Onkel Herbert

Ein Beitrag zum MikroFiction-Wettbewerb 

im Dezember 2018 und Januar 2019

zum Thema "Wunsch"


Onkel Herbert liebt es, in glückliche Kinderaugen zu schauen. Zu Ostern und zu Weihnachten zwängt er sich in seine Kostüme und macht sich auf den Weg. Kinderstationen in Krankenhäusern, Kindergärten und Grundschulen sind sein Ziel. Freudestrahlend laufen ihm die Kinder entgegen, sobald er nur in ihre Nähe kommt.

 

Heute gilt sein Besuch einer Familie aus seinem Bekanntenkreis. Die Eltern wollen ihren Kindern klarmachen, dass es ihn doch noch gibt. Sein Osterhasenkostüm ist Herbert in den letzten Jahren etwas eng geworden. Aber das macht ihm nichts aus, solange er den kleinen Erdenbürgern eine Freude machen kann.

 

Vorsichtig schleicht sich Herbert in den gepflegten Garten seiner Freunde. Durch die große Fensterscheibe sieht er die Familie am Tisch sitzen. Die Eltern reden auf die Kinder ein, die vor Aufregung am liebsten aufgesprungen und in den Garten gerannt wären. Herbert beginnt, seine Mitbringsel zu verstecken. Schnell sind geeignete Stellen gefunden. Als er damit fertig ist, klopft er ans Fenster.

 

Sogleich erschallen von drinnen laute Jubelschreie. Getrappel ist zu hören, dann wird die Tür aufgerissen und die Kinder stürmen heraus. Staunend stehen sie vor dem riesigen Mann im flauschigen Osterhasenkostüm. „Es gibt ihn doch“, schreien sie wild durcheinander und fuchteln mit den Händen vor seiner Nase herum.

 

„Osterhase, hast du uns was mitgebracht?“, fragen sie aufgeregt. Jeder will seinen Wunsch zuerst aussprechen.

 

Geschockt winkt der der Osterhase ab und wackelt mit den Ohren. „Ja bin ich denn der Weihnachtsmann?“, knurrt er empört. „Sucht lieber eure Süßigkeiten“, sprach er noch und ließ die Kinder enttäuscht stehen.

 

 

© by Milly B. / 02.01.2019