfred hängen. In der Familie wird er nur „Ekel Alfred“ genannt. Sein Charakter ist nicht gerade der beste, eklig eben. An niemanden lässt er ein gutes Haar. Hatte er einmal nichts zu meckern oder zu palavern, war er krank. Keiner war vor seinen verbalen Angriffen gefeit, die oftmals sehr beleidigend sein konnten. Garantiert würde er es Paul sehr übel nehmen, wenn sein Neffe gerade ihn vergessen würde.

Pauls Gedanken kreisen wie wild. Was war nur mit Onkel Alfred? Angestrengt überlegt er. Genau! Er schlägt sich mit der flachen Hand an die Birne, besser gesagt, an die Stirn, dass es knallte und ein leicht geröteter Fleck zurückbleibt. Onkel Alfred ist ja letztes Jahr kurz nach Weihnachten verstorben. Also streicht er den Namen. Eine Sorge weniger.

Inzwischen hat Paul auch die Milch mit Honig ausgetrunken und wird endlich müde. Den benutzten Becher will er gleich in die Spülmaschine stellen. Nichts hasst der Reinlichkeitsfanatiker mehr als sinnlos herumstehende und schmutzige Dinge. Doch der Becher gleitet seiner aus der Hand. Mit einer Fallzeit von weniger als einer halben Sekunde schlägt das gute Stück auf den Küchenfliesen auf und zerschellt in tausend Stücke. Wütend schimpft Paul über sich und seine Dämlichkeit. Dabei beseitigt er weiterhin vor sich hin schimpfend die Scherben.

Plötzlich ein Hämmern gegen die Wand. „Hey, du Dumpfbacke! Schau mal an die Uhr! Es ist 2 Uhr 22! Was soll der Lärm?“, schimpft sein Nachbar und bester Freund Gustav.

„Selber Dumpfbacke!“, schreit der genervte Paul zurück und putzt seelenruhig weiter.

Die Küche ist endlich in einem Zustand, dass Paul beruhigt schlafen gehen kann. Er löscht überall das Licht und begibt sich zu Bett. Wohlig kuschelt er sich in ihre Decke und schließt die Augen.

Doch was war das? Erschrocken fährt er aus der Waagerechten in die Senkrechte. Nachbar Gustav spielt auf seiner E-Gitarre Heavy Metal. Das kann doch gar nicht wahr sein! Er will sich wohl für den Krawall von vorhin revanchieren?

Aber Paul lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Arschloch“, grummelt er und steckt sich Ohropax in die Ohren. „Welch himmlische Ruhe“, seufzt er dann zufrieden und schließt die Augen.

© by Milly B. / 06.07.2018