Unheimliche Stimmen


Außer, dass der Mond ab und an hinter den Wolken hervorlugte und versuchte, die Düsternis zu durchbrechen, war es stockfinster. Margarita stand unschlüssig am Eingangstor des örtlichen Friedhofes und überlegte, ob sie es wagen sollte, diese Abkürzung nach Hause zu nehmen. Eigentlich war sie nicht ängstlich, doch diesen düsteren Ort bei Nacht und Nebel betreten zu müssen, war ihr ein wenig unheimlich. Allerdings würde sie die Wette, die sie mit ihren Freunden abgeschlossen hatte, verlieren, wenn sie es nicht tun würde. Den Spott ihrer Clique wollte sie sich nicht aussetzen, dazu war sie viel zu stolz. Sie wusste, sie wird am anderen Ende erwartet. Nicht dort am Ausgang zu erscheinen, wäre uncool, wie es ihre beste Freundin meinte.

 

Etwas entfernt hörte Margarita ein verhaltenes Kichern, das in ihren Ohren wie Häme klang. Als sie sich umdrehte, bemerkte sie nur ein Käuzchen, das auf einem Ast eines Baumes saß und sie mit großen, fast glühend wirkenden Augen, ansah.

 

„Ja, lach du nur!“, sprach Margarita das Käuzchen fast wütend an. „Du hast es gut, du kannst über den Friedhof fliegen, während ich diesen unheimlichen Weg hindurch gehen muss. Nur wegen dieser blöden Wette!“ Ein eisiger Schauder zog ihr über den Rücken.

 

Der Kauz machte nur noch einmal ein keckerndes Geräusch ehe er seine Schwingen ausbreitete und davonflog.

 

Vorsichtig schob Margarita das schwere Eisentor auf. Zaghaft trat sie endlich hindurch und schaute sich um. Der Friedhof sah im Dunkeln noch grusliger aus als am Tag. Die Grabsteine, die Reih in Reih standen, wirkten wie Soldaten, die auf den Angriff der Feinde warteten.

 

Langsam ging die junge Frau weiter. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und wagte es dabei nicht, sich umzuschauen. Schnurstracks lief sie den Weg entlang, immer dem anderen Ausgang entgegen.

 

Nur nicht verrückt machen lassen, sprach sie sich immer wieder Mut zu während sie weiterging. So schnell wie möglich wollte sie diesen unheimlichen Ort verlassen und endlich nach Hause in ihr Bett. Ihren Freunden würde sie es schon zeigen, von wegen ängstliche Zicke!

 

„Margarita, komm her zu mir“, hörte sie es plötzlich dicht neben sich flüstern.

 

Erschrocken sah sie sich um, doch da war niemand. Nur der Wind strich um die Gräber und ließ sie darauf stehenden Blumen sich sanft wiegen. Margarita schüttelte den Kopf, um das Hirngespinst zu vertreiben und lief nun ein wenig schneller weiter. Ihr Herz pochte dabei wie wild geworden.

 

„Margarita, komm her zu mir“, war da wieder diese Stimme zu hören, diesmal viel fordernder. Sie brannte sich in ihr Hirn wie ein Brandeisen in das flauschige Fell eines neugeborenen Fohlens. Das wiederholte sich mehrmals, bis Margarita dem unheimlichen Ruf wie in Trance hinterherging. Obwohl ihr kalte Schauer über den Rücken liefen und sie wie Espenlaub zitterte, folgte sie der Aufforderung. Immer weiter kam sie vom Hauptweg ab, der sie eigentlich nach Hause führen sollte.

 

Sie lief so lange, bis sie an einem großen Monument ankam. Margarita erinnerte sich nicht, es jemals auf dem Friedhof gesehen zu haben. Interessiert versuchte sie die Inschriften, die auf einer Marmorplatte eingraviert waren, zu entziffern. Doch die Namen, die darauf zu lesen waren, kannte sie nicht.

 

Nun kam auch Nebel auf, der Margarita noch unheimlicher wurde. Es war kein gewöhnlicher Nebel, so wie sie ihn bisher kannte. Es waren eher wabernde Wolken, die umherzogen, mal höher und mal tiefer über dem Boden, der ihre Sinne benebelte und ihr vorschwebte, singende, fröhliche  Menschen zu sein. Der Nebel breitete sich aus, bis er Margarita und das Monument voll einschloss. Die weiteren aufkommenden Stimmen, die sie lockten, versuchte sie abzuschütteln. Jedoch gelang es ihr nicht.

 

So schnell wie der Nebel kam, verschwand er wieder. Nun erhellte der Mond die Szenerie, sodass Margarita besser sehen konnte. Sie blickte erneut auf das Monument und erkannte eine Tür, die einladend offen stand. Daraus hörte sie wieder diese unheimliche Stimme, die sich in ihr Hirn eingebrannt hatte, die sie zu steuern schien. Margarita folgte dem Ruf und trat durch die offene Tür ins Innere. Überall standen brennende Kerzen, die den kleinen Raum in ein schummriges Licht tauchten. Mehrere Särge standen herum, bedeckt mit vielen frisch wirkenden Blumen. Erstaunt über die Frische, schaute sie näher und bemerkte dabei, die Blumen waren künstlich.

 

Ein Knarren war von einem Ende der Gruft zu hören. Margarita schaute wie gebannt in diese Richtung und sah, wie sich ein Sargdeckel bewegte. Immer weiter öffnete er sich. Margarita bekam Angst, doch der Bann, der ihr von der unheimlichen Stimme auferlegt worden war, ließ sie ruhig stehenbleiben. Nur ihr eigener Herzschlag war in der Stille der Gruft überlaut zu hören.  

 

Ein aufkommender Luftzug ließ sie sich umblicken. Sie erkannte das Käuzchen, das sie am Eingangstor des Friedhofes entdeckt hatte. Es flog zu einem der Särge, setzte sich darauf und starrte sie mit großen Augen an. Margarita war es, als würde es ihr etwas mitteilen wollen. Doch das Käuzchen blieb stumm.

 

Wieder kam ein Scharren aus einer Ecke der Gruft. Margarita blickte hinüber. Der Sargdeckel, der sich eben bewegt hatte, war nun vollends weggeschoben. Die junge Frau stand wie zur Salzsäule erstarrt und konnte sich nicht rühren.

 

Etwas bewegte sich im Sarg. Es raschelte, als würden Stoffbahnen im Wind bewegt. Es roch nach Rauch, nein, Weihrauch war es nicht, das kannte Margarita. Dem Rauch folgte ein fast modriger Geruch, gefolgt von einem berauschenden Parfümduft.

 

Wie gebannt starrte Margarita auf den Sarg. Sie konnte sich nicht rühren. Jemand erhob sich, bleich, mit starrem Blick und pechschwarzen Haaren. Dieser Jemand blickte Margarita an. Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, ehe er sich erhob und aus dem Sarg stieg. Er ging auf Margarita zu, die immer noch wie gebannt auf den Untoten starrte.

 

Er kam näher, ganz nah. Dann nahm er sie in seine Arme und küsste sie auf die Lippen. Der Kuss ließ sie halb ohnmächtig werden. Dann spürte sie plötzlich einen Biss an ihrem Hals. Ihr Blut rauschte, ihr wurde taumelig. Sie fiel zu Boden.

 

Ehe sie gänzlich ohnmächtig wurde, hörte sie Flügelschläge über sich und die unheimliche Stimme erfreut rufen: „Graf Zack ist endlich frei!“