Vollmondnacht


Der Waldweg, den Siegbert entlangging, lag in völliger Dunkelheit. Dunkle Wolken bedeckten den nächtlichen Himmel. Sie verdrängten den Vollmond, dessen Strahlen eigentlich den Weg des einsamen Wanderers erhellen sollten. Ein wenig ängstlich schaute sich der Mann um, als ganz in seiner Nähe der Ruf eines Käuzchens ertönte und er Flügelschlagen hörte. Doch er konnte nicht erkennen, aus welcher Richtung der Vogel geflogen kam. Erst als dieser knapp über seinem Kopf hinwegflog, duckte sich Siegbert schützend zu Boden. Er konnte schon die Krallen des Tieres in seinem Haupthaar spüren und den Luftzug, den die Flügel verursachten.

 

 

Käuzchen bedeuten nichts Gutes, Käuzchen bedeuten Tod und Leid, hörte er als Kind von seiner Großmutter, wenn diese ihm Schauermärchen erzählte. Sie berichtete von Werwölfen, Vampiren, Geistern, Zauberern, Hexen und anderen gruseligen und finsteren Gestalten, die dem Jungen den Schlaf raubten. Noch heute als Erwachsener wagte er sich des Nachts und vor allem bei Vollmond kaum aus dem Haus. Zu sehr hatten sich die Erzählungen in seinem Hirn eingebrannt.

 

„Mummenschanz. Deine Großmutter erzählte nur Schauermärchen“, meinte seine Frau Barbara oft lachend, wenn er wieder einmal abgehetzt mitten in der Nacht aus der Wirtschaft nach Hause kam.

 

Da, erneut ein unheimliches Rascheln im Gebüsch. Erschrocken sah sich Siegbert um. Doch nichts war zu sehen. Schnurstracks lief er weiter, dabei immer geradeaus blickend, den vor ihm liegenden Weg vor Augen. Kurz vor ihm hoppelte ein Hase aus den Sträuchern und blieb mitten auf dem Pfad sitzen. Beinahe wäre Siegbert über das Tier gestolpert. Mit seinen großen Augen sah der Hase ihn an, die Nase schnuppernd bewegend.

 

„Nur ein kleiner Hase, der meinen Weg kreuzt“, beruhigte sich Siegbert. „Zum Glück bin ich bald zu Hause“, sagte er erleichtert zu sich selbst. In der Ferne sah er bereits die Lichter seines Hauses. Seine Frau wartete bestimmt schon sehnsüchtig auf ihn. Schnellen Schrittes lief er weiter. Die Bäume neben dem Weg wirkten wie Riesen, die in Reih und Glied standen und Wache hielten.

 

Plötzlich zog der Himmel gänzlich zu. Kein Lichtstrahl des Mondes war mehr zu sehen, dunkle Wolken schwebten wie Heerscharen wild gewordener Legionäre über den Himmel. Ein Sturm kam auf. Das Laub des Waldes raschelte geheimnisvoll. Es klang beinahe so, als würden sie ihn rufen, ihn locken, ihn in die Verdammnis zerren, aus der keinerlei Rückkehr möglich war.

 

Wieder vernahm Siegbert das Rufen des Käuzchens. Diesmal ganz nahe. Wie erstarrt blieb er stehen. Er wagte es kaum, sich zu rühren. Eine Gänsehaut überzog seine Unterarme, während sich seine Nackenhaare aufstellten.

 

„Ruhig, es ist nichts“, versuchte sich Siegbert zu beschwichtigen. Sein Herz schlug so schnell und hart, als wolle es sogleich aus seiner Brust springen.

 

Unbeirrt geradeaus schauend lief er weiter. Weder nach links noch nach rechts blickte er. Doch seine Sinne nahmen alles um ihn herum wahr. War da nicht ein böses Knurren aus dem Gebüsch zu hören? Hockte dort nicht eine dunkle Gestalt in einem Versteck und lauerte ihm auf? Womöglich wollte sie ihn ausrauben, oder gar nach dem Leben trachten.

 

Die Angst machte sich immer breiter in Siegberts Brust.  Gerade heute zur Vollmondnacht musste er spät nach Hause gehen. Dabei wusste er, dass er sich jedesmal ängstigte, wenn er dies tat. Konnte er nicht einmal bei Tage den Weg nach Hause einschlagen?

 

„Ich Blödmann“, beschimpfte sich Siegbert selbst und lief weiter.

 

Hinter sich ein Hecheln hörend, blieb er stehen. Grausame Gedanken über Wegelagerer, Räuber und wilde Tiere flitzten durch sein aufgebrachtes Hirn.

 

„Wer da?“, rief Siegbert extra laut. Doch keine Antwort kam auf seine Frage. Nochmals rief er „Wer da?“ und versuchte die Dunkelheit mit den Augen zu durchbrechen. Waren da nicht zwei grell blitzende Augen zu sehen? Mitten aus dem Gebüsch starrten sie ihn an, als würden sie ihn hypnotisieren wollen.

 

„Komm raus!“, schrie Siegbert dem mutmaßlichen Verfolger entgegen. Seine Hand ging zu seinem Gürtel, an dem er stets ein Messer bei sich trug. Wieder spürte er sein Herz, das wild in seiner Brust schlug und wie sich seine Nackenhaare noch mehr aufstellten.

 

„Ich lasse mich nicht verunsichern“, rief er in Richtung der Kreatur, die da im Gebüsch hockte und ihn anstarrte. „Komm raus und sage mir dein Begehr!“ Doch immer noch keine Reaktion. Siegbert lief einfach weiter, ohne auf den vermeintlichen Verfolger zu achten. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, sagte er laut zu sich selbst und versuchte nicht mehr daran zu denken.

 

Hinter sich hörte er ein erneutes Keuchen. Schritte kamen näher, immer schneller, ihm dicht auf den Fersen. Siegbert lief schneller, versuchte dem Untier zu entkommen. Er vernahm schon das Kratzen scharfer Krallen auf dem Weg, kurz hinter ihm. Heißer Atem traf seinen Nacken.  Er roch die Kreatur, den Brodel seines widerlichen Atems, die Ausdünstungen des Körpers, die in Siegbert einen Würgereiz hervorriefen. Dann biss das Untier unvermittelt zu. Scharfe Zähne schlugen in das Fleisch des Opfers. Blut rann aus tiefen Wunden. Siegbert schrie, wehrte sich, versuchte zu entkommen. Doch kein Ausweg war in Sicht. Musste er sich ergeben?

 

„Nein! Loslassen!“, schrie er voller Qual.

 

***

„Schatz, wach auf! Was hast du denn?“, hörte Siegbert seine Frau wie durch eine Nebelwand rufen. Er richtete sich erschrocken auf. Seine Frau Barbara saß aufrecht neben ihm und versuchte ihn zu beruhigen. Schweiß rann ihm in Strömen am Leib herab. Sein Hemd war durchnässt, die Laken zerknüllt. Sein Atem ging schnell wie nach einem raschen Lauf.

 

„Es ist alles gut“, beruhigte Barbara ihn weiter, so lange, bis sein Atem wieder normal ging.

 

„Was war denn los?“, fragte Siegbert leicht verwirrt. Er wusste nicht, was geschehen war, warum er mitten in der Nacht geweckt wurde. Er bemerkte nur seinen schnellen Atem, das wilde Herzklopfen.

 

„Du hattest wohl einen Albtraum“, erwiderte Barbara. „Schlafen wir weiter, es ist spät“, sagte sie noch, ehe sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte.

 

Siegbert legte sich wieder nieder und zog seine Bettdecke über sich. Als er in Richtung Fenster sah, das wie immer nachts offen stand, bemerkte er, es war Vollmond und unheimliche Wolken zogen am Himmel entlang. In der Ferne hörte er ein Käuzchen rufen. Genau wie in seinem Traum.